Ärzte Zeitung online, 12.05.2017
 

Kind und Karriere

Kein Ding der Unmöglichkeit für junge Ärzte

Wie Ärzte in Weiterbildung Familienplanung und Karriere unter einen Hut bringen: Beim DGIM-Kongress gab eine Ärztin, die dies geschafft hat, Tipps. Und Arbeitgeber erklärten, was ihnen wichtig ist.

Von Alexander Joppich

Kein Ding der Unmöglichkeit für junge Ärzte

Wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen.

© m.schuckart / Fotolia

MANNHEIM. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Nachwuchsmediziner ein großes Spannungsfeld. Eine "Chances"-Veranstaltung auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat gezeigt, wie Ärzte den Spagat zwischen den zwei Welten Beruf und Familie schaffen können. Dabei kamen beide Seiten zu Wort, sowohl die Arbeitgeberseite wie auch eine junge Mutter und Assistenzärztin. Die "Chances"-Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Fachverlag Springer Medizin statt, zu dem die "Ärzte Zeitung" gehört.

Hohe Unzufriedenheit

Junge Ärzte sind in der Weiterbildung zum größten Teil unzufrieden, und das liegt häufig an der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Thierry Rolling vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In der "Assistentenumfrage 2016" hat sein Team ergründet, welche Probleme Ärzte in Weiterbildung umtreiben und wie zufrieden sie generell sind. Dazu haben die Forscher 1578 Teilnehmer befragt, wovon 61 Prozent Frauen waren. Der Altersdurchschnitt betrug 32 Jahre. Ergebnis: Weniger als 40 Prozent der Befragten waren zufrieden mit ihrer Situation. Besonders unzufrieden waren die Assistenzärzte mit der Qualität ihrer Weiterbildung (36 Prozent) und damit, dass ein Großteil ihrer Arbeit aus arztfremden Tätigkeiten besteht (28 Prozent). Doch Unzufriedenheitsfaktor Nummer Eins war die Arbeitszeit: 45 Prozent empfanden die Arzttätigkeit als zeitlich sehr belastend.

Noch deutlicher wurde das Zeitproblem bei den Teilnehmern, die Kinder hatten – das war bei 35 Prozent, also 555 Befragten, der Fall. Als Hauptprobleme gaben sie Überstunden (59 Prozent) und die Arbeitszeiten an (49 Prozent). Zudem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den Geschlechtern: Von den 555 Eltern absolvierten 50 Prozent der Mütter ihre Weiterbildung in Teilzeit (160 Väter in Teilzeit im Vergleich zu 161 in Vollzeit). Dagegen lag die Quote bei Vätern bei knapp 15 Prozent (34 in Teilzeit, 200 in Vollzeit).

Die Psychologin Professor Dorothee Alfermann von der Uni Leipzig bestätigte dieses Ergebnis. In ihrer KarMed-Studie hatte sie Karriereverläufe und –brüche bei Ärzten in Weiterbildung von 2008 bis 2014 untersucht. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gaben die Befragten als großes Problem in ihrer Karriereplanung an. "Teilzeit ist ein Karrierekiller", fasste Alfermann zusammen. Entscheidet sich ein Arzt mit Kindern doch für eine Klinikkarriere, trete der Partner in seiner Karriere oft zurück, resümierte die Psychologin.

Dass die Ausbildung zum Facharzt und der Wunsch, eine Familie zu gründen trotz aller Bedenken nicht unvereinbar sind, zeigte Dr. Anne Sophie Teege. Die 30-jährige Assistenzärztin hat bereits drei Kinder. Teege sagte, sie habe vor den Kindern eine "Bilderbuchkarriere" gemacht: Abitur mit 1,0, Freiwilligenarbeit in Afrika, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes – dann wurde sie mit 24 Jahren schwanger, ein Wunschkind kurz vor der Examensphase. Nach der Schwangerschaft legte sie die Prüfungen ab und absolvierte ihr PJ. Die Uniklinik Hamburg gab ihr eine 75 Prozent-Assistenzarzt-Stelle, obwohl sie glaubte, sie habe sich mit der offenen Ansprache ihrer weiteren Familienplanung im Vorstellungsgespräch disqualifiziert. Doch genau das Gegenteil war der Fall: Ihr Arbeitgeber schätzte es, dass die Situation von vornherein planbar war.

Das bestätigte auch die Leiterin der Klinik für Rheumatologie in Lübeck, Professor Gabriela Riemekasten. Die Mutter von zwei Kindern machte deutlich, dass sie als Arbeitgeber Verlässlichkeit und Ehrlichkeit schätzt. Gehen junge Ärzte rechtzeitig auf ihren Vorgesetzten zu, sei das Thema Familienplanung kein besonders großes Problem; schwierig werde es nur, wenn Mitarbeiter plötzlich ausfallen. "Wenn in meiner kleinen Klinik direkt zwei von sieben Assistenzärzten ausfallen, kann ich mir das nicht erlauben", sagte Riemekasten. Mit Teege stimmte die Klinikdirektorin auch darüber überein, dass es sehr gut beim Arbeitgeber ankommt, wenn eine werdende Mutter oder ein baldiger Vater sich vor dem Gespräch bereits Gedanken über ein Rückkehrdatum gemacht hat oder einen groben Plan erstellt hat, welche Stationen für Teilzeitarbeit geeignet sind.

Karrieretipps von dreifacher Mutter

Jungen Ärzten gab die dreifache Mutter und Ärztin in Weiterbildung, Anne Teege, noch praktische Tipps: Sie sollten sich ihren Fachbereich auch nach der Arbeitszeit aussuchen. Die Chirurgie sei für sie deshalb herausgefallen und sie habe sich für die Nephrologie entschieden. Von den Kliniken forderte Teege obligatorische Teilzeitmodelle. Warum soll ein guter Arzt nicht allgemein in Teilzeit ausgebildet werden können, fragte sich die Ärztin in Teilzeit-Weiterbildung.

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