Ärzte Zeitung, 03.04.2011

Leitlinien - Leitplanken für Compliance

Die größte Verschwendung im Gesundheitswesen ist, wenn Medikamente verordnet werden, die die Patienten nicht nehmen. Aufgabe für Ärzte ist es, gegenzusteuern.

Von Thomas Trappe

LEIPZIG. Im Bereich der neurologischen Medizin werden in Deutschland im hohen Maß Medikamente verschrieben, die nicht eingenommen werden. Das hat Joachim Kugler, Professor an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden, während der jüngsten Mitteldeutschen Fortbildungstage in Leipzig gesagt.

Nicht hohe Preise für Medikamente seien die vordergründige Ursache für Kostensteigerungen im Gesundheitssystem, sondern vor allem die inadäquate Versorgung, so der Inhaber des Lehrstuhls für Public Health.

Das Hauptproblem sei es, dass Patienten häufig die begonnene Therapie vorzeitig abbrechen. Besonders bei Diabetes-Patienten und bei Patienten mit Multipler Sklerose sei das zu beobachten, so Kugler. Und bei MS-Patienten koste eine medikamentöse Therapie rund 18.000 Euro im Jahr.

Die Akteure im deutschen Gesundheitssystem stünden vor der Herausforderung, den Anteil der Medikamente, die Patienten aus eigener Entscheidung vorzeitig absetzen, zu verringern. Ein gutes Modell sei etwa Großbritannien, so Kugler. Dort werde über finanzielle Anreize sichergestellt, dass Patienten therapietreu bleiben.

Besonders problematisch ist die Lage nach Kuglers Worten bei der Behandlung bei Depressionen. Nur in zehn Prozent der 2,5 Millionen Patienten sei die ärztlicher Therapie erfolgreich - trotz aller Bemühungen und medikamentöser Behandlung.

Kugler appellierte an die anwesenden Ärzte, Medikamente zielgenau zu verschreiben und so zu einer besseren Compliance beizutragen.

Seiner Ansicht nach ist die Beachtung von Leitlinien häufig nicht in ausreichendem Maße internalisiert und somit geübte Praxis. Beispielgebend könne hier ein Blick auf die Situation in den Niederlanden sein. Dort erführen die Leitlinien eine forcierte Wahrnehmung, so Kugler.

Kugler unterzog auch die Behandlung mit Placebo einer kritischen Betrachtung. Eine Therapie mit Placebo könne am ehesten wirken, wenn der Patient das Gefühl hat, er werde gut betreut und vom Arzt wertgeschätzt.

Dafür müsse Zeit investiert werden, "es braucht den direkten Patientenkontakt", so Kugler. Die Zuckerpillen wirkten nicht ganz von allein.

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