Ärzte Zeitung, 25.11.2008
 

Wirkliche Barrierefreiheit ist oft nicht gegeben

Barrierefreiheit - darunter verstehen Praxisteams offenbar Unterschiedliches. Das ergibt eine Umfrage des Vereins "Selbstbestimmt Leben" in Bremen. Einheitliche Kriterien, wann sich eine Praxis als barrierefrei bezeichnen darf, fehlen.

Von Christian Beneker

Vorbild: die gynäkologische Ambulanz für behinderte Frauen in Dachau.

Foto: Amper Kliniken AG

Jetzt soll ein runder Tisch Abhilfe schaffen. Die Ärztekammer Bremen bietet im November erstmals eine Fortbildung zu dem Thema an.

Der Verein hat bei den 41 Bremer Frauenarztpraxen, die im Ärzteverzeichnis als "rollstuhlgerecht" geführt waren, nachgefragt, was man vor Ort unter Barrierefreiheit versteht. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich ausgefallen, berichtet Andrea Sabellek, Beraterin beim Verein Selbstbestimmt Leben. "Es gibt offenbar keine einheitlichen Kriterien", so Sabellek. "Die Ärzte haben einfach eine Selbsteinschätzung ihrer Praxisräume gegeben."

Da reicht für mache Praxen eine breite Tür und schwellenlose Flure, um sich als barriefrei einzustufen. Andere verfügen dagegen auch über Toiletten mit ausreichend Wendeflächen für die Rollstühle. "Jedenfalls waren einige Monate später nur noch fünf Frauenarztpraxen im Verzeichnis zu finden, die ihre Praxis als rollstuhlgerecht bezeichneten", erklärte Sabellek die Folgen ihrer Recherche. Für den Verein ist Barrierefreiheit weit Umfassender: "Barrierefreiheit bedeutet, dass Gebäude und Einrichtungen von allen Menschen - eben auch behinderten - selbstständig und ohne fremde Hilfe benutzt werden können", schrieb der Verein an die Bremer Ärztekammer und verwies auf ein positives Beispiel aus Bayern.

In Dachau bei München hat die Gynäkologin an der Amperklinik, Gerlinde Debus, eine gynäkologische Ambulanz für behinderte Frauen und Mädchen eingerichtet (wir berichteten). "Der Bedarf ist enorm", sagte Debus zur "Ärzte Zeitung", "die Patientinnen kommen aus sehr weitem Umkreis zu uns. Inzwischen machen auch die Behinderteneinrichtungen schon Termine bei uns."

Entscheidend für die Frauen sei nicht nur ein breiter Flur und auch für Behinderte benutzbare Toiletten, sondern auch "besonders verstellbare gynäkologische Stühle und ein Lift, mit dem die Frauen bequem in den Untersuchungsstuhl gehoben werden können", so Debus. Außerdem müssten Ärzte und Helferinnen lernen, sich auf das besondere Klientel einzustellen.

Auf Initiative unter anderem des Vereins "Selbstbestimmt Leben" wurde nun ein runder Tisch gegründet. "Unser Wunsch ist es, wenigstens eine rundum barrierefreie Praxis zu schaffen, in der sich vielleicht einige Frauenärzte abwechseln können, damit auch für behinderte Frauen so etwas wie freie Arztwahl möglich ist", sagte Sabellek.

Die Ärztekammer Bremen hat reagiert und bietet jetzt zusammen mit dem Verband der Frauenärzte an der Weser und dem Netzwerk behinderter Frauen eine Fortbildung für Gynäkologen zum Thema Versorgung behinderter Frauen an. "Bauliche und technische Barrieren, aber auch Barrieren im Kopf führen dazu, dass behinderte Frauen oft gar nicht oder erst sehr spät einen Gynäkologen aufsuchen", heißt es in der Ankündigung der Fortbildung. Neben einem Vortrag über die häufigsten Ursachen von Gehbehinderungen werden auch Sprecherinnen des Netzwerks Behinderter Frauen auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Frauen hinweisen.

Und was muss nun eine barrierfrei Praxis bieten? Andrea Sabellek vom Verein "Selbstbestimmt Leben": "Solange es keine wirklich klaren Kriterien gibt, wäre es uns am liebsten, wenn die Ärzte einfach beschrieben, wie es in ihrer Praxis aussieht."

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