Ärzte Zeitung online, 18.02.2011

In die Kritik geratener Anästhesist verliert Professoren-Titel

Für den Ludwigshafener Anästhesisten Joachim Boldt geht dieses Jahr so unangenehm weiter, wie das vergangene aufgehört hat: Wegen gefälschter Studien hat er erst den Job verloren, und sich Ermittlungen von Kammer und Staatsanwaltschaft eingehandelt. Und nun darf er sogar den Titel Professor nicht mehr führen.

Gefälschte Studien: Anästhesist verliert Professoren-Titel

Ärzte vor der Uniklinik in Gießen: Die Uni hat dem Anästhesisten Dr. Joachim Boldt den Professoren-Titel entzogen.

© dpa

GIEßEN (ine/eb). Der Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen hat dem in die Kritik geratenen Ludwigshafener Anästhesisten Dr. Joachim Boldt verboten, weiterhin die Bezeichnung "außerplanmäßiger Professor" zu führen. Außerdem wurde von ihm die Verleihungsurkunde zurückgefordert.

Die außerordentliche Professur der Mediziner hatte Boldt im Jahr 1993 erhalten. Wie die Uni Gießen mitteilt, wurde im Rahmen der Untersuchungen gegen Boldt festgestellt, dass er seiner gesetzlichen Verpflichtungen zur Lehre in den letzten Semestern nicht mehr nachgekommen ist.

Das Hessische Hochschulgesetz sieht in Paragraf 25 Absatz 2 die Aberkennung des Titels vor, wenn "ohne Zustimmung des Fachbereichs oder ohne wichtigen Grund zwei aufeinander folgende Semester keine Lehrtätigkeit" ausgeübt wird.

Der Anästhesist Boldt war im November mit einer gefälschten Studie über Plasmaexpander aufgeflogen. Der Skandal zog weite Kreise - von dem amerikanischen Fachjournal, über die Deutsche Fachgesellschaft für Anästhesiologie bis hin zu Ärztekammer Rheinland-Pfalz und der zuständigen Staatsanwaltschaft.

Boldt verlor daraufhin seinen Job als Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Ludwigshafen. Die Kammer ermittelt seitdem gegen ihn.

Die Kammer hatte jüngst 105 Studien von Boldt aus den Jahren 1999 bis 2010 überprüft - nur 15 waren von der Ethikkommission von der Kammer genehmigt oder zumindest dort eingereicht worden, gab die Kammer Anfang Februar bekannt.

Hier steht nach Angaben der Ärztekammer auch der Verdacht im Raum, dass Boldt einige der Studien womöglich gar nicht durchgeführt hat.

Der 56-Jährige muss sich nun vor der Kammer verantworten. Sie hat ihn mit den Untersuchungsergebnissen konfrontiert und wartet seine Stellungnahme ab.

Boldt könnte als Konsequenz eine Geldbuße von bis zu 100.000 Euro drohen. Zudem könnte sich die zuständige Aufsichtsbehörde, das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung einschalten und seine Approbation widerrufen.

Auch Das Ludwigshafener Klinikum untersucht den Fall, die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet und ermittelt wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz und Urkundenfälschung.

An der Uni Gießen arbeitet unterdessen die universitätsinterne Kommission weiter an der Klärung der Vorwürfe gegen Boldt.

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