Ärzte Zeitung, 05.10.2010

Diabetestagebuch: Keine Chance mehr für aufgehübschte Werte

Diabetiker bei der Therapie zu halten ist nicht ganz einfach. Ein neues Online-Tagebuch soll dies nun ändern. Dabei werden die Daten automatisch übertragen, beschönigen können Patienten nichts mehr.

Von Anno Fricke

Diabetestagebuch: Keine Chance mehr für aufgehübschte Werte

Dr. Janko Schildt, der Erfinder des Diabetestagebuchs DIA.log, erklärt einer Patientin, wie die Messdaten übertragen werden.

© Medimatik GmbH

POTSDAM. Hausärzte kennen ihre Pappenheimer: Rund drei Viertel der Werte in den Diabetestagebüchern stimmen nicht. Die Patienten neigten dazu, ihre Messungen zu schönen oder gleich ganz auszulassen, sagt Professor Peter Schwarz, Diabetologe am Dresdner Uniklinikum. Deshalb ist er von der Idee der Falkenseer Firma Medimatik zu einem digitalen Diabetestagebuch auch sehr angetan.

Selbst die Insulinmenge wird automatisch erfasst

Das Blutzuckermessgerät speichert und überträgt die Daten automatisch an das Tagebuch. Es ist Teil der Produktlinie DIA.log, die die Firma am Ernst-Bergmann-Klinikum in Potsdam vorgestellt hat. Eine Weltneuheit darin ist der Insulinpen. Er überträgt die Daten der Insulinmenge, die sich der Patient gespritzt hat, ins Tagebuch. "Das ist ein Quantensprung. Erstmals können wir monitoren, wie der Patient auf seine Werte reagiert", sagt Schwarz.

Online-Diabetestagebücher hingegen sind nicht neu. Per PC oder Handy können Patienten ihre Blutzuckerwerte und die Menge des gespritzten Insulins an Server übermitteln, von wo sie der behandelnde Arzt bei Bedarf abrufen kann. Diese Verfahren erlauben es dem Patienten allerdings, die Daten so einzugeben, wie er will. 74 Prozent der Werte in den Tagebüchern seien falsch, sagt der Diabetesforscher Schwarz. Für die Hausärzte sei das ein Desaster. Sie müssten qualifizierte Entscheidungen auf der Basis von überwiegend falschen Werten Treffen.

DIA.log soll dies ändern. Die Patienten messen zwar wie bisher fünf bis sechs Mal am Tag ihre Blutzuckerwerte. Eine Sendestation empfängt aber direkt vom Messgerät jeweils den Wert und überträgt ihn via Internet auf einen Server in Köln. Spritzt sich der Patient Insulin, wird der Insulinpen aktiv. Er funkt an die Übertragungsstation, wie viel Insulin sich der Patient verabreicht hat. Diese Daten werden im Diabetestagebuch zusammengeführt. Die Patienten müssen keinen Gedanken mehr an das Tagebuch verschwenden. Sie brauchen nicht einmal ein Telefon. "Niemand muss mehr ein schlechtes Gewissen haben, wenn er einen Eintrag vergisst", sagt der Erfinder des Systems Dr. Janko Schildt.

Die Geräte sollen nach Angaben des Herstellers auch funktionieren, wenn der Patient sich von der auf die eigene Wohnung beschränkte Sendestation entfernt. Sie würden die Daten mehrere Monate speichern. Sobald der Diabetiker seine Wohnung betrete, würden Blutzuckermessgerät und Insulinpen die Daten dann ans Tagebuch übertragen.

Das Verfahren sei für Ärzte und Patienten so sicher wie Online-Banking, verspricht Schildt. Zugriff auf die Daten erhalte nur der Patient. Er wiederum könne seinem Arzt ebenfalls den Zugriff erlauben. Gibt der Patient sein Einverständnis, können auch Universitäten mit den anonymisierten Daten arbeiten. Überhaupt keinen Einblick sollen Krankenkassen und Pharmaunternehmen erhalten, erläutert Medimatik-Geschäftsführer Jens Wiedeck.
Aus medizinischer und gesundheitsökonomischer Sicht erscheint es jedoch sinnvoll, zumindest dem Arzt Einblick in die lückenlose Dokumentation des Krankheitsgeschehens zu geben.

Chancen sehen Mediziner in der möglichen Vermeidung von Diabetes-Folgeerkrankungen durch exaktere Daten und eine bessere Einstellung der Patienten. 12,8 Milliarden Euro habe Diabetes mellitus das Gesundheitssystem im Jahr 2001 gekostet, sagt Professor Heiko Burchert, der an der Fachhochschule Bielefeld Medizinökonomie lehrt.Davon seien 9,6 Milliarden Euro auf die Behandlung von Folgeerkrankungen entfallen. Diabetiker entwickelten häufiger Herz-Kreislaufkrankheiten. Mehr als ein Drittel der Diabetiker müssten zur Dialyse. Die Blutwäsche koste die Kassen je Patient rund 50 000 Euro im Jahr.

Der Wunsch: Eine Beteiligung der Kassen

Schwarz erwartet eine bessere Compliance der Patienten. Die telemedizinische Lösung stärke die Patientenselbstständigkeit. Der Arzt könne bei Bedarf sofort eingreifen und müsse nicht auf den Besuch des Patienten alle drei Monate warten. Er rechne daher binnen weniger Jahre mit einem Sinken des Verbrauchs von Insulindosen.

Beide Wissenschaftler gehen davon aus, dass die gesetzlichen Kassen sich an Mehrkosten, die das Produkt verursacht, beteiligen werden. Diese entstehen vor allem durch die Datenübertragung und -speicherung. Die Ausstattung mit Blutzuckermessgerät, Insulinpen, Sendestation und Serverplatz kostet 475 Euro. Dabei übernehmen die Kassen die Grundausstattung mit Blutzuckermessgerät und Insulinpen ohnehin schon.

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