Ärzte Zeitung, 13.02.2012

Lüneburger Landärzte: Ohne Stress gut verdienen

Wie gut sich eine Gemeinschaftspraxis organisatorisch aufstellen kann, beweist ein Beispiel in der Lüneburger Heide. Familienfreundliche Arbeitszeiten und harmonische Teamarbeit unter den Kollegen sind nur zwei von vielen Pluspunkten.

Von Christian Beneker

Hausarzt auf dem Land - mit 40-Stunden-Woche

Arbeiten gerne in der Praxis (v.l.): Wolf-Peter Weinert, Dr. Joachim Schulze, Dr. Martin Vietor, Dr. Christiane Rüther.

© Beneker

BAD BEVENSEN. 350 Quadratmeter Praxisfläche, zehn Sprechzimmer, sechs Hausärzte. Hausärztemangel? Hier jedenfalls nicht! Wolf-Peter Weinert arbeitet seit 24 Jahren in Bad Bevensen, einem Städtchen mit knapp 9000 Seelen in der Lüneburger Heide, als Hausarzt und ist mehr als zufrieden. Erst recht, seit er in der Gemeinschaftspraxis "HausarztZentrum Bad Bevensen" arbeitet.

Weinert weiß natürlich, dass gerade auf dem Land viele alt gediente Hausärzte keinen Nachfolger finden. Aber statt den Zustand zu beklagen, haben er und seine fünf Kollegen Auswege gesucht - und gefunden.

"In den vergangenen Jahren haben hier im Ort drei Ärzte aus Altersgründen dichtgemacht", erzählt Weinert. Damit waren mindestens 2000 Menschen ohne Hausarzt. Entsprechend konnte Weinerts Hausarztzentrum wachsen. Die Praxis liegt mitten im Ort. Zimmer reiht sich an Zimmer, Behandlungsräume, Kinderbehandlungsraum, Akupunkturraum. Alles hell und licht.

Flure, Wände, Kleidung der Ärzte und Angestellten - sogar der Internetauftritt kommt in Grün Weiß daher. "Hier gibt's Werder-Bremen-Fans", feixt Weinert. An den Wänden hängen Bilder einer Wechselausstellung und die Biographie der Künstlerin.

Die Terminverwaltung funktioniert gut

Gedränge herrscht keines im Wartezimmer, die Laune scheint gut. Die vier Ärzte, die heute im Dienst sind, haben gut zu tun, aber Zeit genug, sich entspannt fürs Foto zurechtzusetzen. "Unsere Terminvergabe funktioniert", sagt Weinert, "wir haben ordentlich Arbeit aber keinen Stress."

Zu den Regeln der Praxis gehört es, nicht über 40 Stunden in der Woche zu arbeiten. Und trotzdem kommen mitunter Patienten aus dem 60 Kilometer entfernten Salzwedel, weil sie in Bad Bevensen wenigstens einen Termin bekommen.

Weinert weiß, dass junge Kollegen nicht mehr aufs Land gehen, wenn sie so arbeiten sollen, wie es der klassische Landarzt tut. Eben erst hat die Praxis sich ein weiteres Standbein zugelegt - im 14 Kilometer entfernten Himbergen.

Auch hier hatte ein Kollege mit 1500 Scheinen im Quartal aufgehört, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben und wollte die Praxis schließen. Stattdessen kauften Weinert und Kollegen die komplette Immobilie, übernahmen die Praxis als Zweigpraxis und versorgen nun die Patienten im Wechsel vom HausarztZentrum aus.

"Alle können alles"

Das Wohnhaus des Kollegen haben sie an einen Pflegedienst und einen Gesundheitsladen vermietet. "Der Himberger Kollege war vom alten Schlag," berichtet Weinert, "egal, wann die Patienten anriefen, er ist auch nachts um vier aus dem Bett gestiegen und losgefahren. Aber welchem jungen Kollegen sollen wir heute sagen, dass er sich zuerst von Familien und Urlaub verabschieden soll, bevor er bei uns anfangen kann?"

Die 15 Medizinischen Fachangestellten in der Großpraxis haben einen wahrscheinlich abwechslungsreicheren Job als in anderen Praxen üblich. "Die Kolleginnen brauchen unbedingt Interesse an Fortbildungen. Denn sie arbeiten bei uns grundsätzlich im Rotationsprinzip", erzählt Weinert.

"Das heißt, alle können alles." So erledigen die MFA den größten Teil der DMP-Versorgung. "Und sie machen das besser als wir! Natürlich müssen wir trotzdem jeden DMP-Patienten sehen", sagt Weinert.

Außerdem konnte die Praxis die Hausbesuche um ein Drittel reduzieren, weil drei der Fachangestellten als "Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis" (VERAH) unterwegs sind und die Patienten auf dem platten Land besuchen. "Zwei von ihnen sind sogar Krankenschwestern" berichtet Weinert. Teamsitzungen einmal im Monat sind obliga torisch. "Und ein gemeinsames Sommerfest mit allen natürlich auch."

Die Gemeinschaftspraxis teilt am Schluss den Gewinn

Weinerts jüngster Streich: "Ich habe gerade zu Jahresanfang ein kleines Ärztenetz gegründet." Zusammen mit zwei anderen Hausärzten und einem Internisten hat er eine gemeinsame Samstagssprechstunde organisiert.

Außerdem wollen die Ärzte zum Beispiel Schwerpflegebedürftige gemeinsam versorgen, vielleicht einen Patientenbus organisieren, der Gebrechliche zu Hause abholt oder einen gemeinsamen Ort einrichten, wo allen ihren Patienten Blut abgenommen wird.

Allerdings müssen die Ärzte auch hier dicke Bretter bohren. "Da wir zufällig dasselbe Labor haben, könnten wir für unseren Plan vom Labor Räume mieten", sagt Weinert. Dort sollen dann einige MFA arbeiten und für Notfälle ein älterer Kollege anwesend sein. "Liegt doch nahe", findet Weinert.

Aber juristische Fragen der Aufsicht oder der Vorteilnahme durch das Labor bremsen das Projekt bisher. "Das kriegen wir aber noch sauber hin. Wenn ich mich je durch solche Hindernisse hätte entmutigen lassen, wäre ich nicht da, wo ich bin." Hausarztmangel macht erfinderisch.

Und wie rechnet man ab in so einer großen Gemeinschaftspraxis? "Wir arbeiten seit 25 Jahren blind in einen Topf und teilen am Schluss den Gewinn", berichtet Weinert. "Bis heute hatten wir untereinander nicht ein einziges Mal Ärger deshalb." Das System taugt indessen nicht für jedermann.

Mit der Neueinstellung wird noch gewartet

Deshalb gibt für es Neulinge in der Großpraxis eine eineinhalb-jährige Probezeit. "Wir verdienen gut, aber wer drei Sportwagen braucht, ist bei uns nicht richtig." Damit die Chemie im Team stimmt, treffen sich alle Ärzte mit ihren Partnern einmal im Monat zum gemeinsamen Abendessen.

"Besonders die Partner sind wichtig", sagt Weinert, "denn viele Gemeinschaftspraxen scheitern daran, dass die Familien gar nicht in die Belange der Praxis einbezogen werden."

Über Nachwuchsmangel brauchen sich die Bad Bevenser denn auch nicht zu sorgen. Eine siebte Kollegin stehe schon in den Startlöchern, um in die Praxis einzusteigen. "Sie passt hundertprozentig zu uns: jung, sehr gut ausgebildet, will unbedingt Hausärztin sein und das Beste ist, dass sie auch noch in Bad Bevensen wohnt", sagt Weinert.

Doch die Himberger Praxis hat ordentlich Geld gekostet, und einen Praxismanager haben die Hausärzte auch eben erst eingestellt. "Da müssen wir mit der Neueinstellung ein bisschen warten."

Hausarztzentrum Bad Bevensen

Die Praxis: Die Hauptpraxis in Bad Bevensen hat 350 Quadratmeter und zehn Sprechzimmer. Gemeinschaftsraum, Umkleideräume und Lager liegen auf 120 Quadratmetern im Keller. Zweigpraxis in Himbergen: 120 Quadratmeter.

Lage: Die Praxis liegt zentral am Rande der Altstadt von Bad Bevensen. Die Zweigpraxis Himbergen ist 14 Kilometer entfernt. Patienten kommen aus einem Umkreis von 50 Kilometern.

Praxisteam: Insgesamt eine Ärztin und fünf Ärzte arbeiten in der Gemeinschaftspraxis als Hausärztin und Hausärzte. Qualifikationen: ein Internist, ein Allgemeinmediziner mit zehnjähriger kardiologischer Erfahrung, ein Sportmediziner, zwei Pädiater, ein Naturheilkundler und Ernährungsmediziner und ein Sportmediziner. Zum Jahresbeginn wurde ein Praxismanager eingestellt, der sich um Finanzielles und Personal kümmert. In der Praxis arbeiten 15 medizinische Fachangestellte inklusive dreier Auszubildenden. In diesem Jahr sollen zwei Auszubildende dazu kommen.

Praxissoftware: ixx/easynet von Medatixx. Die Praxen sind per Internet und VPN-Leitung über einen Windows Terminalserver verbunden, der in Bad Bevensen steht. Die Verzögerung in der Darstellung liegt bei 0,2 Sekunden. 15 vollwertige Bildschirmarbeitsplätze plus Arbeitsplatz am Server sind in Bad Bevensen verfügbar, hinzu kommen fünf vollwertige Arbeitsplätze in Himbergen.

Medizintechnik: Die Praxis verfügt über ein Belastungs-EKG, ein Duplex-Sonogerät, über ein Labor und ein Langzeit-Blutdruckmessgerät.

Selbstzahlerleistungen: Umsatz mit IGeL: "Fast nichts!"

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