Ärzte Zeitung, 30.01.2013

Last im Job

Wie Stress beim Hausarzt ankommt

Die psychische Belastung am Arbeitsplatz wächst und wächst - die Zahl der Krankheitstage wegen Burn-out und Co steigt. Die Folgen davon sind auch für Hausärzte spürbar.

Von Beate Schumacher

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Das Spektrum der Beschwerden durch Arbeitsstress ist breit. Müdigkeit ist eine davon.

© granata68 / fotolia.com

HEMSBACH. Jeder zweite Berufstätige arbeitet laut aktuellem Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter starkem Zeit- und Leistungsdruck.

Ebenso viele haben eine Arbeitswoche von mehr als 40 Stunden und jeder Vierte verzichtet auf Pausen. Bei 43 Prozent hat der Stress im Arbeitsalltag in den letzten Jahren zugenommen.

Das macht sich auch in den Hausarztpraxen bemerkbar. "Die Zahl der Patienten, die über Stress am Arbeitsplatz klagen, steigt in unserer Praxis und auch in anderen Praxen meines Qualitätszirkels stetig an", berichtet Dr. Dr. Peter Schlüter, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren aus Hemsbach, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Laut Stressreport geht der zunehmende Arbeitsstress mit einer Zunahme von Beschwerden wie Kopf-, und Rückenschmerzen sowie Schlafstörungen einher. Das Spektrum der geäußerten Beschwerden ist breit.

"Die Beschwerden reichen von Müdigkeit und Abgeschlagenheit über Magenbeschwerden und Magenkrämpfe bis hin zu depressiven Verstimmungen", bestätigt Schlüter.

Manche von Schlüters Patienten berichten im Zusammenhang mit ihren gesundheitlichen Problemen über die Belastung am Arbeitsplatz oder sagen sogar direkt, dass sie "jetzt mal eine Auszeit benötigen".

Ansonsten spricht Schlüter das Thema "Arbeitsstress" sehr schnell von sich aus an, wenn Patienten eine Abklärung von Abgeschlagenheit wünschen. Allerdings wollten die meisten der wirklich überforderten Patienten gar nicht wahrhaben, dass sie an den Folgen von Arbeitsüberlastung leiden.

"Das wäre im Prinzip das Eingeständnis der Unfähigkeit, den Anforderungen des Arbeitsplatzes gerecht zu werden", so Schlüter.

Die Überlastungsreaktion bzw. das Erschöpfungssyndrom sei nämlich oft mit verursacht durch den inneren Konflikt des Betroffenen zwischen eigenen Erwartungen - an die eigenen Fähigkeiten, an den Job, an den Chef - und der Realität.

Viele Patienten mit Burn-out kommen deswegen mit dem Wunsch, für ihre Müdigkeit und Abgeschlagenheit eine medizinische Erklärung wie Eisenmangel oder Hypothyreose zu erhalten, so Schlüters Erfahrung.

Ursache bearbeiten und beseitigen

Natürlich sei an erster Stelle eine organische Ursache auszuschließen - oft zeige sich aber schon im Gespräch mit diesen Patienten, dass die Arbeitsplatzsituation eine Rolle spiele.

Die Unterscheidung, ob jemand wirkliche überlastet ist oder nur mal eine Auszeit nehmen will, stellt laut Schlüter meistens kein Problem dar. Bei den "Faulenzern" werde oft eine banale Erkrankung wie Rückenschmerzen oder eine Erkältung vorgeschoben.

"Der von einem Überlastungssyndrom Betroffene wirkt dagegen wirklich krank und verlangt meistens nach medizinischer Abklärung seines Zustandes."

Zu dem Symptomenkomplex des Burn-out-Syndroms, das als Form der Depression diskutiert wird, gehören unter anderem Arbeitswut, depressive Verstimmung, sogenannte Anpassungsstörungen, aber auch Aggressivität, Rückzugstendenzen, und Schlafstörungen.

Stress im Job kann auch eine Verstärkung der Symptome somatischer Erkrankungen zur Folge haben.

"Das sind letztendlich Signale des Körpers, dass die Anforderungen zurückgefahren werden müssten", so Schlüter. Besonders gefährdet seien Patienten mit kardiovaskulären Krankheiten wie Hypertonie und KHK.

Welche Tipps kann man Patienten geben, die sich durch ihre Arbeit ausgelaugt fühlen? Laut Schlüter gilt es, das gesamte Spektrum der individuellen Lebensumstände zu bearbeiten. "Das beginnt mit der ,Arbeit‘ an sich selbst und der ehrlichen Suche nach der Ursache für den als belastend empfundenen Zustand."

Wenn die Ursache mit dem Patienten geklärt und besprochen sei, dann müsse diese Ursache bearbeitet und im besten Falle beseitigt werden. Das kann im Extremfall auch einen Wechsel des Arbeitsplatzes beinhalten.

Und wie kann ein vielbeschäftigter Arzt sich selbst vor schädlichem Stress schützen? Für Schlüter setzt dies Selbstorganisation und gutes Terminmanagement voraus: "Das Führen einer Praxis mit 1400 bis 1500 Scheinen muss an einem 8-Stunden-Tag zu schaffen sein - sonst ist man falsch organisiert."

Nur so könne man Raum schaffen für die notwendigen Auszeiten - mit gesunder Ernährung, genügend Schlaf und viel Sport.

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