Ärzte Zeitung, 25.08.2011

Praxismanagement

Alternativen für Ärzte - warum nicht aufs Schiff?

An Bord als Schiffsarzt -ein Traumberuf? Die Anforderungen für die Tätigkeit sind anspruchsvoll. Dafür kann sich der Verdienst sehen lassen.

Von Bernd W. Alles

Alternativen für Ärzte - warum nicht aufs Schiff?

Kreuzfahrten sind ein Traum für Touristen. Für Ärzte an Bord kann es gerade auf großen Schiffen einiges zu tun geben.

© shutterstock

Große Kreuzfahrtschiffe liegen im Trend. Urlaub auf See ist "in", der Kolumnist ist selbst im Sommerurlaub auf Kreuzfahrt gewesen. Aber auch Senioren mit all ihren kleinen oder großen Gebrechen sind unterwegs. Sie wollen Sicherheit und kompetente medizinische Versorgung an Bord. Das medizinische Spektrum dort ist breiter. Akuterkrankungen und Unfälle bzw. Verletzungen nehmen einen breiten Raum ein.

Alternativen für Ärzte - warum nicht aufs Schiff?

Clara Schlaich von der Deutschen Gesellschaft für Maritime Medizin verwies in einem Beitrag für die Zeitschrift "Maritime Medizin" darauf, dass nur zwei Prozent der verletzten Passagiere an Land behandelt werden müssen. Laut einer Übersicht aus dem Jahr 2010 zu Unfällen und Verletzungen auf Kreuzfahrtschiffen wurden über drei Jahre hinweg eine Inzidenz von 0,8 Verletzungen per 1000 Passagiertage gezählt.

Von den insgesamt 663 Verletzungen wurden zwölf Prozent als schwer eingestuft. Häufigste Verletzungen waren Wunden (42 Prozent). Vor allem die unteren Extremitäten waren von Verletzungen betroffen (43 Prozent). Der überwiegende Teil der Verletzungen konnte durch die Schiffsärzte versorgt worden, nur zwei Prozent mussten landseitig hospitalisiert werden, schreibt Schlaich.

Auf Frachtschiffen unter deutscher Flagge waren 21 Prozent aller Behandlungen durch übertragbare Erkrankungen veranlasst. Klar, das Akutes Abdomen, Herzinfarkt, Apoplex, Lungenödem etc. auch im Schiffsalltag vorkommen.

Stellenprofil Schiffsarzt

Verantwortung für den gesamten Hospitalbetrieb an Bord (Tag und Nacht).

Sprechstunden bzw. Bereitschaftsdienst für Gäste und Crew-Mitglieder.

Kontrolle des Arzneimittelbestandes mit Verbrauchsmaterialien und Sicherstellen der Funktionalität medizinischer Geräte.

Weiterbildung in erster Hilfe für Crewmitglieder.

Dokumentation und Berichtswesen der medizinischen Behandlungen einschließlich Datenarchivierung.

Hygiene- und Sicherheitsvorschriften auf ihre Einhaltung überprüfen und gegebenenfalls neu anordnen.

Dann ist umsichtiges, schnelles Handeln erforderlich. In Abstimmung, aber ohne Befehlsgewalt durch den Kapitän zur See, wird ein adäquates Rettungskonzept für die betroffenen Passagiere entworfen und umgesetzt. Wird externe, also nicht auf dem Schiff machbare Hilfe erforderlich, sind Kursänderungen des Schiffes oder Ausfliegen der Patienten per Helikopter durchaus keine Seltenheit.

Um das umfangreiche Aufgabenpaket bewältigen zu können, lohnt ein Blick auf die Richtlinie Nr. 4 vom 12.11.2008 über die Aufnahme der Tätigkeit als Schiffsarzt. Es müssen gegenüber dem Hafenarzt folgende Kenntnisse und Fertigkeiten nachgewiesen werden.

  • Eine mehrjährige klinische Weiterbildung bzw. Tätigkeit mit den Schwerpunkten Innere Medizin und Chirurgie. Bevorzugt wird die Facharztanerkennung für Allgemeinmedizin, ggf. auch für Innere Medizin, Chirurgie, Anästhesiologie oder das Zertifikat "Maritime Medizin".
  • Die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin oder die Fachkunde Rettungsmedizin sowie eine regelmäßige Notfall-/intensivmedizinische Tätigkeit.
  • Fachkunde Strahlenschutz (falls Röntgen an Bord) sowie Sonografiekenntnisse, wenn ein solches Gerät an Bord zur Verfügung steht.

Die Nachfrage nach solchen Schiffsärzten ist durchausgroß. Die Vergütungsmodelle variieren in großen Breiten - vom Festgehalt über ein Grundgehalt mit Erfolgsbeteiligung bis zur Privatliquidation durch den Schiffsarzt sind alle Vergütungsmodelle vertreten. Zahlreiche Mischformen sind vorhanden. Letztlich ist die Vergütung Verhandlungssache.

Ebenso flexibel sind die Arbeitszeiten. Bei der zeitlichen Bindung existiert eine weite Bandbreite: vom Fulltime-Job bis zur Urlaubsvertretung ist alles machbar. Und zwar vom Frachter bis zum Super-Kreuzfahrtschiff.

Patienten stöhnen häufig über die Höhe der Behandlungsrechnung auf See - das sind sie dort nicht gewohnt. Blogs in Internet-Foren sprechen die hohen Arztrechnungen auf See an. Aber keine falsche Bescheidenheit: Leistung muss ihren gerechten Lohn erhalten, auch auf See. Es ist viel an Vorhaltung investiert, man ist sehr kompetent und außergewöhnlich engagiert (häufige Notfallbereitschaft!).

Großes Geheimnis Kostenabrechnung

Im Hinblick auf Informationen zur Kostenabrechnung bei Schiffsärzten hüllen sich die Verantwortlichen in Schweigen.

Die Aufklärung über die Behandlungskosten an Bord könnte etwas besser funktionieren: Bei meinem Erscheinen im Schiffshospital - obwohl ich nur ein kurzes Interview mit den Schiffsärzten für diese Berichterstattung haben wollte, was auch typisch bürokratisch über die Reederei in Rostock zu genehmigen gewesen wäre - wurde ich nicht nach meinem Anliegen, sondern nach der Schiffsbordkarte, dem ultimativen Zahlungsinstrument an Bord, gefragt. Daten eingelesen. Dann der lapidare Hinweis der Krankenschwester im Empfang "Sie bekommen die Arztrechnung bei Ihrer Abreise, sie wird direkt von Ihrer Kreditkarte ab gezogen".

Null Informationen über die Art der Gebührenordnung (GoÄ oder internationale Gebührenordnung, zum Beispiel IMAS = International Medical Accounting System - welcher Steigerungssatz, Kosten für Medikamente und Hilfsmittel?) noch über Möglichkeiten der Kostenerstattung durch bestehende Krankenversicherungen. Da wäre ein Stück Aufklärung gewiss hilfreich. Ein Einzelfall? Vielleicht. Vermeidbarer Ärger - denn die richtige Versicherung zahlt den Schaden.

Aufgaben der Schiffsärzte

  • Kurative Versorgung der Passagiere und der Besatzung
  • Koordination der Weiterbehandlung an Land
  • Indikationsstellung und Mitwirkung bei Evakuierungen
  • Surveillance von Infektionskrankheiten an Bord
  • Überwachung der Schiffshygiene
  • Überwachung der Qualität von Medizinprodukten in Abhängigkeit der rechtlichen Bestimmungen des Landes, unter welcher Flagge das Schiff fährt
  • Überwachung der Anwendung von Röntgenstrahlung
  • Kontrollmaßnahmen bei Infektionskrankheiten an Bord (Diagnostik, Desinfektion, Isolation und Quarantäne) u.a.
  • Vorbereitung und Mitwirkung an den Schiffshygieneinspektionen der einschlägigen Gesundheitsbehörden
  • Meldung von Infektion
  • Durchführung von Impfungen für Passagiere und Besatzung
  • Ggf. Drogen- und Alkoholtest bei der Besatzung
  • Überwachung der Bordapotheke . unter deutscher Flagge unter Berücksichtigung der Betäubungsmittelverordnung
  • Untersuchung und Beweissicherung bei Vergewaltigungen und sonstigen tätlichen Übergriffen
  • Mitwirkung an Personalschulung und bordseitigen Sicherheitsübungen
  • Todesfeststellung und Mitwirkung an der Ausfuhr der Leiche in Kooperation mit den Hafengesundheitsbehörden.
[25.08.2011, 12:53:55]
Bernhard Suntinger 
Ablegen oder ins Wasser gehen
An Bord als Schiffsarzt -ein Traumberuf? Oder vielleicht doch die letzte Möglichkeit als Mediziner in Deutschland leistungsgerecht entlohnt zu werden ohne an den Begleitsymptomen, wie Überstunden, Schichtdienst oder Notbesetzung an Land unter zugehen. Jedenfalls beschert es dem suizidale Hinweis "ins Wasser gehen" damit einen völlig neue und nicht uncharmanten Blickwinkel.
MbG BS zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

Konsequente Strategie gegen Diabetes

Angesichts der epidemischen Zunahme von Diabetes-Patienten in Deutschland, muss die nächste Bundesregierung unbedingt den Nationalen Diabetesplan umsetzen. mehr »