Ärzte Zeitung, 26.07.2010
 

Interview

"Geld ist im Gesundheitswesen genug da"

Der SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, 70, ist nach seinem Ausstieg bei SAP nicht nur einer der reichsten Männer Deutschlands. Weniger bekannt ist, dass er viel Geld ins Gesundheitswesen investiert hat, zuletzt 40 Millionen Euro in eine neue Klinik in Heidelberg. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" hat der Unternehmer Hopp auch manchen Tipp für niedergelassene Ärzte parat.

"Bei der E-Card werden uns viele überholen"

"Geld ist im Gesundheitswesen genug da, man muss es nur richtig verteilen und an den richtigen Stellen einsetzen." (Dietmar Hopp, Unternehmer und SAP-Mitbegründer)

© Klaus Rüschhoff

Ärzte Zeitung: Herr Hopp, Sie haben als Investor in den vergangenen zehn Jahren viele Erfahrungen sammeln können. Sie sind Besitzer von Golfplätzen und haben Hoffenheim in die Bundesliga geführt. Welches Geschäftsfeld ist für Sie das spannendste und lukrativste: Informationstechnik, Sport oder Gesundheit?

Dietmar Hopp: (lacht) Ganz klar, Fußball.

Ärzte Zeitung: Weil er berechenbarer ist als das Gesundheitswesen?

Hopp: Mal ganz im Ernst. Ich habe 16 Engagements in Biotech-Unternehmen. Das werden nicht alles Treffer sein. Wenn nur zwei davon richtig durchkommen, hat sich das Ganze schon gelohnt. Und was auf jeden Fall bleibt: Durch das Engagement sind für einen langen Zeitraum wertvolle Arbeitsplätze entstanden und gesichert worden.

Ärzte Zeitung: Jetzt stecken Sie 40 Millionen Euro ins Ethianum in Heidelberg, in eine Klinik für plastische Chirurgie. Verfolgen Sie als Investor eine langfristige Strategie?

Hopp: Einen Masterplan habe ich nicht, wenn Sie das meinen. Mit dem Ethianum entsteht etwas wirklich Neues, das sich abhebt von der Behäbigkeit, die sonst im Gesundheitswesen herrscht. Das Ethianum steht auf dem Fundament Vertrauen, dass die fachliche und wissenschaftliche wie auch die wirtschaftliche Leitung in guten Händen ist. An der Klinik wird auch Stammzellforschung betrieben, und es soll ein Haus sein, in dem Menschlichkeit ganz oben steht.

Das Ethianum soll in der 1. Liga im Klinikmarkt mitspielen, auch international. Dann ist auch der ökonomische Erfolg möglich. Als Investor braucht man aber einen langen Atem.

Ärzte Zeitung: So langen Atem wie in der Gesundheits-IT? Wie bewerten Sie Ihr Engagement bei InterComponentWare, ICW?

Hopp: Ich könnte ein Buch schreiben über das, was ich mit ICW erlebt habe. Durch die Abhängigkeit von der Politik wäre ICW in erhebliche Turbulenzen gekommen, wenn nicht die Großinvestoren mitgespielt hätten. Elektronische Gesundheitskarte, Gesundheitsakte, sichere Online-Anbindung für Ärzte: Es gibt so viele Vorteile für alle Beteiligten - maßgeschneiderte Therapie, keine überflüssigen Untersuchungen, weil die Daten zur Verfügung stehen, wo sie gebraucht werden, Transparenz der erbrachten Leistungen. Aber in Deutschland ist das wirklich totgemacht worden. Das ist schon frustrierend.

Ärzte Zeitung: Der Ärztetag hat sich wegen datenschutzrechtlicher Bedenken gegen die neue Karte ausgesprochen. Zählt das in Ihren Augen nicht?

Dietmar Hopp

Aktuelle Position: Im Ruhestand als Investor tätig.
Werdegang/Ausbildung: geboren 1940 in Heidelberg, ab 1959 Studium der Nachrichtentechnik (Informatik) in Heidelberg, 1965 Abschluss als Diplom-Ingenieur.
Karriere: 1966 Systemberater bei IBM, 1972 Gründung der heutigen SAP AG zusammen mit vier ehemaligen Kollegen von IBM, 1988 Börsengang der SAP, bis 2003 verschiedene Ämter im Vorstand und Aufsichtsrat; 1995 Gründung der Hopp-Stiftung mit den Schwerpunkten Jugendsport, Medizin, Bildung und Soziales. Bisher Ausschüttung von 250 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke; Tätigkeit auch als Investor, unter anderem in der Biotech-Branche und in der Health-IT.
Privates: verheiratet, zwei Söhne, ein Enkel; Hobbys: Engagement im Sport, vor allem Golf und Fußball

Hopp: Welches politische Gewicht hat denn der Ärztetag wirklich? Selbst innerhalb der Ärzteschaft? Sehen Sie, mit Hilfe der Konnektoren erreichen wir eine viel höhere Sicherheit als beim Online-Banking, und trotzdem wird immer wieder der "gläserne Patient" ins Feld geführt - womöglich von Ärzten, die in ihrer eigenen Praxis eher lax mit dem Datenschutz umgehen.

Ich habe gelernt, wie im Gesundheitswesen argumentiert wird. Tatsache ist: Wir müssen einfach Transparenz ins System bringen, um die Ärzte auch tatsächlich nach Leistung zu bezahlen. Aber noch nicht einmal das ist durchsetzbar.

Ärzte Zeitung: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung bei der elektronischen Gesundheitskarte?

Hopp: Ich glaube immer noch an die Vorteile der Karte, aber ICW hat dieses Geschäftsfeld vorerst aufgegeben. Wenn doch noch ein Wunder geschehen sollte, könnten wir die Entwicklung allerdings schnell wieder aufnehmen.

Ärzte Zeitung: ICW ist mit den Entwicklungen für die eGK auch bei den Hausarztverträgen aktiv geworden, um eine sichere Online-Abrechnung zu ermöglichen. Kommt auf diesem Weg eine Telematikinfrastruktur zu den Ärzten?

Hopp: Die Hausarztverträge waren tatsächlich eine Chance, die Online-Anbindung der Ärzte über Konnektoren sicher zu machen. Ich dachte eigentlich, wenn wir es einmal schaffen, in Baden-Württemberg mit 1500 Hausärzten eine fehler- und problemlose Online-Abrechnung hinzustellen, dann hätte das bundesweit Signalwirkung. Doch weit gefehlt! Wir haben das zwar tatsächlich geschafft, die Online-Abrechnung funktioniert praktisch fehlerlos, aber trotzdem ist man in Bayern wieder einen Schritt zurück und hat sich für die Lösung mit CD entschieden. Die Fehlerraten sind extrem, bei geringerem Sicherheitsstandard. Die Entscheidungslogik im Gesundheitswesen ist für mich teilweise nicht mehr nachvollziehbar, zumal die Strukturen in weiten Teilen wirklich noch rückständig sind.

Ärzte Zeitung: Hat das Konsequenzen für ICW? Sind die vielen Millionen Euro, die Sie und andere Investoren da reingesteckt haben, verloren?

Hopp: Normalerweise hätten wir das Unternehmen schließen müssen. Wir sind jetzt aber auf gutem Weg und hoffen, in zwei Jahren in die schwarzen Zahlen zu kommen, auch ohne elektronische Gesundheitskarte. Die Kooperation mit GE Healthcare in den USA läuft gut, und auch für Kliniken wie das Ethianum hier in Heidelberg bietet ICW gute Lösungen an. Im Zusammenspiel mit dem Klinikinformationssystem von Meyerhofer haben wir eine interessante Lösung zu bieten.

Ärzte Zeitung: Als Investor haben Sie inzwischen einige Erfahrung im Gesundheitswesen gesammelt. Auch freiberuflich tätige Ärzte investieren täglich im Gesundheitswesen - Geld und Arbeitskraft. Was würden Sie Ärzten als Unternehmern empfehlen? Oder werden in Zukunft Kapitalgesellschaften und Investoren das Gesundheitswesen dominieren?

Hopp: Bevor ich SAP mit gegründet habe, habe ich auch mit der Idee gespielt, eine eigene Praxissoftware zu entwickeln. Ich weiß daher, wie es in Arztpraxen zugeht - und das ist teilweise immer noch so wie damals bei meinem Schwiegervater in den 60er Jahren. Das wird mit Sicherheit nicht so bleiben.

Aber die Freiberuflichkeit lässt sich erhalten, es ist für niedergelassene Ärzte zum Beispiel wichtig, Synergien mit Kollegen zu nutzen, etwa in Ärztezentren. Zu den nötigen Veränderungen gehört aber auch, moderne Informationstechnik zu nutzen. Geld ist im Gesundheitswesen genug da, man muss es nur richtig verteilen und an den richtigen Stellen einsetzen.

Ärzte Zeitung: Ihre Vision für ein Gesundheitswesen der Zukunft - wann werden relevante Gesundheitsdaten eines Patienten für behandelnde Ärzte immer dann im Zugriff sein, wenn sie sie brauchen?

Hopp: Die elektronische Gesundheitsakte? In Deutschland nicht vor 2040! (lacht sarkastisch) Nein, im Ernst, wahrscheinlich wird das mindestens noch fünf Jahre dauern. Viele andere Länder werden uns in dieser Zeit rechts und links überholen.

Das Gespräch führten Hauke Gerlof und Kerstin Mitternacht.

[28.07.2010, 10:37:09]
Daniel KUPPER 
Wenn Ärzte "krank" werden
Der Eid des Hippokrates ist auch dafür da, falls Kollegen krank werden. Wie übersetzt man das in Elektronik? Der Selbstschutz besteht nicht nur aus Geld. Die Ökonomen überlegen das nicht. zum Beitrag »
[27.07.2010, 13:52:19]
Dr. Klaus Günterberg 
Die Gefahren der EGK (einer zentralen deutschen elektronischen Krankenakte) werden von den Profiteuren dieses Projekts geleugnet!
Die mutmaßlichen Vorteile einer eGK rechtfertigen nicht die Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht!

Durch die elektronische Gesundheitskarte zur maßgeschneiderten Therapie? Diese laienhafte Vorstellung ist weitab jeder medizinischen Realität! Beispiel Brustkrebs-Behandlung: Die heute schon „maßgeschneiderte“, d. h. individuelle, Therapie hat große Fortschritte gebracht, jedoch aus ganz anderer Ursache und ohne eGK.

Keine überflüssigen Untersuchungen durch eine eGK? Hier ist wohl nicht die Karte, sondern eine zentrale deutsche Krankenakte, das deutsche Telematik-Projekt im Gesundheitswesen, gemeint. Vermutlich ließe sich manche Doppeluntersuchung tatsächlich vermeiden; in welchem Umfang – dazu gibt es nur Behauptungen, keine validen Untersuchungen. Ob die Einsparungen den Aufwand des deutschen Telematik-Projekts auch nur ansatzweise rechtfertigen – das muss sehr aus ärztlicher Sicht auch sehr bezweifelt werden.

Transparenz der erbrachten Leistungen? Wir Ärzte sind sehr dafür. Derzeit weiß kein Kassenpatient um die Kosten seiner Behandlung und der Medikamente. Ein Wirtschaftssystem ohne Endverbraucherpreise muss unwirtschaftlich sein; mit einem solchen System können alle Beteiligten nur unzufrieden sein! Darum fordern wir Ärzte schon lange das Kostenerstattungs-System, bei dem der Versicherte vom Arzt eine Rechnung bekommt, gegenzeichnet und seiner Krankenkasse zur Begleichung weiterreicht. Für eine solche Transparenz aber bracht man dieses von uns Ärzten mehrheitlich abgelehnte Projekt „eGK“ aber nicht.

Vor allem aber verstößt das Projekt „elektronische Gesundheitskarte“ gegen die ärztliche Schweigepflicht! Ich habe dazu mehrfach und umfangreich publiziert, bitte lesen Sie dort nach. Die Gefahren einer eGK, vor allem die einer zentralen deutschen elektronischen Krankenakte, vor allem durch sog. „Innentäter“, sind viel größer, als von den wirtschaftlichen Profiteuren einer eGK zugegeben.
Und vor allem: Die ärztliche Schweigepflicht ist für die Bürger unseres Landes von so elementarer Bedeutung, dass auch ein mutmaßlicher wirtschaftlicher Vorteil der eGK – den wir Ärzte nicht sehen -, die Verletzung der Schweigepflicht nicht rechtfertigt: Bitte lesen Sie auch dazu nach (s. u.).


Dr. Klaus Günterberg


Mehr zu diesem Thema sowie zu weiteren Themen, publiziert in Zeitungen und Büchern,
bspw. zu => ärztlichen Gemeinschaften, => KV´en und EBM, => Haus- und Fachärzten, => Ärztemangel, => Wartezeiten, => Gesundheitskosten, => Arzneimittel (Ursachen steigender Kosten, Arzneimittel und Lebensqualität, Erwiderung bei Regress), => Rente mit 67, => Umsatzsteuer der Ärzte, => elektronische Gesundheitskarte (u.a. tatsächliche Kosten, Grundgesetzwidrigkeit, Verstoß gegen Wettbewerbsrecht, Behinderungen, Probleme des eRezepts, Daten-Pool = Schweigepflicht-Verstoß, größte Datenschutz-Gefahr durch Binnentäter, „Vernetztes Geheimnis“) und => auch einige vergnügliche Glossen zum Gesundheitswesen,
und zahlreiche Antworten auf ärztliche Fragen, publiziert in Internet-Foren,
=> auf kleinere ärztlichen Fragen und Probleme

finden Sie unter http://www.dr-guenterberg.de/Publikationen
Dr. med. Klaus Günterberg
Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
Hönower Str. 214
12623 Berlin
Tel. : +49 30 5627163
Fax : +49 30 5604 5739
Mail: klaus-guenterberg@gmx.de
Web: www.dr-guenterberg.de

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