Ärzte Zeitung, 13.10.2011

Der App-Boom geht in die nächste Runde

Der Markt für Apps im Gesundheitsbereich entwickelt sich rasant. Damit Ärzte nicht den Überblick verlieren, startet die "Ärzte Zeitung" eine Serie zu Gesundheits-Apps.

Von Kerstin Mitternacht und Pete Smith

Der App-Boom geht in die nächste Runde

Mit einem Fingertipp immer und überall die neuesten Nachrichten, das geht mit der App der "Ärzte Zeitung".

© M. Illian

NEU-ISENBURG. Apps für Smartphones legen bei der Beliebtheit immer weiter zu. Mehr als 15 Millionen Deutsche haben laut dem Hightech-Verband BITKOM die kleinen Programme auf ihrem Handy oder Smartphone - etwa dem iPhone von Apple - installiert.

Dabei haben Smartphonebesitzer im Durchschnitt 17 Apps auf ihrem Mobiltelefon. Der App-Markt befinde sich noch am Anfang und habe ein enormes Potenzial nach oben, so die Einschätzung von René Schuster, BITKOM-Präsidiumsmitglied.

Markt entwickelt sich auch im Gesundheitsbereich rasant

Auch im Gesundheitsbereich entwickelt sich der Markt rasant. Neben Apps, die über Gesundheitsthemen informieren, oder mit denen sich Werte wie das Körpergewicht kontrollieren lassen, gibt es auch immer mehr spezielle Zusatzgeräte, die Blutdruck oder Puls berechnen.

So wird mithilfe einer App und einem kleinen Zusatzgerät aus dem Handy schnell ein Medizingerät. Über eine Internetverbindung lassen sich die Messwerte dann unkompliziert an einen Arzt weiterleiten.

Die "Stiftung Warentest" hat gerade solche Zusatzgeräte getestet. Die Frage, die sich die Tester stellten, lautete: Kann das Blutdruck- oder Blutzuckermessen mit iPhone oder iPad mit der Messung durch herkömmliche Geräte mithalten?

"Stiftung Warentest" war überzeugt von drei erhältlichen Zusatzgeräten

Das Ergebnis: Beim Thema Blutdruck- und Blutzuckermessung konnten die drei auf dem Markt erhältlichen Zusatzgeräte die Tester überzeugen und erhielten durchweg gute Noten. Diese Verbindung von Medizintechnik und mobiler Kommunikation wird den Gesundheitsmarkt in Zukunft weiter verändern.

Denn auch medizinische Laien können mit Apps ihre Körperfunktion einfach überwachen und sich und den Praxisteams so oft Zeit raubende Praxisbesuche sparen. Sofern die Patienten im Umgang mit den Geräten geübt sind.

Dies zeigt auch eine internationale Studie des Instituts research2guidance, die Anfang des Jahres von BITKOM vorgestellt worden ist. Die Studie sagt den Gesundheits-Apps auf Smartphones eine herausragende Zukunft voraus.

Danach erwarten zwei Drittel der 231 befragten Unternehmen im Gesundheitssektor, dass im Jahr 2015 (bezogen auf die Industrieländer) die Mehrheit der Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Therapeuten Gesundheits-Apps verwenden werden.

Serie: Apps im Gesundheitswesen

Täglich kommen hunderte von neuen Apps für Smartphones und Tablet-PC auf den Markt.

Auch im Bereich Medizin und Gesundheit wächst der Markt rasant. Damit Ärzte nicht den Überblick bei Gesundheits-Apps und Apps fürs Praxismanagement verlieren, testet die "Ärzte Zeitung" in einer Serie für sie die neuesten und interessantesten Apps.

Achten Sie einfach auf die Rubrik "Gesundheits-Apps". Zum Start der Serie stellen wir Ihnen die App der "Ärzte Zeitung" vor.

Nach Berechnungen von BITKOM existieren derzeit weltweit rund 520.000 Apps. Die Mehrzahl dieser Apps sind kostenlos, für einige werden Preise von durchschnittlich drei Euro verlangt.

Ärzte können mit Apps Therapietreue bei Patienten steigern

Da täglich Hunderte neue Applikationen auf den Markt kommen, ist es schwer, den Überblick zu behalten. Aus diesem Grund wird die "Ärzte Zeitung" in einer Serie die neuesten Apps aus Medizin und der Gesundheitsbranche, aber auch interessante Apps fürs Praxismanagement vorstellen. Denn die kleinen Programme können Patienten und Ärzte im Alltag unterstützen.

Ärzte können mit Apps etwa die Compliance bei ihren Patienten steigern, durch die regelmäßige Überprüfung von Messwerten den Patienten die Sicherheit geben, dass ihr Arzt bei kritischen Werten reagieren kann oder Patienten mithilfe einer App dazu bringen, dass sie sich mehr bewegen und Spaß daran haben.

Gesundheits-Apps wie AsthmaApp oder Notfall-mobil-App

Ein paar Beispiele für Gesundheits-Apps: Patienten mit Asthma können mithilfe des AsthmaApp, entwickelt von GlaxoSmithKline und dem Online-Portal Luft-zum-Leben.de, einen Asthmakontrolltest machen sowie Pollenflugdaten einsehen.

Takeda Pharma stellt eine Notfall-mobil-App zur Verfügung, die Notrufnummern mit Direktwahl listet und den eigenen Standort an die Leitstellen weiterleitet. "MyHandicap", eine App der Stiftung MyHandicap und der Kölner Ford-Werke, gibt die Adressen behindertengerechter Einrichtungen an.

Mangelnder Datenschutz der Apps wird kritisiert

Ein Kritikpunkt an den Apps ist der mangelnde Datenschutz. Wenn medizinische Daten unverschlüsselt und kabellos versendet werden, sind sie auch für Dritte einsehbar. Datenschützer befürchten hier Missbrauch und warnen vor dem gläsernen Patienten.

Außerdem bemängeln Kritiker, dass noch immer ein gemeinsamer Standard fehlt, der die Kompatibilität von Apps fürs iPhone mit denen anderer Smartphone-Hersteller sicherstellt.

Lesen Sie dazu auch:
Mit der App der "Ärzte Zeitung" bestens informiert

[17.10.2011, 18:04:24]
Dr. Michael Lauk 
Medizintechnik oder nicht?
Der Beitrag von Herrn Thoma zeigt eine große Unsicherheit in diesem Bereich erfordert Aufklärung. Viele Hersteller der Apps wissen sehr wohl über die Prozesse und Qualitätsanforderungen der Medizintechnik Bescheid, weil sie schlicht aus diesem Feld kommen. Die Differenzierung zwischen Medizintechnik und Konsumenten-Elektronik war nie besonders einfach, auch nicht vor dem Zeitalter der Apps. In den USA hat die FDA (bekanntermaßen für Hersteller deutlich "unangenehmer" als die Europäischen Anforderungen) das Thema pragmatisch aufgearbeitet und klar definiert, wann ein App gemäß der geltenden Prozesse entwickelt werden muss und wann nicht (http://www.fda.gov/ForConsumers/ConsumerUpdates/ucm263332.htm).

Im Sinne dieser Abgrenzung, die sinnvollerweise risikobasiert ist, sind die meisten Apps KEINE Medizintechnik, da sie schlicht weder als Zubehör eines Medizingerätes angeboten werden noch einem Arzt als wesentliches Mittel zur Erstellung einer Diagnostik oder als wesentliches Mittel zur Entscheidung einer Intervention dienen.

Daneben haben einige Apps aber auch heute schon eine FDA Zulassung und wurden nach den geltenden Standards entwickelt, auch hier ist das obige Pauschalurteil nicht richtig (beispielsweise Apps zur Ansicht und Verarbeitung von Bildern aus Röntgen, CT und MRI).

Im übrigen muss man hier die Verantwortung umkehren, das gilt ohnehin auch für alle anderen technischen Hilfsmittel, deren sich ein Arzt bedient: Wenn ein Gerät eine entsprechende Zulassung hat, muss der Arzt sich darauf verlassen können, dass die Qualitätsstandards eingehalten werden. Hat ein Gerät die Zulassung nicht, liegt es in der Verantwortung des Arztes zu entscheiden, ob er dieses Gerät verwendet bzw. den Ergebnissen traut oder nicht. Das gilt nicht erst seit der Einführung der Medical Apps. Der Konsument (Patient) nutzt schon jahrelang Gesundheitstechnik, die keine medizintechnische Zulassung hat, was auch völlig in Ordnung ist, denn das würde weit über das Ziel hinausschießen.

Insofern gibt es hier nicht mehr und nicht weniger Grauzone, als in jedem anderen technischen Bereich auch: es wird immer "schwarze Schafe" geben, die geltende Standards ignorieren. Die Abgrenzung zwischen Konsumenten-Elektronik und Medizintechnik ist bei den Apps aber klarer als bei vielen anderen Geräten, die Patientin und Patient bereits seit Jahren in jedem Supermarkt und in jeder Apotheke kaufen können.

Dr. Michael Lauk, Vorsitzender des Programmbeirats des eHealth Forums Freiburg

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[14.10.2011, 11:02:15]
Cord Wilhelms 
Gibt es schon eine APP für das Hautkrebsscreening?
Gibt es schon eine APP für das Hautkrebsscreening? Wenn nein sollte man diese APP entwickeln. Möglich wäre dann sicher auch eine Online Auswertung der Bilder durch PCs oder Spezialisten oder beides. zum Beitrag »
[13.10.2011, 23:40:37]
Wolfgang Thoma 
Medizingerät
Der notwendige hohe Standard für Medizingeräte geht bei dieser Diskussion völlig unter, und die Hersteller sind sich wohl nicht im Klaren drüber, daß sie sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Wenn ein Bug in einer App erstmal einen gesundheitlichen Nachteil begünstigt wird das Geschrei nach schärferen Gesetzen wieder groß sein. Ich vermisse eine richtungsgebende Berichterstattung der ÄZ. Mehr als Werbung für einen Hype kann ich hier leider nicht erkennen.
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