Ärzte Zeitung, 05.10.2011

Schiffsarzt - ein Job mit viel harter Arbeit

Bereitschaft rund um die Uhr und dumme Kommentare der Besatzung: So elitär, wie sich manch einer das Leben eines Schiffsarztes vorstellt, ist es nicht.

Von Rebekka Höhl

Schiffsarzt - ein Job mit viel harter Arbeit

Sicherheitstraining für die Besatzung: Löschübungen und die Rettung per Kran aus dem Hafenbecken.

© Thomas Hausen

ESSEN. Das Leben als Schiffsarzt stellen sich viele aufregend und zum Teil auch luxuriös vor. Der Essener Allgemeinmediziner Dr. Thomas Hausen hat es selbst ausprobiert. Und er stellt fest: Die Realität sieht etwas anders aus.

Es ist nicht so, dass der Arzt, der vor zwei Jahren seine Hausarztpraxis nach 30 Jahren Tätigkeit als niedergelassener Vertragsarzt an einen Nachfolger abgegeben hat, keinen Spaß an Bord gehabt hätte.

Aber vor allem die Kolumne von Dr. Bernd Alles in der "Ärzte Zeitung" vom 25. August mit dem Titel "Alternativen für Ärzte - warum nicht aufs Schiff?",hatte ihn dazu bewogen, einmal über seine persönlichen Erfahrungen zu sprechen.

Denn jeder Arzt, der sich für diese Tätigkeit interessiere, sollte nach Meinung Hausens vorher wissen, worauf er sich einlässt. Dabei geht es ihm auch um die weitläufige Vorstellung, dass Schiffsärzte ein Verdienst erwarte, "der sich sehen lassen könne".

Mehr als 4000 Euro gibt es nicht für Bordärzte

Gerade in den Verdienst sollten die Kollegen nicht zu hohe Erwartungen setzen: "Ich bin nie über 4000 Euro im Monat gekommen", sagt Hausen. Und diese hätten sich bei ihm aus 1500 Euro Basisgehalt und rund 2500 Euro Privatliquidation zusammengesetzt.

Das Grundgehalt der Ärzte an Bord ist also relativ knapp bemessen. Dafür hat der Bordarzt laut Hausen rund um die Uhr Bereitschaft und zumeist morgens und abends eine einstündige Sprechstunde abzuhalten, die in der Regel in die Zeiten des Ein- und Auslaufens falle.

"Damit entgehen dem Arzt meist diese spektakulären Reiseabschnitte." Der Rest des Einkommens setzt sich aus den tatsächlich erbrachten Leistungen zusammen, die an Bord aber durchweg nach GOÄ abgerechnet werden.

Arztrechnung noch vor Verlassen des Schiffes begleichen

Und: "Der Arzt muss das Einkommen in Deutschland komplett versteuern", so Hausen. Erfreulich sei jedoch, dass der Arzt nicht auf etwaigen Behandlungskosten sitzen bleibe. Die Rechnung, die der Arzt erstelle, müsse der jeweilige Passagier zusammen mit den übrigen Rechnungsbeträgen während seiner Schiffsreise noch vor Verlassen des Schiffes begleichen. Bordärzte dürften jedoch nicht bei Arztbesuchen in der Passagierkabine die Besuchsziffer ansetzen.

Und das Problem sei, dass Passagiere - auch wenn es möglich sei - nicht immer die Sprechstunde an Bord nutzten, sondern den Arzt gerne außer der Reihe in Anspruch nähmen. Hausen erinnert sich da an einen Fall, der ihn besonders geärgert hat.

Die Rezeption habe ihn gebeten, bei einer Passagierin vorbeizuschauen, der es nicht gut gehe. Ein Besuch der Sprechstunde am Abend sei nicht möglich. Als er dann bei der Patientin angekommen sei, habe sich herausgestellt, dass sie nicht mehr als eine Mundschleimhautentzündung gehabt hätte.

Zahlende Gäste genießen meist mehr Rechte als der Bordarzt

Allein das wäre ja nicht schlimm gewesen. Doch eine halbe Stunde später hätte just diese Passagierin an der Bar gesessen. Und in solchen Fällen gelte leider, dass die zahlenden Gäste mehr Rechte genießen als der Bordarzt, so Hausen.

Vor allem auch dann, wenn sich Gäste beschweren würden. Und es ist generell die geringe Wertschätzung gegenüber den Schiffsärzten, die Hausen stört. Da müsse man sich Kommentare anhören, wie "Ihr Doktors müsst ja nur den ganzen Tag darauf aufpassen, dass ihr keine Flecken auf die weiße Kleidung bekommt".

Das komme vor allem von Mitgliedern der Besatzung. Es zeige sich aber auch darin, dass der Arzt in einer kleinen mit Restmöbeln eingerichteten Crew-Kabine untergebracht werde, während die Kabinen der ersten und zweiten Offiziere drei- bis viermal so groß seien.

Beim Umsteigen in kleinere Boote droht Verletzungsgefahr

Aber wie gesagt, einiges mache auch Spaß. Etwa dass sich der Schiffsarzt frei an Bord bewegen und auch auf die Brücke dürfe. Und auch Landausflüge seien möglich, sofern nicht ein Sicherheitstraining der Crew angesetzt sei, an dem der Arzt teilnehmen müsse, und man sich mit der Krankenschwester an Bord wegen der Bereitschaft abgestimmt habe. Einer von beiden müsse an Bord bleiben.

Der Arzt müsse bei einigen Reedereien aber auch an Bord bleiben, wenn das Schiff auf Reede - also außerhalb eines Hafens auf Anker - liege und die Gäste per Boot für Landgänge ein- und ausgeschifft würden.

Denn das Umsteigen in die kleinen Boote sei für einige Gäste ein regelrechter Stunt - mit entsprechender Verletzungsgefahr, sagt Hausen, vor allem, wenn plötzlich Wellengang auftrete. Dabei könnten nämlich Verletzungen auftreten.

Viertägiges Sicherheitstraining für angehende Schiffsärzte

Ebenfalls Spaß gemacht hat Hausen das viertägige Sicherheitstraining, das angehende Schiffsärzte vor Antritt ihrer Stelle absolvieren müssen. Hierbei lerne man nicht nur, wie man in Notfallsituationen eine Panik unter den Passagieren verhindere.

Das Training beinhalte auch Löschübungen und das Schwimmen im Hafenbecken im Überlebensanzug - den man ohne Hilfe gar nicht anziehen könne. Das Löschtraining ende damit, dass man mit einem Atemschutzgerät in einen Brandcontainer gehe, in dem an verschiedenen Stellen Flammen hochschlagen würden, die es dann zu löschen gelte.

Dabei würde man aber die ganze Zeit über vom Kursleiter durch eine Glasscheibe im Brandcontainer beobachtet. "Das einzige Problem bei den Übungen ist, sich zu überwinden", sagt Hausen. Auch, wenn man im Überlebensanzug per Kran aus dem Hafenbecken gezogen werde - das solle die Rettung per Hubschrauber simulieren.

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