Ärzte Zeitung online, 14.06.2017
 

Standard-Schnittstelle

Wer ersetzt Ärzten die Mehrkosten?

Systemwechsel per Knopfdruck, so einfach wird es auch mit einer Standardschnittstelle nicht. Ziemlich sicher ist aber, dass die Wartungskosten steigen.

NEU-ISENBURG. Die feste Zeitvorgabe für die Einigung auf einen Standard wird in Industriekreisen noch begrüßt. Dass die vom Gesetzgeber geforderte offene Schnittstelle für den Systemwechsel von einer Arztsoftware zur anderen aber auch Teil der Software-Zertifizierung werden soll, wird eher kritisch gesehen. "Hier wird eine Pflicht für etwas geschaffen, das nicht notwendig ist", sagt medatixx-Geschäftsführer Jens Naumann.

Die Datenübernahme beim Systemwechsel sei schon lange gelöst – ganz einfach, weil sie kundenentscheidend sei und zu Recht vom Anwender eingefordert werde. Mit dem bvitg- und dem xBDT-Standard gibt es laut Naumann Schnittstellen, die sich etabliert haben. Der Softwarenanbieter hofft nun, dass die KBV das Rad nicht neu erfindet und auf diese Standards setzt. Und: "Wir hoffen, dass die Mehraufwendungen den Ärzten auch ersetzt werden", sagt Naumann sehr deutlich. Denn selbst wenn ein bereits etablierter Standard nicht so teuer wie eine Neu-Entwicklung auf Basis einer KBV-Spezifikation komme – die Zeche zahlt zunächst der Arzt. Die Pflege der Schnittstellen-Module sei sehr aufwändig. Wer allein schon einmal von einer Windows-Version in die nächste gewechselt sei, wisse, wie schwierig es ist, Daten zu transferieren, erklärt Naumann. Bei medatixx beschäftigen sich derzeit fünf Mitarbeiter nur mit der Pflege des Schnittstellenmoduls. Noch trägt die Kosten immer nur der Arzt, der wechseln will. Müssten die EDV-Häuser das Modul flächendeckend auf alle Kassenarztsysteme ausrollen, würden sie sicherlich nicht umhinkommen, die Wartungsgebühren zu erhöhen oder eine Extra-Gebühr für das Modul zu erheben. "Wir kennen noch die Diskussionen um den Medikationsplan", so Naumann – dabei war medatixx einer der Anbieter, der das Medikationsplan-Modul sogar kostenfrei eingebaut hat. Gerade einmal 200 der rund 22.300 medatixx-Praxen würden den bundeseinheitlichen Medikationsplan tatsächlich anwenden, berichtet er. Um die KBV-Zertifizierung für die Software zu erhalten, müssten die Anbieter es aber verpflichtend einbauen. Ähnlich wird es mit der Schnittstelle laufen, auch wenn der Arzt sie nicht will, sie wird Teil der Software, weil die Anbieter sonst keine Zertifizierung für die Kassenabrechnung erhalten.

Naumann hofft noch aus einem anderen Grund, dass man sich auf den bvitg- und xbdt-Standard einigen wird: "Die KBV ist nur für die vertragsärztliche Versorgung zuständig, also für maximal 60 Prozent der Praxisdaten." Die Daten aus Selektivverträgen oder von Privatpatienten würde eine solche neue Schnittstelle seiner Meinung nach nicht abbilden. Die etablierten Standards könnten dies.

Interessant ist, dass man in Industriekreisen die verschärfte Regel den Paragrafen 291d SGB V – der Teil des E-Health-Gesetzes ist und bislang eine Integration der Standard-Schnittstellen "so bald wie möglich" vorsieht – nicht als Fingerzeig in Richtung Softwarehäuser wertet. Es herrscht eher der Eindruck vor, dass der Gesetzgeber die Geduld mit der Selbstverwaltung verloren hat. Denn diese sollte sich laut E-Health-Gesetz zusammen mit gematik und Industrieverbänden auf eben diese Standards einigen.(reh)

Lesen Sie dazu auch:
Schnittstellen: Gesetz soll Ärzten den Wechsel des IT-Anbieters erleichtern

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