Ärzte Zeitung, 13.12.2011
 

Ende der Einzelpraxis prognostiziert

Hausärzte werden in Zukunft an Einfluss gewinnen. Davon geht Fachanwalt Hans-Joachim Schade aus.

Von Katrin Berkenkopf

DÜSSELDORF. Als Antwort auf die sinkende Zahl an Hausärzten sind mehr Mut zu Kooperationen, der Aufbau von delegativen Systemen und der Abbau von Misstrauen gegenüber anderen Sektoren und Beteiligten der medizinischen Versorgung erforderlich. Davon geht Hans-Joachim Schade, Fachanwalt für Medizinrecht, aus.

Auf der Medica Juristica erläuterte er seine Sicht auf die künftige Versorgungslandschaft. "Wir erleben innerhalb von fünf Jahren den Zusammenbruch der Einzelpraxisstrukturen", sagte er. Die einzig richtige Reaktion darauf könne nur verstärkte Zusammenarbeit sein.

Neue Strukturen schaffen

Für Hausärzte bedeute dies keinesfalls eine Schwächung ihrer Position. Im Gegenteil würden sie gegenüber allen anderen Beteiligten von Krankenhäusern bis Kommunen an Einfluss gewinnen. "Die Hausärzte, denen jetzt politische Macht fehlt, kommen dadurch in eine völlig andere politische Position", sagte Schade.

Bei den neuen Strukturen dürfe es aber nicht ausschließlich um Gewinnmaximierung für die Beteiligten gehen, warnte der Anwalt. "Es muss auch um inhaltlichen Gewinn gehen."

Hausbesuchsdienste, Telemedizin und schließlich eine Senkung der Kontaktfrequenz - all das könnten nur größere organisatorische Einheiten leisten, meinte der Experte. Ihm schweben Strukturen mit acht bis zwölf Ärzten vor. "Das ist natürlich gesellschaftspolitisches Neuland."

Gerade die Senkung der Patientenkontakte, die im internationalen Vergleich besonders hoch sind, sei kein Tabu mehr. Schließlich sei das Thema kürzlich erst vom Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Wolfgang Eckert, angesprochen worden, erinnerte Schade.

Schade: Gesundheitskonferenzen funktionieren nicht

Rechtlich sei der Aufbau solcher Strukturen, ob in Form von Berufsausübungsgemeinschaften oder Praxisgemeinschaften, auch mit der heutigen Gesetzeslage möglich. "Es gibt bereits passende Rechtsstrukturen, es traut sich nur keiner, sie zu nutzen", sagte Schade.

Die kleineren Kommunen werden am Ende die Initiative für neue Versorgungsformen ergreifen, glaubt der Anwalt. Denn sie seien es, die den Ärztemangel dramatisch zu spüren bekommen: Mit der Schließung von Praxen fällt auch die Geschäftsgrundlage für Apotheken oder Sanitätshäuser weg.

Die Orte werden für Fachkräfte und am Ende auch für Arbeitgeber uninteressant.

Die Idee von Gesundheitskonferenzen, wie sie derzeit in Hessen verfolgt wird, werde nicht funktionieren, prognostiziert Schade. Dennoch sei sie Indiz für ein strategisches Umdenken.

Einer der größten Engpässe bei verstärkter Kooperation seien bislang die IT-Strukturen. Dort zeichne sich aber Bewegung ab, Schnittstellen für verschiedene Systeme seien in Sicht, sagte Schade.

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