Ärzte Zeitung online, 25.02.2011

Rezept-Arzneien: Zugaben sind in Apotheken ganz alltäglich

Kaum ein halbes Jahr ist es her, dass der Bundesgerichtshof über Rabatte und Boni bei rezeptpflichtigen Arzneien geurteilt hat. Die Richter gaben klare Grenzen vor, aber ließen auch Fragen offen. Nun zeigt eine Umfrage: Boni und kleine Geschenke bei Rx-Arzneien sind in deutschen Apotheken längst Alltag.

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Noch einen Taler zum Blutdrucksenker: In Deutschlands Apotheken offenbar keine Seltenheit mehr.

© Klaro

DÜSSELDORF (cw). Bereits zwei Drittel aller Apothekenkunden erhalten schon heute Zugaben oder Rabatte auf rezeptpflichtige Arzneimittel. Das ergab eine jetzt veröffentlichte repräsentative Umfrage des Nürnberger Marktforschers GfK.

Auftraggeber der im Dezember vorigen Jahres erstellten Erhebung war der europäische Versandapotheken-Verband EAMSP. Dem Verband gehören große Player wie etwa DocMorris, Sanicare, "easy Apotheke" oder die schweizerische "Zur Rose" an.

Zum ersten Mal wurde damit systematisch ein ebenso interessantes wie umstrittenes Instrument der Kundenbindung in bundesdeutschen Apotheken untersucht.

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Demnach gaben rund 40 Prozent der Befragten an, auf Rezepte oder rezeptpflichtige Arzneimittel in ihrer Apotheke eindeutig als Bonus deklarierte Zugaben erhalten zu haben - zum Beispiel Apothekentaler, Rabattmarken, OTC-Gutschriften oder gar einen Sofortrabatt auf den Rechnungsbetrag.

45 Prozent gaben an, beim Rx-Einkauf auch ein kleines Geschenk erhalten zu haben. Lediglich 34,5 Prozent der Befragten erhalten in ihrer Stammapotheke keinerlei Zugabe. Mehrfachnennungen waren möglich.

"Auch deutsche Apotheken nutzen somit in erheblichem Umfang diese Zugaben als klassisches Marketinginstrument, um ihre Kunden zu binden", heißt es seitens der EAMSP.

Dass die Erhebung zu diesem Zeitpunkt vorgelegt wird, kommt nicht von ungefähr: Im September 2010 hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass Zugaben bei Rezepteinlösung zwar wettbewerbsrechtlich nicht zu beanstanden seien, wenn sie die Grenze der Geringwertigkeit nicht übersteigen.

Ausdrücklich wurde als ein solcher Grenzbetrag ein Euro genannt. Aber: Gleichzeitig befand der BGH, dass Zugaben auf Rezepte preisrechtlich generell unzulässig seien.

Seither schwelt der Streit zwischen Apotheken, die Rx-Rabatte anbieten und Kammern, die sich in berufsrechtlicher Legitimation darum bemühen, dass der Arzneimittelpreisverordnung genüge getan wird.

In mehreren Bundesländern wurden Apotheken - unter anderem der Discount-Kooperationen easy oder Sanicare - eine Frist gesetzt, Rabattprogramme zu stoppen. Bei Zuwiderhandlung wurden ihnen Sanktionen angedroht.

Allerdings wird von Branchenkennern auch bezweifelt, ob die Kammern überhaupt noch verhältnismäßig handeln, wenn sie berufsrechtlich etwas verfolgen, das wettbewerbsrechtlich bereits als Bagatelle eingestuft wurde.

Die aktuelle GfK-Erhebung munitioniert daher die Befürworter von Rx-Zugaben. Wenn Rezept-Boni bereits einen relativ alltäglichen Vorgang in den Apotheken darstellen, schrumpft der Einspruch der Kammern auf unangebrachte Prinzipienreiterei.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat die Standesvertretung in Sachen Rx-Boni ohnehin: Denn seit knapp einem Jahr ist die Versandapotheke DocMorris dem Rahmenvertrag zur Arzneimittelversorgung (Paragraf 129 SGB V) beigetreten.

Der aber sieht für den Beitritt ausländischer Anbieter ausdrücklich eine Unterwerfung unter die hiesige Arzneimittelpreisverordnung vor - Konventionalstrafen bei Vertragsverletzung inklusive.

Trotzdem werben die Niederländer nach wie vor mit hohen Rezept-Boni. Der Rahmenvertragspartner DAV (Deutsche Apothekerverband) rührt sich nicht, obwohl spätestens seit dem BGH-Urteil vom September an der Diskrepanz zwischen DocMorris-Boni und Arzneimittelpreisverordnung nicht zu zweifeln ist.

Offenkundig ist den Verbandoberen ein starker Konkurrent des ungeliebten Versandhandels in Deutschland ganz gelegen.

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