Ärzte Zeitung, 02.11.2012

Drydens Sammlung

Lästige Vielfalt an Kassenvordrucke

Die Bürokratie lähmt die Ärzte in den Praxen, vor allem die Krankenkassen sorgen mit ihren Formularen für Unmut. Dabei könnte es so einfach sein, findet KVWL-Chef Dryden - und verweist auf die PKV.

Lästige Vielfalt an Kassenvordrucke

KVWL-Chef Dr. Wolfgang-Axel Dryden hat GKV-Formulare gesammelt und im Foyer der KVWL ausstellen lassen.

© KVWL

DORTMUND (iss). Wer sich fragt, ob die Formularflut in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wirklich notwendig ist, sollte einen Blick in die private Krankenversicherung (PKV) werfen.

Sie zeigt, dass Ärzte ihre Patienten auch ohne großen bürokratischen Aufwand versorgen können, meint der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), Dr. Wolfgang-Axel Dryden.

Für die Versorgung von Privatpatienten gebe es nur vier Formulare: die Abrechnung, das Rezept, das Betäubungsmittelrezept und den Totenschein. Allerdings könnten die Abrechnung und das Rezept formlos erfolgen.

"Lassen Sie es sich doch bitte mal auf der Zunge zergehen: Für die PKV gibt es nur zwei formal definierte Formulare", so Dryden.

Das Betäubungsmittelrezept und der Totenschein beruhten auf bundes- und landesrechtlichen Vorgaben.

"Wenn die PKV ohne eigene Formulare und mit minimalem Aufwand an Rückfragen bei uns Ärzten auskommt, stellt sich doch zwingend die Frage, welche medizinischen Gründe es für die GKV-Formulare und den durch sie ausgelösten Aufwand in den Praxen gibt!", betont Dryden.

Nicht medizinische Gründe

Die Formulare in der GKV haben nach seiner Einschätzung nicht medizinische, sondern verwaltungstechnische und leistungsrechtliche Gründe.

"Durch diese Formulare erleichtern wir den Krankenkassen ihre Arbeit, wir ermöglichen sie teilweise sogar erst dadurch."

Die Ärzte müssten nicht nur die Patienten mit Namen und Adresse identifizieren, sondern sie auch als Mitglied, Familienangehörige oder Rentner einordnen, ihr Alter und ihre Versicherungsnummer angeben sowie die lebenslange Arztnummer, das Institutskennzeichen der Kasse, den ausgeschriebenen Kassennamen und die Betriebsstättennummer des Arztes.

Dryden hat sich die Mühe gemacht und die GKV-Formulare gesammelt. Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Detaillierungsgrad der Vorlagen hätten ihn erschlagen, berichtete Dryden.

"Für fast alles, was ein Patient jemals in Anspruch nehmen könnte, gibt es ein Formular!"

[03.11.2012, 11:03:58]
Prof. Dr. Ingo Heberlein 
Formularwesen
Die Flut und Uneinheitlichkeit der Formulare: das ist doch alles vereinbart! Warum geht Herr Dryden nicht den Weg über die gemeinsame Selbstverwaltung?
Prof. Dr. Ingo Heberlein zum Beitrag »
[02.11.2012, 17:16:34]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
KVWL-Poesiealbum?
Hat die Nähe der großen Privaten Krankenversicherer Signal und Continentale mit Sitz in Dortmund unserem KVWL-Vorstandsvorsitzenden Dr. W.-A. Dryden evtl. die Sinne vernebelt? Denn ich war und bin immer noch der Ansicht, für Geschäftsbedingungen privatärztlicher Tätigkeiten seien ausschließlich die Ärztekammer (ÄKWL) und die Bundesärztekammer (BÄK) mit ihren seit Jahren schwebenden PKV-Vertragsverhandlungen zuständig.

Erfrischend naiv und zugleich völlig unprofessionell ist die Ansicht, PKV-Abrechnung und Rezepte könnten formlos erfolgen. Da vergaß Kollege Dryden dass der ebenfalls aus Westfalen stammende "Bierdeckel"-Vorschlag (Friedrich Merz, CDU) für die Steuererklärung wohl eher in die Kneipe gehörte, als zu einem gerechteren Steuersystem. Ein Blick in die GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) genügt, um seitenlang ausformulierte formale und inhaltliche Anforderungen an eine angemessene Arztabrechnung zu studieren.

Die PKV-Unternehmen überschütten uns aber auch ohne Bierdeckelrezepte und -Abrechnungen mit ebenso schikanösen wie sinnfreien Anfragen. Bei AU-Bescheinigungen, direkter Facharzt-Inanspruchnahme, GdB-Einschätzungen, Haftungs- und Leistungsausschlüssen, virtuellen oder realen Vorerkrankungen, notwendigen AHB- und REHA-Maßnahmen, ja selbst bei alltäglichen psychovegetativen Dekompensationen und psychoreaktiven Störungen von Privatpatienten werden wir Ärztinnen und Ärzte mit PKV-Schriftverkehr zugemüllt.

Und noch etwas fürs KVWL-Poesiealbum. Mit dem Tod der Patienten endet die Leistungspflicht in GKV u n d PKV. Dass die amtliche Todesbescheinigung dann auch noch der gesundheitlichen ärztlichen Versorgung von todkranken Privatpatienten dienen und den bürokratischen Versorgungsaufwand verringern helfen soll, konterkariert nun wirklich jegliche Bemühungen seitens der KBV und auch der KVWL, unnötige Bürokratie und Verwaltungsaufwand in unseren Arztpraxen zu begrenzen oder gar abzuschaffen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund



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