Ärzte Zeitung, 22.09.2011

Von wegen weniger Bürokratie für Praxen

Qualitätsicherung und die Abrechnung rauben den niedergelassenen Ärzten viel Zeit und damit auch Geld: 1,7 Milliarden Euro pro Jahr, hat die KVWL errechnet.

Von Ilse Schlingensiepen

Von wegen weniger Bürokratie für Arztpraxen

Die Bürokratie ist durch die Anforderungen der Qualitätssicherungs-Richtlinie gewachsen.

© M. Ernert, Krankenhaus Weinheim

DORTMUND. Der mit der Abrechnung verbundene bürokratische Aufwand kostet die niedergelassenen Ärzte im Jahr rund 1,7 Milliarden Euro. Das ist noch einmal genau so viel wie die mit der Qualitätssicherung verbundene Belastung.

Das zeigt eine Analyse der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), die auf das gesamte Bundesgebiet hochgerechnet wurde.

Anders als bei der Qualitätssicherung wird der mit der Abrechnung verbundene Bürokratieaufwand von den Vertragsärzten und Psychotherapeuten aber nicht als sehr belastend wahrgenommen, berichtete KVWL-Vorstand Dr. Thomas Kriedel auf der Vertreterversammlung in Dortmund.

Die KVWL hat bereits 2006 in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mit der Standard-Kosten-Messung der bürokratischen Belastungen von Vertragsärzten begonnen. Damals erbrachte die Untersuchung Kosten von 159 Millionen Euro in Westfalen-Lippe. Sie war vor allem eine Folge der Dokumentationen und anderen Anforderungen durch die Qualitätssicherungs-Richtlinie.

Messung Gesamtbelastung der Arztabrechnungen in Westfalen-Lippe

Zwei Jahre später bestätigte eine erneute Untersuchung das Ergebnis, sie kam auf 163 Millionen Euro für Westfalen-Lippe oder 1,6 Milliarden Euro für das Bundesgebiet.

Bei den Messungen erfasst die KVWL den bürokratischen Aufwand, den gesetzliche Regelungen, Informationspflichten und Verwaltungstätigkeiten den Vertragsärzten abverlangen. Für die aktuelle Messung zur Abrechnung wurde der Zeitaufwand bei den Ärzten mit 65,45 Euro pro Stunde und bei den Medizinischen Fachangestellten mit 35,57 Euro bewertet.

Daraus ergibt sich für die Ärzte in Westfalen-Lippe eine Gesamtbelastung von 154 Millionen Euro. Dabei fällt mit 113 Millionen Euro vor allem die Erstellung und Übermittlung der Abrechnung ins Gewicht. Stark schlägt mit 39 Millionen Euro auch die Praxisgebühr zu Buche. "Es zeigt sich, dass den niedergelassenen Ärzten mit der Praxisgebühr viel Bürokratie auferlegt wurde", sagte Kriedel.

"Fachärzte benötigen mehr Zeit als Hausärzte und Psychotherapeuten"

Nach der Analyse der KVWL spielt die Zahl der abgerechneten Gebührenziffern nur eine geringe Rolle für die Belastung der einzelnen Praxis. "Entscheidend ist dagegen die Prüfroutine", so Kriedel. Die tägliche Abrechnungs-Überprüfung schlägt sich mit 30,8 Stunden im Quartal nieder, die wöchentliche mit 10,9 Stunden und die quartalsweise mit 3,4.

"Fachärzte benötigen mehr Zeit als Hausärzte und Psychotherapeuten", berichtete der KVWL-Vorstand. Bei den Hausärzten sind es 4,6 Stunden im Quartal, bei Fachärzten 12,4 Stunden und bei Psychotherapeuten 3 Stunden. Für eine genauere Analyse sei die Stichprobe zu gering gewesen - sie ist durch Interviews mit 32 Praxen ergänzt worden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »