Ärzte Zeitung, 09.10.2009

Landärzte wenden das Ende der Praxis ab

Ein Umsatzrückgang von 40 Prozent drohte Dr. Carsten Heinemeier wegen der zu Beginn des Jahres in Kraft getretenen Honorarreform. Die Solidarität der Kollegen des Landarztes, der in Schafflund an der dänischen Grenze praktiziert, und eigenes Engagement haben das befürchtete Ende der Praxis allerdings verhindern können.

Von Dirk Schnack

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Für die Landärzte Dr. Carsten Heinemeier (links) und Ulrich Hackel wurden die schlimmsten Verwerfungen der Honorarreform durch Solidarität der Kollegen abgemildert.

Foto: di

Die Mitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein kurz vor dem Weihnachtsfest 2008 hat der Landarzt Dr. Carsten Heinemeier bis heute nicht vergessen. Der Bescheid über sein voraussichtliches Regelleistungsvolumen (RLV) sah eine Halbierung des Honorar-Volumens vor, sein Gesamtumsatz in der Praxis wäre damit um 40 Prozent gesunken - was für die Praxis in Schafflund an der dänischen Grenze in ihrer bisherigen Form das Aus bedeutete.

Heinemeier berichtete zum Jahresanfang in der "Ärzte Zeitung", dass er mit sofortigen Entlassungen reagiert hat. Zugleich setzte der 44-Jährige juristisch und politisch alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung. Er strengte ein Eilverfahren an, informierte Medien, machte auf Veranstaltungen wie etwa dem Parlamentarischen Abend der KV Politiker auf die Auswirkungen aufmerksam.

Mit Erfolg: Heinemeier kann heute deutlich optimistischer in die Zukunft blicken. Seine Patienten, die er auch damals über die Auswirkungen der Reform aufgeklärt hatte, informierte er jüngst mit einem Brief über die Veränderungen - und über seine Erwartung, die hausärztliche Versorgung in Schafflund auch künftig gewährleisten zu können.

Dazu haben seine Kollegen in entscheidendem Maße beigetragen. Zum einen mit der Konvergenzregelung, wonach keine Praxis im Norden in den beiden ersten Quartalen 2009 Verluste von mehr als 7,5 Prozent erleiden darf. Im Gegenzug verzichten Praxen, deren Umsatz durch die Reform gestiegen wäre, auf ihre Zuwächse. Im zweiten Halbjahr wird diese Verlustbegrenzung voraussichtlich leicht gelockert, maximal kann sie über zwei Jahre laufen.

Zur Entspannung hat aber auch beigetragen, dass die Praxis einen zweiten Kassenarztsitz zugesprochen bekam. Der zuvor bei Heinemeier angestellte Kollege Ulrich Hackel ist nun Partner der Gemeinschaftspraxis, womit ein zusätzliches RLV zur Verfügung steht - auch dies zu Lasten des hausärztlichen Gesamttopfes in Schleswig-Holstein. Dafür haben sich laut Heinemeier neben Kollegen auch Politiker aus der Region eingesetzt.

Zugleich hat die Praxis ihre Personalkosten verringert. Denn trotz der Verlustbegrenzung stehen im Vergleich zum Vorjahr unter dem Strich rund 20 000 Euro Quartalseinnahmen weniger zur Verfügung. Eine Vollzeit- und Halbtagskraft bei den Medizinischen Fachangestellten hat Heinemeier entlassen. Beide haben in Flensburg neue Stelen gefunden. Außerdem verzichtet die Praxis auf zwei Reinigungskräfte. Im Gegenzug wurde die im Sommer fertig ausgebildete Medizinische Fachangestellte übernommen und eine neue Auszubildende eingestellt.

Mit dem neuen Personalstamm ist die Praxis laut Heinemeier zwar an der Grenze der Belastbarkeit, aber die Zukunft scheint zunächst gesichert. "Ich bin ganz entspannt", sagt Heinemeier heute. Zumindest muss er nicht, wie zum Jahresbeginn befürchtet, seine Patienten selbst an der Anmeldung begrüßen.

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