Ärzte Zeitung, 27.10.2010
 

Die leise Hoffnung auf die fünfte Generation

120 Jahre Familienpraxis am gleichen Standort: Dieses ungewöhnliche Jubiläum feiert die Arztpraxis Schirren am Schlossgarten in Kiel. Aber: Setzt sich die Tradition fort?

Von Dirk Schnack

KIEL. Namhafte Medizinerfamilien gibt es in Kiel, wo die Medizinische Fakultät auf eine lange Tradition zurückblicken kann, eine ganze Reihe. Das Jubiläum, das die dermatologische Praxis am Schlossgarten 13 jetzt feiert, ist aber einmalig: Seit 120 Jahren existiert die Praxis am gleichen Standort - und ebenso lange ist ein Mitglied der Familie Schirren dort in freier Niederlassung ärztlich tätig.

Die leise Hoffnung auf die fünfte Generation

"Ich würde mich freuen, wenn die Praxis in der Familie bliebe." Dr. Carl Hermann Schirren, Dermatologe in Kiel

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Wenn Dr. Hermann Schirren demnächst rund 250 Gäste zum Jubiläum im benachbarten Kieler Schloss begrüßt, wird es an medizinischen Themen nicht mangeln. Denn die Familie hat im Laufe der vergangenen hundert Jahre viele Ärzte hervorgebracht - meist Dermatologen. Dabei hatte sich Praxisgründer Dr. Carl Schirren eigentlich die Chirurgie auserkoren. Der in Estland geborene Sohn eines Ordinarius für Geografie legte in Kiel sein Examen ab und begann anschließend 1889 an der chirurgischen Uniklinik unter Friedrich von Esmarch, um seinen Berufswunsch Chirurgie zu verwirklichen.

Doch Schirren musste passen, weil sich ein Ekzem nach Desinfektion der Hände verschlimmerte und die operative Tätigkeit unmöglich machte. Schirren war gezwungen, die Chirurgie aufzugeben, so kam er zur Dermatologie. Weil die Ausbildungszeit damals nur ein Jahr betrug, konnte sich der Dermatologe schon 1890 als erster Hautarzt in Schleswig-Holstein in freier Praxis niederlassen. Die Schirrens nutzten das Haus am Schlossgarten 13 damals als Praxis und Wohnhaus. Kiel hatte damals nur 51 000 Einwohner und 98 Ärzte.

Der älteste Sohn des Praxisgründers, Carl-Georg Schirren, übernahm die Praxis kurz nach dem Tod des Vaters, der 1921 starb. Er führte die Praxis mit so großem Erfolg weiter, so dass die Adresse schon bald zu einem Markenzeichen für dermatologische Behandlungen in Kiel wurde.

Kiel, Schlossgarten 13 - eine etablierte Adresse

Die leise Hoffnung auf die fünfte Generation

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In Kiel ist das Haus am Schlossgarten 13 ein Stück Medizingeschichte. 1890 ließ sich dort der Chirurg und Dermatologe Dr. Carl Schirren in eigener Praxis nieder. Die Praxisräume blieben seitdem in Familienhand.

Nach der fünften Generation könnte dem Traditionshaus nun das Aus drohen - zumindest, was die Besetzung der Praxis mit einem Familienmitglied angeht. Hier ist noch kein Nachfolger in Sicht.

Wie wertvoll die Adresse in den Augen der Familie war, zeigt ein in der Familienchronik überlieferter Vorfall. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte die Kieler Handelskammer versucht, ihren Grundbesitz in der Nachbarschaft der Praxis auszudehnen, auch eine Enteignung stand damals im Raum. Schirren sah darin eine Intrige und existenzielle Bedrohung und ließ seine über ehrenamtliche Tätigkeiten aufgebauten Beziehungen spielen - der laut Chronik einzige Fall, in dem der Praxisinhaber seine zahlreichen Verbindungen aus ehrenamtlicher Tätigkeit nutzte.

Die Familie behielt das Haus, was Schirren schon damals auch aus wirtschaftlicher Sicht als wichtig erachtete. Auch als die Praxisräume im Krieg zerstört wurden, legte Schirren Wert auf einen Wiederaufbau an gleicher Stelle. So blieb auch nach dem Krieg der Schlossgarten 13 Anlaufstelle für dermatologische Behandlungen durch die Schirrens.Die Kinder des zweiten Schirren zeigten ebenfalls hohes Interesse für das Fach und errangen hohes Ansehen.

Der älteste Sohn Carl Schirren etwa (geb. 1922) ist jedem Andrologen ein Begriff, er ist Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Andrologie. Der zweite Sohn Carl Georg (1923 - 1969) war Lehrstuhlinhaber für Dermatologie und Venerologie an der Universität in Marburg. Der dritte Sohn Carl Hermann Schirren (geb. 1939) übernahm 1972 die Praxis am Schlossgarten - ein Entschluss, den er nie bereut hat, wie er versichert. Zeitweilig führte er die Praxis gemeinsam mit seinem Vetter Jul Michael, der seine Tätigkeit 1997 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste.

In der dritten Generation wurde der Bereich der Andrologie in der Praxis erheblich ausgeweitet. Carl Hermann Schirren allein hat im Lauf seiner Praxistätigkeit rund 22 000 Männer aus Kiel und Umgebung wegen Zeugungsunfähigkeit behandelt. Auch das onkologische Spektrum wurde erweitert. Der in Kiel fest etablierte Standort erwies sich nach Aussage von Schirren auch aus wirtschaftlicher Sicht lange Jahre als Glücksfall.

Ob der Standort aber auch künftig mit dem Namen Schirren verbunden sein wird, steht in den Sternen. Zwar gibt es auch in der vierten Generation der Schirrens mehrere Dermatologen, doch zu einer Praxisübernahme kam es aus verschiedenen Gründen nicht. Carl Hermann Schirren, der inzwischen nur noch nach Bedarf Privatpatienten am Standort behandelt und mit Martina Podszuweit und Dr. Stephan Lischner Kollegen für die vertragsärztliche Versorgung gefunden hat, bedauert das mögliche Ende der Familientradition.

Ganz aufgeben mag der Praxisinhaber die Hoffnung aber nicht. In der fünften Generation der Schirrens - dies sind die Ururenkel des Praxisgründers - könnten sich in den kommenden Jahren weitere Dermatologen finden, von denen einer in die Praxis einsteigt.

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