Ärzte Zeitung, 30.11.2012

Patientenkommunikation

"So, wir machen Sie jetzt fertig"

Viel Empathie ist gefragt und eine klare, eindeutige Sprache, wenn Ärzte mit Patienten sprechen - sonst kommt die falsche Botschaft an. Ein Arzt gibt Tipps und nennt Beispiel-Sätze, die tunlichst vermieden werden sollen.

Von Annette Kaltwasser

"So, wir machen Sie jetzt fertig"

Alles wird gut? Bei der Kommunikation zwischen Arzt und Patient kann vieles schieflaufen.

© wavebreakmedia ltd / shutterstock.com

MÜNCHEN. "Sie spüren jetzt einen heftigen Stich und ein Brennen im Rücken als hätte sie eine Biene gestochen", sagt der Arzt zum Patienten. "Das ist der schlimmste Teil der ganzen Prozedur."

Eigentlich will der Arzt mit diesen beiden Sätzen vor dem anstehenden Schmerz nur vorsichtig warnen und etwas beruhigen.

Das Gegenteil ist aber der Fall. Denn die negativen Assoziationen der Begriffe "schlimm", "stechen" und "brennen" sorgen dafür, dass der Schmerz signifikant zunimmt und die Angst größer wird.

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Ernil Hansen hat während einer Veranstaltung des Unternehmens Grünenthal in München auf diese Zusammenhänge hingewiesen. Thema seines Vortrags: "Kommunikation mit Patienten"

Wann steigt die Angst vor der Op?

Ein Beispiel aus der Praxis: Wann ist die Angst vor der Operation am größten? "Am Vortag", sagt Hansen. Wenn in dieser Extremsituation Stress und Angst dominieren, werde der Patient in natürliche Trance versetzt.

Gerade in diesem Dämmerzustand fokussiert der Kranke aber alles in einer Art selektiver hoher Aufmerksamkeit mit erhöhter Suggestibilität ohne Ratiofilter auf sich selbst. Genau in diesen Zeitrahmen fällt oft die Narkoseaufklärung. Später könne er sich an Einzelheiten des Aufklärungsgesprächs oft gar nicht erinnern.

Kein Wunder, sagt der in der Neuroanästhesie tätige Mediziner, der auch Biologie und Chemie studiert hat, das ist selektive Amnesie und aus der Stresssituation heraus erklärbar.

Die erhöhte Suggestibilität bietet aber auch Möglichkeiten, etwas zu verbessern. Zum Beispiel mit der passenden Kommunikationsform.

Hansen gab hier einfache praktikable Tipps: Generell Verneinungen, Verkleinerungen weglassen, sie wirken nicht. "Es ist so sinnlos zu sagen, es kann jetzt ein bisschen bluten, ein bisschen wehtun, ein bisschen brennen oder es gibt nur einen kleinen Stich".

Und die Varianten "Versuchen Sie, das Bohren im Kiefer einfach zu ignorieren", "Probieren wir mal das...", "merken Sie schon etwas?", "Vielleicht hilft das!", sind auch alles andere als beruhigend, die Formulierungen drücken Unsicherheit und Hilflosigkeit aus.

Das Positive in den Vordergrund

Den Satz "Versuchen Sie, die Medikamente regelmäßig einzunehmen", kann man aus dem eigenen Repertoire streichen. Denn es heißt im Klartext: "Sie trauen es dem Patienten ja gar nicht zu".

Wirkungslos sind auch "Haben Sie keine Angst" oder "Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen". Was hierbei hängen bleibt, weiß der Anästhesist aus seiner langjährigen Berufserfahrung, "das sind die starken Worte Angst und Sorge."

 Das Positive in den Vordergrund zu stellen, dem Patienten neue Möglichkeiten aufzuzeigen, an die er nicht gedacht hat - das sind aus Sicht von Hansen Optionen, das Ruder herumzudrehen.

"Holen Sie den Patienten dort ab, wo er steht", sagt er. Auf die Variante "denken Sie sich einen schönen Traum aus" könne man verzichten, das funktioniere nicht, in der Stresssituation denke man sich keinen Traum aus.

Wenn der Patient aber direkt nach dem letzten Urlaubsort gefragt wird, "geht er auf innere Suche". Wenn er antwortet, "ist er auch dort und Sie können da anknüpfen".

Gut gemeint, aber mitunter unwahr: "Das tut gar nicht weh, das ist gleich vorbei". Oder "Entspannen Sie sich" - als wäre das ein "Willensakt" . Das sei die falsche Ebene, "lassen Sie es," empfiehlt Hansen.

Ein anderer Hinweis: Kein Fachjargon, das ist oft nicht das Richtige und geht daneben: "Wir verkabeln Sie jetzt" , "Ich hole noch etwas aus dem Giftschrank". Das bezieht der Patient sofort auf sich und seine Situation, die doppeldeutigen Worte führen zu Missverständnissen, Angst und Stress.

"Gleich ist alles vorbei!"

"Dann machen wir Sie jetzt fertig", "gleich ist alles vorbei", "das wirkt todsicher", "Sie sind ein Risikopatient, holen Sie noch einmal tief Luft" setzen dem Ganzen noch die Krone auf.

"Schlimm und grausam" findet der Anästhesieprofessor auch die medizinische Aufklärung. "Blutvergiftung, Infarkt, Blutung, Halbseitenlähmung, Querschnitt, Koma, Tod" - und jetzt bitte unterschreiben ...

"Wir müssen uns überlegen, ob wir die Patienten mit solchen herben Worten traktieren müssen. Die Entscheidung, was notwendig, was sinnvoll ist und was wir weglassen können, sollen Kliniker und Juristen gemeinsam treffen. Die Dinge, die wir zu sagen haben, können wir auch anders ausdrücken".

Nicht zu vergessen: der Körperkontakt in der Kommunikation. "Es ist unglaublich, was man da erreicht", weiß Hansen aus der anästhesiologischen Begleitung von Wachkraniotomiepatienten. "Wir brauchen weniger Narkotika und Analgetika". Die Hand in der Hand sei "ein Symbol der Begleitung".

Und zugleich ein Monitor. "Sie spüren die Herzfrequenz. Wenn Sie Ihre Hand auf die Schulter des Patienten legen, spüren Sie seine Atmung und können sie durch Druck und Entlastung sogar modulieren".

Es gibt aus Sicht von Hansen "keine Rezepte für die richtige Kommunikation mit Patienten". Es ist immer ein persönlicher Zugang erforderlich und der ist das A und O der therapeutischen Beziehung.

Was sich Hansen wünscht? "Alle Ärzte und Pflegekräfte sollten mit allen Patienten anders sprechen und umgehen."

[01.12.2012, 23:42:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Wer sich zuerst bewegt, hat verloren!"
Es könnte wie beim großen deutschen Beamtenspiel gehen - "Wer sich zuerst bewegt, hat verloren!" Und wäre für manche kommunikative medizinische Entscheidungsfindung zu schön, um wahr zu sein: Ärztin oder Arzt dürften sich bequem zurücklehnen, um lebenswichtige Entscheidungen alleine ihren Patienten zu überlassen?

Dagegen wird von Medizinern und Mitarbeitern im Gesundheitswesen viel zu häufig Handlungs-, Tat- und Durchsetzungskraft, Überzeugungsfähigkeit, Entscheidungsfreude bzw. Übernahme von Verantwortung verlangt. Der/die Patient/in müssen dem ihre eigene Kommunikationsfähigkeit entgegensetzen. Zugleich soll der Arzt über Erfolgsraten, Chancen, Risiken, Schmerzen, körperlich-seelische Belastungen und Auswirkungen unmissverständlich aufklären bzw. die Zustimmung zum Eingriff einholen ("informed consent").

Bildungsunterschiede, Sprachbarrieren, Differenziertheits- und Qualifikationsmängel, Unfähigkeit krankhafte Befunde zu artikulieren, unverständliche Fach- oder Alltagsausdrücke, kryptische Gedankengänge bzw. mangelnde Deutschkenntnisse sind bei Patienten u n d Ärzten oft entscheidende Kommunikationsbarrieren. Wenn der Patient von "komischen" Blutungen berichtet, könnte ein zwar approbierter, aber der deutschen Sprache nur unzureichend kundiger Arzt mit Migrationshintergrund diese Komik für einen Witz halten, während der Patient damit eine besonders alarmierende Normabweichung bekunden wollte. "Eigenartige" Hautveränderungen sind auch nicht 'artig', sondern höchst eigen.

In einigen Regionen Deutschlands sind mit den kommunikativen Verortungen von "Arm", "Hand", "Bein", "Fuß" höchst unterschiedliche Dinge gemeint. Ein "schlimmes Bein" kann eine banale schmerzhafte Druckblase bei neu gekauften Schuhen am Fuß bedeuten; ein "weher Fuß" rechts aber auch eine einseitige tiefe Venenthrombose. Selbst "2 x 1 Tablette" kann in der Arzt-Patienten-Interaktion kritisch werden: Bei "2 x 1 TAB TGL." nehmen manche Patienten 2 Tabletten auf einmal ein. Mit der Rezeptverordnung waren aber "2 x 1 TAB, TGL." bzw. "JE 1 TAB, 2 x TGL." gemeint. Aber selbst wenn das gedachte Komma ungeschrieben bleibt, oder das bewährte Null/Zahl/Tageszeit-System mit "1-0-1 TGL." verwendet würde, den GKV-Patienten erreicht dies nicht mehr. Sein rotes Kassenrezeptformular ist längst in den Katakomben des 'Zentralen Apothekenrechenzentrums' versackt, damit er sich auf gar keinen Fall mehr an Präparatenamen oder Dosierungen erinnern soll!

Mir hat mal eine Patientin einen mit halben Tabletten prall gefüllten Frühstücksbeutel hingehalten und vorwurfsvoll gesagt: "Herr Doktor, Sie haben mir 1/2 Tablette morgens verordnet. Wo soll ich denn jetzt die anderen, ungebrauchten Tablettenhälften entsorgen?"

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM z.Zt. Kaprun/A
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[30.11.2012, 12:56:31]
Dipl.-Psych. Brigitte Seelmann-Eggebert 
Aufklärung super, konkrete Hilfestellungen fehlen
Hier wird zurecht auf häufige Kommunikationsfehler im ärztlichen Alltag hingewiesen. Vielen Dank hier dem Kollegen Hansen für sein unermüdliches Engagement. Leider wird in diesem Artikel nur beschrieben, wie man nicht kommunizieren soll. Beispiele für die positive Kommunikation fehlen leider. Natürlich ist es wichtig, dem Patienten individuell zu begegnen. Was sage ich aber stattdessen? Welche positive Worte kann man denn für "Wehtun", "Stich" oder ähnliches benutzen? Zu sagen, was nicht hilfreich ist, was man nicht tun soll, ist ein erster Schritt in der Aufklärung, zu sagen wie es gehen soll, ist eine echte Hilfestellung, die es wahrscheinlicher macht, dass die Kommunikation auch tatsächlich verbeseert wird.  zum Beitrag »

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