Ärzte Zeitung, 25.10.2010

Unbürokratische Hilfe für Medizinstudenten

Medizinstudenten mit Kind oder solchen, die Angehörige pflegen, greift an der Goethe-Uni Frankfurt die individuelle Studienberatung unter die Arme.

Von Sabine Schiner

Unbürokratische Hilfe für Medizinstudenten

Wohin mit dem Nachwuchs, wenn Mutti studiert? Die Frankfurter Goethe-Uni bietet Medizinstudenten Hilfe an.

© Alena Ozerova / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Wer in das Büro der Individuellen Studienberatung am Fachbereich Medizin der Goethe-Universität in Frankfurt am Main kommt, kann sich darauf verlassen, dass ihm individuell geholfen wird. "Wir helfen bei der Studienorganisation, beim Zeitmanagement, geben Tipps fürs Lernen und suchen nach Lösungen zur Vereinbarung von Familie und Beruf", sagt Dr. Winand Dittrich, und seine Mitarbeiterin Kirsten Iden ergänzt: "Wir sind eine Servicestelle."

Land Hessen fördert Modellversuch in Frankfurt

Geholfen wird im Haus 15b auf dem Campus Niederrad allen Studierenden, die aufgrund ihrer persönlichen Umstände einer Mehrfachbelastung ausgesetzt sind. Dazu zählen etwa Studenten mit Kindern, Studenten, die einen Angehörigen pflegen und Hochleistungssportler, bei denen der Trainingsplan mit den Vorlesungen abgestimmt sein will. Seit Sommer 2009 gibt es den Modellversuch. Er wird vom Land Hessen gefördert.

"Ein Medizinstudium ist verschult und lässt nur wenig Raum zur individuellen Gestaltung", sagt Kirsten Iden. Genau an diesem Punkt setzt die individuelle und ganzheitliche Studienberatung an. "Einer allein erziehenden Mutter ist oft schon geholfen, wenn sie ihre Kurse am Vormittag besuchen kann, damit sie ihr Kind um 16 Uhr vom Kindergarten abholen kann", sagt die Studienberaterin. Sie unterstützt in solchen Fällen die Abstimmung mit dem Dekanat. "Wir arbeiten eng mit der Verwaltung zusammen."

Vorbereitungen für das Wintersemester laufen

Je früher die Studierenden mit ihren Sorgen, Nöten und Anliegen in die Beratungsstelle kommen, desto besser. "Derzeit planen wir schon das Wintersemester", erzählt Kirsten Iden. Es werden Termine abgesprochen und der Semesterplan notfalls umgeplant. "Die Präsenzpflicht erfordert ein gutes Zeitmanagement." Dittrich ergänzt: "Es ist kein Medizinstudium light, das wir hier anstreben. Es fallen keine Klausuren weg und es gibt auch keine Sonderwege."

Etwa 50 Studierende hat das Team der Goethe-Uni im vergangenen halben Jahr beraten. Tendenz steigend. Das Erstgespräch dauert meist über eine Stunde, hinzu kommen drei bis vier weitere Termine, bis Lösungen gefunden sind. Unter den Medizinstudenten sind etwa vier bis fünf Prozent Studierende, die ein oder mehrere Kinder haben. Sie sind in der Regel sechs bis sieben Jahre älter als ihre Mitstudenten und haben oft schon eine Berufsausbildung hinter sich. Zu den größten Schwierigkeiten, mit denen sie im Medizinstudium zu kämpfen haben, zählen die Finanzierung und Organisation des Studiums sowie die Kinderbetreuung.

Neubau einer Kita mit 100 Plätzen an Klinik angeregt

In Frankfurt gibt es beispielsweise bei den Kitas lange Wartezeiten. "Die Stadt kann den Bedarf nicht abdecken", sagt Dittrich. "Es gibt kaum freie Plätze." Ähnlich sieht es in den Uni-Kitas aus - sie stehen in erster Linie für die Kinder der Beschäftigten zur Verfügung. Es gibt zudem noch die Möglichkeit einer flexiblen Kurzzeitbetreuung - etwa für Studenten, die für die Dauer einer Klausur ihre Kinder unterbringen können. Doch auch dort sind nicht immer Plätze frei. Die Servicestelle hat deshalb die Bildung einer neuen Kita mit 100 Plätzen direkt am Klinikum angeregt. "Derzeit stehen wir in Gesprächen mit der Stadt", erzählt Dittrich. Die Chancen stehen gut. "Es wird ein Neubau werden."

Da die Berufs- und Familienplanung von angehenden Ärztinnen und Ärzten auch angesichts des drohenden Ärztemangels zunehmend an Bedeutung gewinnt, sollen die Erfahrungen der Studienberatung auch in Empfehlungen für Politiker und Entscheidungsträger einfließen. Die Evaluation und wissenschaftliche Begleitung des Projekts spielt deshalb eine große Rolle. So wird derzeit ein Konzept zum Monitoring von Studienverläufen erprobt. Dazu werden studierende Eltern jedes Semester zu einem Begleitgespräch eingeladen. "Wir versuchen herauszufinden, wie groß der Bedarf ist", sagt Kirsten Iden. Fakt ist: Mehr als 60 Prozent der Erstsemester sind Frauen. "Da müssen neue Formen gefunden werden, wie man Studium und Familie vereinbaren kann", so Dittrich.

Letztlich komme dies der Qualität der Medizin zugute. Iden: "Wer die Doppelbelastung von Studium und Familie bewältigt, der hat zwangsläufig gelernt, Stress auszuhalten und seinen Tagesablauf diszipliniert und strukturiert zu organisieren." Dies sind Fähigkeiten, die im Berufsalltag eine wichtige Rolle spielen, wenn das Studium abgeschlossen ist und die Arbeit in Klinik oder Praxis beginnt.

www.med.uni-frankfurt.de/stud/familie

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »

Rettungsgasse blockieren kostet 320 Euro

Länderkammer verschärft die Bußgeldhöhe, wenn Rettungsgassen nicht beachtet werden. mehr »

Palliativmedizin erfordert Zusatzqualifikation

Die Debatte um die Verpflichtung von Hausärzten zur Zusatzausbildung in Palliativmedizin schlägt hohe Wellen. In der KBV-Vertreterversammlung am Freitag wurde KBV-Vize Hofmeister nun grundsätzlich. mehr »