Ärzte Zeitung, 08.10.2010

Ärzte und Team: Das Ampelsystem gilt für alle

In der "Gesundheitspraxis Georgstraße" in Verden läuft vieles elektronisch: Patientenaufklärung, Dokumentation und Qualitätsmanagement. Selbst der Praxisführerschein für Ärzte und Team wird online erworben.

Von Christian Beneker

Ärzte und Team: Das Ampelsystem gilt für alle

Ein starkes Team im Gründerhaus: Ärzte und Praxisteam der Gesundheitspraxis Georgstraße in Verden.

© cben

VERDEN. In der "Gesundheitspraxis Georgstraße" in Verden bei Bremen geht es beim Patientengespräch mit Beamer und Großleinwand zur Sache. "Ideal für die Patienten," freut sich Dr. Ralf Kampmann. In Großformat projiziert er gerade das Herzinfarkt-Risiko an die Wand, um zu demonstrieren, wie hilfreich richtig eingesetzte Elektronik ist.

Das benötigte "Arriba"-Programm auf seinem Praxis-PC errechnet das Infarkt- und Schlaganfall-Risiko. In Breitwand und Farbe wirft der Beamer das Ergebnis als Grafik an die Wand: Fast fünfzig Jahre alt, Fahrradfahrer, Nichtraucher, Blutdruck im Rahmen ... "acht von 100 Männern in diesem Alter und mit diesen Faktoren erleiden in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall", sagt Kampmann. Der Raum ist dezent abgedunkelt. Man sitzt unter hohen Altbau-Decken auf knarrendem Parkett. Das Programm präsentiert eine Grafik mit 92 gelben Smileys und acht braune mit schlechter Laune.

Eine Ärztin, eine Assistentin und zwei Ärzte (allesamt Hausärzte) arbeiten in der Gesundheitspraxis Georgstraße in dem schönen Gründerzeithaus gemeinsam mit fünf Fachangestellten in der Gemeinschaftspraxis. Die Ärzte erkennt man an einem kleinen Schildchen am Revers.

Das Wartezimmer besteht aus einem sonnendurchfluteten Wintergarten mit Kaffee-Automat und Wasserspender. Drei Patienten warten und blättern in den Büchern, die das Praxisteam hier bereit gestellt haben. Die Praxis verfügt über insgesamt sechs Sprechzimmer plus Räume für EKG und Labor. "In jedem Sprechzimmer haben wir einen Computer und einen Drucker etwa für Rezepte", erklärt Dr. Guido Schmiemann. Größere Dokumente laufen über einen Zentral-Drucker.

Die Wartezeit ist selten länger als zehn Minuten

Die Praxis arbeitet möglichst auf Termin. Terminvereinbarungen können online getroffen werden und Rezepte online bestellt. Das Ergebnis: "Bei uns wartet kaum jemand länger als zehn Minuten", sagt Dr. Claudia Jocheck. Allerdings wendet sich kaum ein Patient per Internet an die Praxis. Die Leute wollen Kontakt. Sie rufen an.

Wenn die Ärzte ihren PC anschalten, erscheinen im Menü ein Link zu den evidenzbasierten Leitlinien der Hausarztmedizin und zum Arznei-Telegramm. "Wenn einer der Patienten mit einem neuen Präparat vom spezialisierten Facharzt kommt, können wir das Medikament gleich nachschlagen und bei Bedarf dem Patienten einen Ausdruck mitgeben. Patienten sind für uns Partner, die wir bei der Entscheidungsfindung unterstützen wollen," so Kampmann.

Vor der Praxiseröffnung gab es ein Team-Coaching

Außerdem im Menü: ein stilisiertes Auge. Wer darauf klickt, erhält eine Excel-Tabelle. Überschrift: "Wir wollen noch besser werden :-))" Seit Einrichtung des Auges im Jahr 2006 hat das Team hier mehr als 1800 Einträge vorgenommen: "Ohrenspiegel funktioniert nicht" oder "Patientin X fragt nach Schlafmittelnamen!!!" - dahinter ein Lösungsvorschlag und das Kürzel des Problem-Entdeckers, schließlich zwei Kästchen: gelöst? Ja/ Nein mit Terminierung. "Um etwa das Problem mit dem Ohrenspiegel zu beheben, diskutieren wir in der nächsten Teamsitzung, wer die Batterien auswechselt und wo die Ohrenspiegel liegen", sagt Kampmann.

Gesundheitspraxis Georgstraße in Verden

Das Team: Dr. Ralf Kampmann, Praxischef, Dr. Claudia Joscheck, Dr. Guido Schmiemann (alle drei sind Fachärzte für Allgemeinmedizin), fünf Medizinische Fachangestellte und eine Weiterbildungsassistentin.

Fallzahl: 1800 GKV-Fälle pro Quartal und etwa 300 Privat-Fälle im Quartal.

Computersystem: Turbomed. Die Praxis schickt ihre Quartalsabrechnung online an die KV.

QM-System: epa seit 2003 eingeführt. Die Praxis ist zertifiziert und steht jetzt vor der Rezertifizierung.

Internet: www.gesundheitspraxis-georgstrasse.de

Wie immer bei solchen elektronischen QM-Werkzeugen hängt ihre Funktion davon ab, wie sie gelebt werden. "Als wir die Praxis 2006 neu eröffnet haben, haben wir zuvor ein Team-Coaching gemacht", erklärt Kampmann, "das Auge war von Anfang an dabei. So konnten wir sofort den offenen Umgang mit Problemen im Praxisalltag einüben."

Fehler gelten dem Team als Schätze, die man bergen muss, um von ihnen zu lernen. Allwöchentlich bespricht das Team alle Punkte des Auges. Und einmal wöchentlich thematisiert es in der "Freitagsabfrage" den Verlauf der Woche. Im Praxis-Intranet, versteht sich. Frust und Lust des Praxisalltags der zurückliegenden Woche findet sich ebenso, wie noch zu lösende Fragen - und zwar getrennt nach zwischenmenschlichen Aspekten und Arbeitsbereich. "Wir planen gemeinsam und setzen gemeinsam um" sagt Kampmann, "das Ganze macht unglaublich Spaß!"

In den Wartesemestern auf den Medizin-Studienplatz hat Kampmann Informatik studiert und es bis zum Vordiplom gebracht. Kein Wunder, dass in seiner Praxis viel elektronisch funktioniert. Zum Beispiel der "Praxisführerschein". Er soll die Grundfähigkeiten aller Arbeitsabläufe in der Praxis abbilden und dient als Entwicklungsrahmen für alle im Team.

Jede Mitarbeiterin und jeder der Ärzte hat ein Führerscheinformular im Intranet, das alle einsehen können. So sind die Fachangestellten je mit verschiedenen Aufgaben betreut und entsprechend eingewiesen: etwa eine Kollegin im Labor, eine an der Rezeption und eine "Springerin" die die Patienten holt und bringt.

"Jede Tätigkeit ist im Führerschein der Kollegin mit einem Farbensystem gekennzeichnet.", erklärt Kampmann, "rot heißt: einmal zugesehen, gelb heißt: einmal unter Anleitung gemacht und grün heißt: selber einmal gelehrt." Wenn ein Azubi zum Beispiel alle notwendigen Fähigkeiten an der Anmeldung im grünen Bereich erfüllt hat, "dann wird sie dort alleine arbeiten", so Kampmann.

Für alle Blockpraktikanten, Assis und Ärzte in der Praxis gilt dasselbe System. "Sono, EKG oder Behandlung des Hustens - für alle Jobs haben wir das "see-one, do-one, teach-one-System", sagt Kampmann, "zwar haben wir Lehraufträge an der Medizinischen Hochschule Hannover, aber auch für uns überlegen wir uns derzeit ein Procedere nach demselben System."

Der Führerschein ermögliche eine strukturierte Einarbeitung und langfristige Sicherung der Behandlungsqualität, so Kampmann. Die Kolleginnen und Kollegen in der Gesundheitspraxis Georgstraße bringen es auf 1700 bis 1800 Scheine. "Aber wir akupunktieren viel", sagt der begeisterte Naturheilkundler, "auch schon bevor es populär wurde. Vom Aufwand her sind wir ungefähr bei 3000 Scheinen. Und wir haben einen hohen Anteil von Privatpatienten. Nur damit überleben wir im Kassensystemwahnsinn."

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