Ärzte Zeitung, 28.06.2012

E-Patientenakte - viele Vorteile für Ärzte und Patienten

Regionale Ärztenetze zeigen: Elektronische Patientenakten helfen, die Versorgung zu verbessern. Davon profitieren Ärzte und Patienten. Doch damit die schnellere Arzt-zu-Arzt-Kommunikation funktioniert, müssen die Voraussetzungen stimmen.

Von Rebekka Höhl

E-Patientenakte - viele Vorteile für Ärzte und Patienten

Über die E-Akte können Ärzte in Echtzeit Behandlungsdaten von Kollegen einsehen.

© flydragon / shutterstock.com

BERLIN. Mit der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) sollte sie kommen: eine schnellere und lückenlose Kommunikation unter den Leistungserbringern im Gesundheitswesen - die auch von den Ärzten immer wieder angemahnt worden ist.

Denn eine bessere Kommunikation bedeutet auch eine bessere Versorgung der Patienten. Getan hat sich in Sachen Vernetzung bislang jedoch wenig - zumindest auf Bundesebene.

Ganz anders sieht es auf regionaler Ebene aus: Hier zeigen die Ärztenetze, wie Vernetzung funktionieren kann. Aber auch, was nötig ist, damit die IT-Lösung anschließend auch von vielen Ärzten genutzt wird.

Behandlungspfade sparen Zeit im Praxisalltag

Das Zauberwort heißt in den meisten Ärztenetzen elektronische Patientenakte (ePA).

Denn wichtig für den Praxisalltag ist, dass der Datenaustausch für möglichst wenig Mehrarbeit sorgt, lautete der Tenor auf einem ePA-Workshop der Agentur deutscher Ärztenetze in Berlin.

Der Vorteil einer gemeinsamen elektronischen Patientenakte: Die Daten lassen sich per Knopfdruck mit der eigenen Patientenkartei synchronisieren, und alle mitbehandelnden Ärzte sehen in Echtzeit, was andere Ärzte an Infos eingestellt haben.

Außerdem können gemeinsame Behandlungspfade hinterlegt werden. Diese machen nicht nur den kompletten Behandlungsvorgang von der Diagnose bis zur Therapie sicherer, sie sparen Ärzten auch Zeit, wie die Softwarelösung des Netzes Südbrandenburg zeigt.

Das Netz nutzt für die Befundung nämlich aktive Körperillustrationen. Netzmanager Dr. Carsten Jäger zeigte am Beispiel Rheuma, wie die Software Ärzte unterstützt.

Der Hausarzt kann auf der Körperillustration anklicken, an welchen Gelenken Schmerzen und Schwellungen aufgetreten sind.

Die Infos werden automatisch in den Befundtext übernommen. Wichtig für die Akzeptanz der Netzsoftware und der ePA sei aber, dass sich jedes regionale Netz seine eigenen Behandlungspfade erarbeite, so Jäger.

Potenzielle Kontraindikation schneller aufspüren

Ein weiterer Vorteil der gemeinschaftlichen ePA ist die Möglichkeit, bei Arzneien mögliche Kontraindikationen schneller aufzuspüren. Hier gibt es allerdings eine Besonderheit: Im Netz Südbrandenburg haben die Patienten die Möglichkeit, die Dokumentation einzuschränken. Etwa wenn sie den Eintrag einer bestimmten Medikation nicht wünschen.

Das daraus resultierende Problem hat das Netz so gelöst, dass dann der Arzt nur den Hinweis einträgt, dass eine potenzielle Kontraindikation bei bestimmten Wirkstoffen besteht. Dann könnten betroffene Fachärzte direkt beim Kollegen nachfragen.

Ebenfalls ein klarer Vorteil einer Netzlösung sind die Auswertungen und Kennzahlen, die Ärzten über die Software zur Verfügung stehen. Im Gesunden Kinzigtal erhalten Ärzte laut Netzmanager Helmut Hildebrandt ein komplettes Versorgungscockpit.

Darüber können sie sich Kennzahlen zur Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität ihrer Praxis aufrufen. Außerdem sind - natürlich komplett anonymisiert - Feedbackberichte im Vergleich zu anderen Praxen möglich.

Dazu ist es allerdings notwendig, dass die Patienten, die an der Netzversorgung teilnehmen, zuvor der anonymisierten Auswertung der Daten auch schriftlich zugestimmt haben.

Ein Hauptproblem bleibt die IT-Schnittstelle

Ein großes Problem bei der Vernetzung ist aber nach wie vor die Vielzahl der Praxis-IT-Systeme, die eingesetzt werden. Oder, besser gesagt: Der Mangel an Schnittstellen, die es ermöglichen, dass die Systeme gut miteinander kommunizieren.

Sowohl im Netz Südbrandenburg als auch im Gesunden Kinzigtal hat das dazu geführt, dass es ein paralleles Netzsystem zusätzlich zur Praxissoftware gibt. Aber in beiden Netzen wollte man den Ärzten kein Einheits-Praxissystem aufs Auge drücken.

Die Schwierigkeit besteht nun in der Synchronisation der Daten aus Praxis- und Netzsoftware. Jäger empfiehlt seinen Netzärzten daher, möglichst in der Netzsoftware zu dokumentieren und die Daten dann ins Praxissystem laufen zu lassen.

Denn über den anderen Weg würden zu viele Daten in der Netzsoftware als Freitext, also unstrukturiert, erscheinen. Damit ließen sich die Daten nicht für Auswertungen nutzen.

Und die Parallelwelt birgt noch ein Problem: Die Nutzungsquote der Ärzte ist hier geringer, weil sie ein zusätzliches Programm bedienen müssen. Damit entstehen natürlich wieder Datenlücken. "Man braucht eine gemeinsame Nutzungsquote von mindestens 90 Prozent, damit das System allen nutzt", so Hildebrandt.

Nicht alles Gold, was glänzt

Doch die bekommen auch Netze nur selten hin. Ein Netz, in dem es klappt, ist solimed (Ärztliches Qualitätsnetz Solingen), aber hier sind auch alle Netzärzte auf eine einheitliche Software umgestiegen und nutzen jetzt die Software ixx.isynet der medatixx, in die die Netzlösung comdoxx direkt integriert wurde, wie Netzmanager Mark Kuypers berichtete.

Aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt: Zunächst mussten die Ärzte zu dem Software-Umstieg motiviert werden. Weil es sich um eine dezentrale Lösung handelt, mussten die Praxen zudem zwischen 5000 und 15.000 Euro in ihre alten Praxissysteme investieren.

Denn jede Praxis braucht ihren eigenen Server, auf dem ihre Patientendaten liegen bleiben - die anderen Praxen erhalten lediglich ein Zugriffsrecht. Kuypers. "Und dieser Server muss durchlaufen, auch wenn die Praxis in Urlaub ist."

Sonst haben die anderen Praxen keinen Zugriff auf die Patientendaten. Auch das musste erst einmal im Ärztenetz kommuniziert werden.

[17.08.2012, 10:51:28]
Dr. Carsten Jäger 
zum Kommentar von Dr. Klaus Günterberg
Herr Dr. Günterbergs Hinweis auf die Gefahren einer vernetzen Datenhaltung ist gut und richtig. Die Behauptung, dass dies in den durch Ärztenetze bisher eingesetzten Systemen nicht berücksichtigt oder ignoriert wird ist hingegen nicht zutreffend. Dies wurde beim Workshop der Agentur deutscher Arztnetze in Berlin sehr deutlich. Die Einwilligung jedes einzelnen Patienten ist selbstverständlich Voraussetzung für die Bereitstellung oder Übermittlung der Daten an Kollegen - auch und insbesondere im Rahmen einer ePA.

Die Absicherung gegen unberechtigten Zugriff haben die im Rahmen des Workshops vorgestellten Systeme ebenfalls umfänglich vorgestellt. Für das Ärztenetz Südbrandenburg bedeutet dies bespielsweise:
- verschlüsselte Übertragung aller Daten via KV SafeNet,
- Patienteneinwilligung per elektronischem Fingerabdruck,
- Arztidentifikation und -authorisierung per qualifizierter elektronischer Signaturkarte,
- 3stufige Firewall über zertifiziertes Rechenzentrum,
- physisch getrennte Speicherung der Schlüssel (Fingerabdrücke der Patienten und Signaturen der Ärzte) und der kryptierten Daten - somit nicht einmal Möglichkeit für einen internen IT-Spezialisten bei Dekryptierung einen Zusammenhang zwischen Behandlungsdaten und Patienten herzustellen.

In Zeiten der elektronischen Abrechnung und Nutzung von Online Diensten innerhalb der Arztpraxen stellt sich für mich die Frage, ob vergleichbare Standards in Praxen ohne Anschluss an eine ePA eingehalten werden können. zum Beitrag »
[29.06.2012, 17:26:59]
Dr. Klaus Günterberg 
WER ALS ARZT PATIENTENDATEN ANDEREN, AUCH ANDEREN ÄRZTEN, DERART ZUGÄNGLICH MACHT, MACHT SICH SCHULDIG
Für Lieschen Müller und ihr Überbein
interessiert sich doch kein Schwein.
Für die Libido der Frau Doktor Merkel
aber interessiert sich jedes Ferkel.

E-Patientenakte: „Der Vorteil … alle mitbehandelnden Ärzte sehen in Echtzeit, was andere Ärzte an Infos eingestellt haben. …“ Und die anderen Mitarbeiter unseres Gesundheitswesens natürlich auch!

Ist es wirtschaftlich geboten, rechtlich statthaft, medizinisch sinnvoll und ethisch vertretbar, alles, was der technische Fortschritt möglich macht, auch praktisch zu realisieren? Für die elektronischen Patientenakte treffen diese Voraussetzungen nicht zu.
Mit der elektronischen Patientenakte entstehen auch bisher unbeachtete Gefahren: Die Gefahr unberechtigten Zugriffs durch Berechtigte, durch sog. „Innentäter“ ist von den Entwicklern des Projekts nicht berücksichtigt oder, weil nicht lösbar, einfach ignoriert worden.

Es geht hier nicht um die 98 Prozent Mitbürger, deren Krankheiten und Daten für Außenstehende völlig uninteressant wären, wo eine schnellere Information mitunter schon hilfreich wäre. Es geht vielmehr um die 2 Prozent, die für die Öffentlichkeit und für Kriminelle von Interesse wären, bspw. Politiker, Richter, Staatsanwälte, Justizvollzugs- und Finanzbeamte, Mitarbeiter der Nachrichtendienste, Führungskräfte der Wirtschaft, auch um Künstler und Journalisten.

Drastisch ausgedrückt:
Für Lieschen Müller und ihr Überbein
interessiert sich doch kein Schwein.
Für die Libido der Frau Doktor Merkel
aber interessiert sich jedes Ferkel.

Da wäre die vernetzte Patientenakte der GAU, der größte anzunehmende Unfall für den Datenschutz in Deutschland. Journalisten und Informatiker, die an diesem Projekt mitwirken, machen sich mitschuldig.
Politiker, die dieses Projekt noch unterstützen, ahnen nicht, in welche Gefahren sie sich, ihre Familien, ihre Mitarbeiter und viele Bürger unseres Landes bringen.
Zu diesem Thema wäre viel mehr zu sagen, aber lesen Sie besser nach unter http://www.dr-guenterberg.de/Publikationen bspw. „Vernetztes Geheimnis“ http://www.dr-guenterberg.de/content/publikationen/2009/07_eg_vernetztes-geheimnis.pdf

Hier nur soviel: Wer als Arzt die Befunde seiner Patienten auch anderen Ärzten zugänglich macht, ohne dass der Patient dies vorher in jedem Einzelfall genehmigt hat, verletzt seine Schweigepflicht und macht sich damit strafbar.

Dr. med. Klaus Günterberg
Gynäkologe, Berlin
 zum Beitrag »

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