Ärzte Zeitung, 24.11.2011

Arzt für gelungene Integration geehrt

Der Augenarzt Dr. Werner Hanne gibt benachteiligten Jugendlichen eine Chance. In seiner Praxis bildet er auch Behinderte aus. Dafür ist er jetzt mit dem Deichmann Förderpreis geehrt worden.

Von Christian Beneker

Arzt wird für gelungene Integration geehrt

Der Förderpreis gegen Jugendarbeitslosigkeit geht an Augenarzt Dr. Werner Hanne (Mitte). Überreicht wurde er von Unternehmer Heinrich Deichmann (rechts) und Sebastian Krumbiegel von der Popgruppe "Die Prinzen".

© Deichmann

BAD SALZDETFURTH. Ausbildung plus Integration: Augenarzt Dr. Werner Hanne ist das, was man einen Lehrherrn alter Schule nennt. "Die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Praxis sind keine Auszubeutende, sondern Auszubildende", sagt er, "das betrifft auch diejenigen mit Behinderungen."

Mit Behinderungen? Hanne beschäftigte seit Praxisgründung im Niedersächsischen Bad Salzdetfurth im Jahr 1993 neun Azubis mit Behinderungen: Schulvermeider, junge Leute mit Depressionen, mit Hör- und/ oder Sprachstörungen oder anderen körperlichen Handicaps.

Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten oder zum Kaufmann im Gesundheitswesen

Ihnen bietet er die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten oder zum Kaufmann im Gesundheitswesen. "Für sie alle gelten die gleichen Rechte und Pflichten, wie für die neun Azubis ohne Behinderungen, die hier in der Praxis waren und sind", so Hanne.

Dieses besondere Modell der Integration wurde jetzt mit einem Preis bedacht: dem Deichmann-Förderpreis, verbunden mit 2000 Euro. Weil Nichtbehinderte und Behinderte in der Praxis zusammenarbeiten, bieten sie für die jungen Leute selber aber auch für Patienten quasi ein Bild, ein erfahrbares Modell, wie Integration funktionieren kann.

"Die Patienten sind voll des Lobes", sagt Hanne, "auch wenn es manchmal zu Missverständnissen kommt." Eine minderwüchsige MFA, die derzeit in der Praxis arbeitet, wurde von den Patienten für ein junges Mädchen gehalten. "Aber das kannte sie schon und hat die Lage ganz ruhig erklärt", sagt Hanne, "damit war die Sache erledigt."

Zusammenarbeit mit behinderten Jugendlichen hat sich früh eingestellt

Die Zusammenarbeit mit behinderten Jugendlichen habe sich schon früh eingestellt, berichtet der 54-Jährige. "Meine zweite Auszubildende war erheblich hör- und sprachbehindert, auf dem einen Ohr schwerhörig und auf dem anderen taub."

Hanne hat dann die ärztliche Versorgung der jungen Frau koordiniert, dafür gesorgt, dass sie HNO-ärztlich versorgt wurde, ein passendes Hörgerät erhielt und schließlich einen Wortschatz aufbauen konnte. Die junge Frau habe mit der Unterstützung der Praxis "eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen", berichtet Hanne.

Das gute Gelingen war Anlass, das Projekt Ausbildung plus Integration behinderter Jugendlicher zu starten. Mit Hilfe von Arbeitsamt, den Kammern und Schule lassen sich behinderte Jugendliche ebenso gut ausbilden wie nicht behinderte, davon ist Hanne nach seinen Erfahrungen überzeugt.

"Die zerrütteten Familien sind ein Riesenproblem"

Da viele der behinderten Jugendlichen aus belasteten Elternhäusern stammen, füllt der Augenarzt mitunter ein Vakuum, wenn er mit der Ausbildung zugleich erzieherisch wirkt. "Die zerrütteten Familien sind ein Riesenproblem", sagt er. Dass man in der Schweiz die Azubis mitunter noch Lehrbub oder Lehrtochter nennt, sei ihm "sehr sympathisch."

Oft sind die behinderten Einsteiger bei Hanne bereits 25 Jahre alt und haben schon verschiedene begonnene oder gescheiterte Ausbildungsschritte hinter sich. "Aber Lernbehinderungen und Migrationshintergrund stellen eigentlich keine wirklichen Probleme dar", meint Hanne.

Stolz verweist der Arzt auf die Erfolge seiner Lehrlinge: "Alle Jugendlichen mit Abschluss sind erfolgreich in ihren Beruf in anderen Unternehmen tätig." Hanne erwartet Loyalität und Engagement und bietet Loyalität und Engagement.

"Es geht nicht nur um die Verantwortung der Azubis, sondern für mich ist es auch eine Sache des Verantwortungsgefühles", sagt der Arzt, "im Übrigen steht auch im Ausbildungsvertrag, dass der Lehrherr für seine Auszubildenden Verantwortung trägt."

Manche guten Vorsätze scheitern

Allerdings: Manche guten Vorsätze scheitern. "Gerade bei Jugendlichen zum Beispiel mit Depressionen oder bei Schulverweigerung muss ich manchmal kapitulieren." So sei ein Lehrling sehr gut gewesen in seiner Arbeit. Aber zur Pünktlichkeit konnte Hanne ihn nicht bewegen.

"Diese jungen Leute sind dann schwer zu vermitteln." Manchmal sei die Krankheitseinsicht eben nicht da "und der Leidensdruck nicht hoch genug". Dessen ungeachtet will er sein Projekt fortsetzen, wegen der "durchweg guten Erfahrungen".

Allen, die sein Modell nachbauen wollen, rät er: "Keine Angst! Bei uns machen alle Alles und können auch am Schluss alles." Und einen erhöhten Krankenstand hat Hanne bei seinen behinderten Azubis auch nicht festgestellt.

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