Ärzte Zeitung, 22.04.2009

Selbst geschenkt wollte keiner die Praxis

Dass Hausärzte einen Nachfolger finden, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Das gilt sogar für Praxen in attraktiven Stadtlagen.

Von Monika Peichl

Selbst geschenkt wollte keiner die Praxis

Praxis gratis abzugeben: Zwei Hausärzte bemühten sich vergeblich, einen Nachfolger zu finden. Auch für umsonst (wie auf unserer Montage) fand sich kein ernsthafter Interessent für die Praxis in einer Kleinstadt.

Foto: ts /Montage: sth

Dr. Wolfgang und Dr. Eberhard Ruppert hätten ihre große Hausarztpraxis in Bad Kissingen sogar verschenkt. Doch nicht einmal gratis wollte sie jemand übernehmen. Dabei hatten die beiden Allgemeinärzte beizeiten mit der Suche nach einem Nachfolger begonnen: Anderthalb Jahre vor dem Ruhestand inserierten sie in deutschen Kammerblättern, danach in österreichischen und sogar ungarischen Ärztemedien. Auch die Praxisvermittler, die sie einschalteten, richteten nichts aus.

Selbst die beiden MVZ hatten kein Interesse an der Praxis

Rund 3000 Patienten pro Quartal plus Privatpatienten versorgten die beiden Hausärzte, stets unterstützt von Assistenten. Ihre Praxis lag zentral in der bayerischen 21 000-Einwohner-Stadt, die eine gute Infrastruktur einschließlich weiterführender Schulen besitzt und zudem moderate Immobilienpreise aufweist. Auch die Ausstattung der Praxis sei sehr gut gewesen, sagt Wolfgang Ruppert. Am Preis habe es nicht gelegen - "hätte sich jemand ernsthaft interessiert, hätten wir sie umsonst abgegeben". Mit den beiden Medizinischen Versorgungszentren am Ort wurde ebenfalls verhandelt, doch auch sie wollten nicht zugreifen.

Inzwischen hat sich Ruppert damit abgefunden, dass die Praxisabgabe gescheitert ist. Ihm tun aber die Patienten leid. Nicht alle seien bei den anderen Hausärzten in Bad Kissingen untergekommen, berichtet er.

Der unterfränkische Kurort ist nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) mit Hausärzten derzeit gut versorgt. Im Planungsbereich Bad Kissingen betrage der Versorgungsgrad 110,6 Prozent (80 Hausärzte), in der Stadt selbst seien 13 Vertragsärzte hausärztlich tätig.

Es sei schwieriger geworden, einen Praxisnachfolger zu finden, so die KVB. Hier mache sich der generelle Mangel an ärztlichem Nachwuchs bemerkbar. Außerdem sei die Risikobereitschaft der Ärzte, sich niederzulassen, etwas gesunken.

"Das ganze System ist marode"

Ruppert glaubt, dass diese Entwicklung alles andere als ein Zufall ist. Die KVB und die Politik erschwerten den Niedergelassenen die Arbeit mit immer mehr Bürokratie und Beschränkungen. "Keiner blickt mehr durch." Auch das sei für ihn und seinen Bruder ein Grund gewesen, jetzt in den Ruhestand zu gehen. So sei bei der Plausibilitätsprüfung wiederholt nicht berücksichtigt worden, dass die Praxis einen Assistenten beschäftigt. Derzeit wissen die Ex-Praxischefs auch noch nicht, welche Regress-Summen für 2008 auf sie zukommen können. "Das ganze System ist marode", so Wolfgang Rupper. Er frage sich, "ob die KV schon in Auflösung begriffen ist".

Dass die KVen die Hausärzte inzwischen wieder fördern, kommt nach seiner Einschätzung zu spät, schon bald werde sich eine gravierende Versorgungslücke auftun. Im Landkreis Bad Kissingen liege der Altersdurchschnitt der Hausärzte jetzt bei über 60 Jahren. Ein Trost ist ihm nur, dass der Notarztdienst, den die beiden Hausärzte vor etwa 20 Jahren aufgebaut und lange zu zweit rund um die Uhr betreut haben, wohl weiterhin funktionieren wird, weil sie "Nachfolger herangezogen" haben.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Praxispreise unter Druck

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