Ärzte Zeitung, 16.07.2012

Von der Einzelpraxis zum Praxisunternehmen

Vier Jahre haben drei niedergelassene Ärzte aus Oschersleben über eine Kooperation gebrütet, ehe sie eine Berufsausübungsgemeinschaft gegründet haben. Ihr Schritt war erfolgreich: Die Praxis ist zu einem Unternehmen mit 16 Mitarbeitern gewachsen.

Von Petra Zieler

Von der Einzelpraxis zum Praxisunternehmen

16 Angestellte sorgen in der Berufsausübungsgemeinschaft Oschersleben für einen reibungslosen Ablauf.

© Petra Zieler

OSCHERSLEBEN. Die Hausärzte Doreen Steinke, Dr. Joachim Klinsmann und Dr. Gerhard Junge waren über Jahre Einzelkämpfer in der Bodestadt Oschersleben.

Sie kannten sich von Fortbildungen sowie berufsspezifischen Stammtischen und irgendwie keimte bei jedem der Dreien der Wunsch, das Modell Einzelpraxis zu ersetzen.

Vor fünf Jahren haben Sie dann den Schritt zur Berufsausübungsgemeinschaft gewagt - nachdem sie vier Jahre über der Kooperation gebrütet hatten.

"Wir hatten wohl insgeheim erhofft, uns dadurch ein wenig zu entlasten", erinnert sich Gerhard Junge. Aber: "Wir haben mehr erreicht, als wir uns anfangs auch nur vorstellen konnten, doch in puncto Arbeit haben wir uns geirrt. Die hat höchstens zugenommen."

Praxis ist nicht nur räumlich gewachsen

Kein Beinbruch, denn alle seien mit Spaß bei der Sache. "Alle", das sind heute neben den drei Praxisgründern und Gesellschaftern zwei Fachärzte, ein Arzt in Weiterbildung zum Allgemeinmediziner sowie 16 weitere Angestellte - Schwestern, Medizinische Fachangestellte (MFA), Diabetesassistentin, Diabetesberaterin, aber auch ein Hausmeister und seit Kurzem ein Computeradministrator.

So viele Leute seien schon nötig, um das Unternehmen reibungslos zu führen. "Anfangs haben wir drei lediglich unsere Praxen zusammengelegt, doch schon bald über Aus- und Aufbau nachgedacht", so Junge.

Konkret war das nach etwa einem Jahr, als klar wurde, dass sich gemeinsames Praktizieren rechnet. "Wir haben Geld immer erst ausgegeben, wenn wir es hatten."

Alle Einnahmen gehen in einen Topf. Von den monatlichen Abschlägen werden Gehälter und laufende Kosten bezahlt, Quartalsabrechnungen bleiben für Rücklagen. "Was übrig bleibt, wird durch drei geteilt. Ganz einfach."

Anfangs seien Zahlungen an die Gesellschafter sehr knapp bemessen gewesen. "Wir wollten erst mal die Entwicklung abwarten." Und die kann sich sehen lassen. Die Praxis ist gewachsen - personell, räumlich, apparativ.

Stück für Stück wurde investiert, ein Kredit nie in Anspruch genommen. Mit dem Einzug moderner Medizintechnik verbesserte sich zugleich die medizinische Versorgung. Innovative Diagnose- und Therapiemöglichkeiten ließen die Zahl der Krankenhauseinweisungen deutlich sinken.

So können Patienten mit diabetischen Füßen heute meist durchgängig in der Praxis behandelt werden. "Derzeit sind wir auf dem Weg zum Wundsiegel-Zertifikat", sagt Junge, der eine Fortbildung zum Wundexperten absolviert hat.

Auch seine Kollegen haben sich spezialisiert, auf Stoffwechselerkrankungen, Hypertonie, Psychosomatik, Geriatrie.

Patienten wollen VERAHS nicht missen

MFA und Schwestern stehen dem nicht nach. Jede kann in der Praxis universell eingesetzt werden. Eine "Oberschwester" bestimmt die Dienstabläufe. Außerdem gibt es drei ausgebildete VERAHS (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis), die den Ärzten pro Quartal mehr als 300 Hausbesuche abnehmen.

Junge: "Rein rechnerisch amortisieren sich die 5000 Euro für Ausbildung und Fahrzeug in anderthalb Jahren." Wichtiger sei das Wohlbefinden der Patienten, die die Fürsorge "ihrer" VERAHS nicht mehr missen möchten, wichtig auch die Entlastung für die Ärzte.

Über jede Entscheidung, ob die eigene Honorierung, Investitionen, Einstellungen stimmen die drei Gesellschafter gemeinsam ab. "Wir haben ein einfaches Prinzip: Die Mehrheit gilt." Dies habe noch nie zu Irritationen geführt.

Die anfängliche Option, eventuell einen weiteren Gesellschafter mit ins Boot zu holen, ist aus diesem Grund längst vom Tisch.

Wohl aber sind die Praxiseigner jederzeit bereit, Ärzte einzustellen oder stundenweise auf Honorarbasis zu beschäftigen. Jemanden zu finden, ist allerdings schwer.

Wird die Einzelpraxis zum Auslaufmodell?

Perspektivisch bedarf es einer qualifizierten Unterstützung und Entlastung innerhalb der hausärztlichen Versorgung und Praxisorganisation", erklärt Dr. Burkhard John, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. "Wir müssen weg von der alleinigen Arztbetreuung, hin zur Teamversorgung".

Bereits heute arbeiten 25 Prozent der niedergelassenen Ärzte Sachsen-Anhalts in 344 Berufsausübungsgemeinschaften. So werden Praxisformen genannt, die von mindestens zwei Vertragsärzten geführt werden. Darüber hinaus sind in 52 MVZ des Landes mittlerweile 367 Ärzte beschäftigt, von denen 344 angestellt sind. Mit steigender Tendenz. (zie)

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