Ärzte Zeitung, 16.10.2008

Hintergrund

Nur jeder fünfte Niedergelassene hat seinen eigenen Stundenlohn schon ausgerechnet

Auch wenn viele niedergelassene Ärzte mit dem wirtschaftlichen Ergebnis ihrer Praxis unzufrieden sind: Nur ein Drittel von ihnen betreibt ein professionelles Finanzmanagement. Dadurch entgehen ihnen wichtige Informationen für die Praxissteuerung.

Von Ilse Schlingensiepen

Nur jeder fünfte Niedergelassene hat seinen eigenen Stundenlohn schon ausgerechnet

Finanzmanagement lohnt sich für jede Praxis.

Foto: Laura Walker©www.fotolia.de

Betriebswirtschaftliche Steuerung aufgrund aktueller Daten - das ist für viele Ärzte ein Fremdwort. Nur 31 Prozent der Niedergelassenen können auf betriebswirtschaftliche Auswertungen auf Quartalsbasis zurückgreifen, zwölf Prozent arbeiten mit betriebswirtschaftlichen Kennziffern. Das zeigt eine Untersuchung des Düsseldorfer Instituts für betriebswirtschaftliche Analysen, Beratung und Strategie-Entwicklung (Ifabs). Das Institut hat 1800 Fragebögen aus Praxisanalysen mit Blick auf die unternehmerische Praxisführung ausgewertet. Die Praxen sind nach Ifabs-Angaben repräsentativ für den ambulanten Sektor, bei den Ergebnissen gibt es zwischen den Fachgruppen keine Unterschiede.

Kontakt mit Steuerberatern ist nicht sehr intensiv

Zwar geben 87 Prozent der Ärzte an, dass sie ihre Praxisfinanzen planen und steuern. "Der größte Teil der Praxisinhaber setzt aber das Finanzmanagement mit dem steuerlichen Aspekt der Praxisführung gleich und nutzt allein die Information des Steuerberaters", nennt Ifabs-Leiter Klaus-Dieter Thill das zentrale Ergebnis der Untersuchung. Allerdings ist auch der Kontakt mit diesen Spezialisten nicht sehr intensiv: 68 Prozent der Ärzte führen einmal im Jahr ein Gespräch mit ihrem Steuerberater, 17 Prozent zweimal pro Jahr und 15 Prozent quartalsweise.

Ein Problem sei, dass Niedergelassene häufig die Kosten für den Steuerberater möglichst gering halten wollen, so Thill. Instrumente wie die gezielte Auswertung der Praxisdaten und den fachgruppenspezifischen Vergleich, den die Experten liefern können, würden deshalb nicht eingesetzt.

Betriebswirtschaftliche Indikatoren werden nach der Analyse viel zu selten genutzt. So wissen 14 Prozent, welchen Umsatzanteil jede Mitarbeiterin erwirtschaftet, 21 Prozent können ihren eigenen "Stundenlohn" beziffern. 24 Prozent der Niedergelassenen kennen den Nutzungsgrad ihrer technischen Geräte und zwölf Prozent die Deckungsbeiträge ihrer medizinischen Leistungsangebote.

"Die Praxisinhaber geben an, jährlich im Schnitt lediglich etwa 18 Stunden Arbeitszeit für ihr Finanzmanagement aufzuwenden", so Thill. Viele gingen davon aus, dass Finanzmanagement nur etwas für größere Unternehmen sei. Als kleinere oder mittlere Praxen könnten sie wegen der fixen Kosten und der gedeckelten Einnahmen ohnehin nichts machen, argumentieren sie. "Das ist eine Fehleinschätzung", sagt er. Auch in Praxen gebe es Einsparpotenziale, die aber nicht konsequent gehoben würden. In den Fragebögen hatten 29 Prozent der Ärzte angegeben, dass sie ihre Praxis regelmäßig auf Rationalisierungsreserven untersuchen. "Zwölf Prozent haben schon einmal eine Organisationsanalyse durchgeführt, um über eine verbesserte Aufbau- und Ablauforganisation die Arbeitsproduktivität zu steigern."

Der IGeL-Bereich ist ein absolutes Desaster

Die vom Ifabs befragten Praxen bieten alle individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an. "Dieser Bereich ist ein absolutes Desaster", sagt der Ifabs-Leiter. Nur 19 Prozent haben nach der Untersuchung ihr IGeL-Angebot vorab betriebswirtschaftlich kalkuliert, in zehn Prozent der Praxen gibt es ein funktionierendes Rechnungskontroll- und Mahnwesen. Die Praxen betreiben zum Teil zwar großen Aufwand für das Marketing oder die Mitarbeiter-Schulung. Die Ärzte wüssten aber oft nicht, wie viel sie mit der einzelnen Leistungen verdienen. "Vielen ist nicht bewusst, dass sie auch die eigene Arbeitszeit und die der Mitarbeiterinnen einkalkulieren müssen", sagt Thill.

Gerade wenn die Praxen schon lange etabliert sind, halten die Ärzte ein Finanzmanagement nicht für nötig. Das sei ein Irrtum. Die betriebswirtschaftliche Steuerung erhöhe den Wert der Praxis, das sei für den Abgabepreis von Bedeutung. Thill: "Finanzmanagement ist in jeder Phase der Praxis wichtig", sagt Thill.

Praxisanalyse nach Schulnoten

Die Auswertung von 1800 Praxisanalyse-Fragebögen durch das Ifabs zeigt, dass die Praxisinhaber nicht sehr zufrieden mit ihrer Situation sind. Auf der Schulnotenskala von 1 bis 6 erreicht die durchschnittliche Zufriedenheit einen Wert von 4,3. 63 Prozent der befragten Ärzte geben an, dass ihr Gewinn in den vergangenen zwei Jahren rückläufig war, bei elf Prozent war er konstant und bei 26 Prozent gestiegen. Für die nächsten beiden Jahre rechnen laut Ifabs 71 Prozent der Niedergelassenen mit einer rückläufigen Gewinnentwicklung, 15 Prozent mit einem gleich bleibenden und 14 Prozent mit einem steigenden Gewinn.

Die Steuerung nach Kennzahlen erhöht den Praxiswert.

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