Ärzte Zeitung, 18.05.2009

Blutspende als Event: Das soll die Jungen locken

Wenn es nicht die Landbevölkerung gäbe, sähe es mit Blutkonserven in den Kliniken düster aus. Beim Werben um Blutspender sollen deshalb neue Wege gegangen werden.

Von René Schellbach

Mit angenehmer Atmosphäre will etwa die Aktion "Drops for Life" junge Blutspender ansprechen.

Foto: OCD

Auf dem Land liegt die Quote der Blutspender bei zwölf Prozent. In den Großstädten macht dagegen nur einer von Hundert mit, berichtet Dr. Franz Weinauer, Ärztlicher Direktor des Blutspendedienstes beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK).

Im vergangenen Herbst gab es kurzfristig sogar einen Blutnotstand. "Das war ein Schock für mich", sagt Dr. Andreas Kessler von der Oberschwabenklinik Ravensburg. Der Oberarzt für Innere Medizin und Facharzt für Hämatologie wurde erstmals aufgefordert, den Verbrauch von Blutkonserven einzuschränken.

Wetter beeinflusst Spendebereitschaft

Einige kleinere Operationen mussten verschoben werden. "Zum Glück kam es nicht noch schlimmer, aber wir müssen etwas tun, um die Blutversorgung in Deutschland zu verbessern." Die Klinik konnte den Engpass in Zusammenarbeit mit dem DRK durch einen Blutspende-Aktion im eigenen Haus beheben.

"Die Bereitschaft zum Blutspenden ist abhängig vom Wetter und der Jahreszeit", weiß Eberhard Weck, Marketingleiter des Blutspendedienstes Baden-Württemberg und Hessen. Lange Wochenenden mit Brückentagen, die Ferien und schönes Wetter sorgen für weniger Nachschub. Täglich stellt Wecks Dienst rund 3000 Konserven zur Verfügung, die in drei Teile zerlegt werden. 35 Tage lassen sich die vor allem in den Kliniken benötigten roten Blutkörperchen lagern, Blutplättchen dagegen nur vier Tage und das Plasma zwei Jahre. Es fällt 70 Prozent mehr Plasma an als die Kliniken nachfragen.

Weck verteidigt dessen Verkauf an die Industrie: "Das wäre sonst ein Abfallprodukt, das wir teuer entsorgen müssten. Plasma wegwerfen halte ich für moralisch verwerflich." Mit dem Erlös würden die Blutkonserven billiger. Weck bezog damit Stellung gegen einen Bericht im ZDF-Fernsehmagazin "Frontal21", das im November kritisch über das Geschäft mit Blutspenden berichtet hatte.

"Jedes Jahr bekommt das Deutsche Rote Kreuz 3,6 Millionen Vollblutspenden - lehnt aber pauschalierte Aufwandsentschädigungen, wie sie die privaten und staatlich-kommunalen Blutspendedienste ihren Spendern zugestehen, kategorisch ab", hieß es in dem Fernsehbericht. In Wahrheit würden aber mit den Spenden Geschäfte gemacht.

Massagen gehören zum Rahmenprogramm

Mehr Informationen für die Spender - das ist eines der Ziele der Aktion "drops for life" (Tropfen für das Leben). Initiator ist das Labortechnik-Unternehmen Ortho Clinical Diagnostics. Zusammen mit dem DRK wurde das Konzept bereits getestet.

Um vor allem junge Erstspender anzusprechen, wollen die Macher weg vom Spenden in der Turnhalle, hin zu einem Erlebnis in angenehmer Atmosphäre. Die Spender können etwa in mehreren Schritten den Weg des gespendeten Blutes bis zum Empfänger verfolgen. Neben dem üblichen Imbiss sieht das Konzept auch Wellness-Angebote wie Schulter- und Nackenmassage vor. Man will vor allem Großbetriebe ansprechen. In den USA gehören regelmäßige Blutspendetermine für die Belegschaft zum guten Ton.

In Deutschland dagegen sehen es Betriebe nicht gern, wenn die Mitarbeiter während der Arbeitszeit fehlen, berichtet Franz Weinauer vom BRK. Dennoch habe man große Firmen wie BMW oder Siemens gewinnen können. "Unsere Basis ist aber immer noch das flache Land und die vielen ehrenamtlichen Helfer."

Das BRK arbeite zurzeit an einem neuen Konzept zur Spenderbindung, denn jeder zweite Erstspender in Deutschland kommt nicht wieder zur Blutabnahme. Weinauer begrüßt Pläne der Barmer Ersatzkasse, die Blutspendern Rabatte gewähren will. "Spender leben in der Regel gesundheitsbewusster."

Gute Erfahrungen hat das BRK nach Angaben von Weinauer mit Service-Aktionen gemacht, die über die GKV-Leistungen hinaus gehen. Dieses Jahr gab es für ältere Blutspender einen okkulten Bluttest zur Risiko-Erkennung von Dickdarmkrebs. Vor einem Jahr nutzten 60 000 Spender ein Diabetes-Screening per Fragebogen; 12 000 von ihnen hatten ein erhöhtes Risiko. Sie wurden mit dem HbA1c-Verfahren getestet, und 13 Prozent der Blutproben waren auffällig. "Davon wussten die Betroffenen bis dahin nichts", unterstreicht Weinauer.

"Wir unterstützen auch die Forschung"

Der angewandte Test dient bekanntlich eigentlich zur Verlaufskontrolle des Diabetes. Ob er sich auch zur Früherkennung eignet, das ist eines der Forschungsziele einer auf drei Jahre angelegten Studie. Unterstützt von der Bayerischen Forschungsstiftung sind in die Studie die anonymisierten Spenderdaten eingeflossen. Weinauer: "Mit unseren Blutspenden unterstützen wir nicht nur die Kliniken, sondern auch die Forschung."

Lesen Sie dazu auch:
DRK hebt Altersgrenze für Blutspender auf

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Die Vertragsärzte kauen schwer am schwachen Ergebnis der Honorarverhandlungen für 2018. Es sei fraglich, ob der aktuelle Mechanismus auf Dauer ein geeignetes Preisfindungsinstrument sei, so KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »