Ärzte Zeitung, 20.05.2014

Innovative Modelle

Mit kreativen Ideen gegen den Landarzt-Mangel

Immer mehr alte und kranke Patienten und immer weniger Landärzte: Wege aus diesem Dilemma zu finden fällt schwer. Doch es gibt sie längst, die innovativen Versorgungsmodelle, die gegensteuern und von denen sich lernen lässt.

Von Rebekka Höhl

Mit kreativen Ideen gegen den Landarzt-Mangel

Hand in Hand für die Patienten.

© Apops / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Die Fakten sprechen für sich: Die Zahl der multimorbiden und vor allem betagten Patienten nimmt stetig zu, gleichzeitig werden aber auch die Hausärzte immer älter und in vielen Regionen ruhestandsbedingt rar. Und der hausärztliche Nachwuchs?

Der scheut angeblich den Schritt in die eigene Praxis - vor allem in die Landarztpraxis. Doch es gibt sie längst, innovative Modelle, die gegensteuern und von denen sich lernen lässt. Das zeigte sich auf dem 6. Tag der Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt.

Das Projekt, das am Institut für Allgemeinmedizin angesiedelt ist und das Dr. Antje Erler und ihr Team auf die Beine gestellt haben, ist dabei einzigartig.

Seit Januar 2013 sammeln sie unter dem Namen "InGE - Innovative Gesundheitsmodelle" genau das, was der Name verspricht: innovative Versorgungsmodelle aus allen Regionen der Republik.

Im zweiten Schritt werden die Modelle auf ihre Übertragbarkeit auf andere Regionen hin analysiert. Alle Modelle und Analysen sind zentral auf der Projektwebsite einsehbar.

Die Basis wird aktiv

Das Projekt InGe

Ziel des Projekts „InGe“ (Innovative Gesundheitsmodelle) ist eine deutschlandweite Bestandsaufnahme neuer Konzepte der gesundheitlichen Versorgung und die Analyse von Voraussetzungen für ihre Übertragbarkeit auf andere Regionen.

Seit Januar 2013 läuft das Projekt, das von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird. Ende des Jahres wird das Projekt, das am Institut für Allgemeinmedizin der der Goethe-Universität Frankfurt angesiedelt ist, auslaufen.

Ab 2015 soll das Projekt dann in ein Beratungsangebot für Praxen und Regionen übergehen.

Mehr Infos unter: www.innovative-gesundheitsmodelle.de

Spannend ist, dass viele Modelle von der Basis, also den Ärzten selbst initiiert werden. Eben weil man vor Ort durch den bevorstehenden Ruhestand von Kollegen unter Handlungsdruck gerät. So war es etwa in der hessischen Gemeinde Schaafheim.

Auslöser dafür, die vier hausärztlichen Gemeinschaftspraxen mit insgesamt acht Ärzten im Schaafheimer Ärzte- und Apothekenzentrum (SCHAAZ) zusammenzulegen, war der nahende Ruhestand von sechs der acht Ärzte.

Interessant an dem Arbeiten unter einem Dach ist: Das neue Gebäude, ein ehemaliger Lebensmittelmarkt, wurde mithilfe eines externen Investors nach den spezifischen Wünschen der Hausärzte umgebaut.

In dem Zentrum sind nun sechs Hausärzte, eine Apotheke und eine zahnärztliche Praxis untergebracht. Die Hausärzte arbeiten in der Form einer Praxisgemeinschaft zusammen. "Dadurch sind gemeinsame Vertretungen möglich", berichtete Erler in dem Workshop "Landarzt dringend gesucht". Die Praxen nutzen aber auch eine gemeinsame EDV und teilen sich das Praxispersonal.

In dem Zentrum ist zudem die Anstellung weiterer Ärzte möglich, das soll dem Nachwuchs Planungssicherheit geben. Für einen Zugewinn an Lebensqualität für die einzelnen Ärzte hat aber auch gesorgt, dass jeder nur für einen Bereich wie etwa EDV oder Personal zuständig ist.

So häufen sich nicht mehr bei jedem Arzt alle organisatorischen Aufgaben an. Ebenfalls etabliert hat das SCHAAZ eine Liaison-Sprechstunde mit Fachärzten. Ein Urologe und ein HNO-Arzt praktizieren bereits in den Räumlichkeiten als Zweigpraxis.

Viele Modelle werden aber auch aus kleineren oder größeren Ärztenetzen heraus geboren. Eines der Vorzeigemodelle ist etwa das ANSB - Ärztenetz Südbrandenburg, das ein netzeigenes MVZ auf die Beine gestellt hat, das jungen Medizinern eine Tätigkeit im Angestelltenverhältnis mit geregelten Arbeitszeiten bietet.

Fahrschule für die Niederlassung

Neben einzelnen Gemeinden gibt es allerdings auch schon die ein oder andere KV, die als Initiator aktiv geworden ist. Das Filialpraxen-Modell in Sachsen-Anhalt, das KV, AOK und das Ministerium für Gesundheit und Soziales vor Ort auf die Beine gestellt haben, sei so etwas wie eine "Fahrschule für die Niederlassung", erklärte Erler.

"Die KV übernimmt dort über ihr vernetztes Versorgungszentrum die komplette Praxisorganisation und stellt sogar die Fachangestellten." Die Ärzte können sich in Teil- oder Vollzeit anstellen lassen, später aber auch eine Praxis übernehmen.

Wer letzteres tut, ist dann allerdings eigenständig niedergelassen und müsse sich um die Praxisorganisation wieder selbst kümmern. Doch das Modell zeigt Wirkung: Wie Erler berichtete, sei gerade zum Januar von einer Ärztin eine der Praxen übernommen worden.

PJler wollen in die Hausarztpraxen

Im Umorganisieren sind niedergelassene Ärzte, Gemeinden und manchmal auch die KV also findig. Was die vielen Interviews mit den Initiatoren und Ärzten der verschiedenen Modelle jedoch gezeigt hätten, sei, dass die Nachwuchsgewinnung und -förderung in der Region doch ein zentrales Problem ist, erklärte Nadine Falkenhagen, Masterstudentin im Pflege- und Gesundheitsmanagement.

"Es ist wichtig, Kompetenzzentren und Weiterbildungsverbünde zu gründen." Helfen könnte auch, Medizinstudenten über Stipendien oder so genannte Landarzttracks, bei denen die Studenten vom ersten Semester an von Ärzten auf dem Land begleitet werden, an die Region zu binden.

Was aber für viele Hausärzte, die einen jungen Nachfolger suchen, besonders interessant sein dürfte: Medizinstudenten wollen sehr wohl in die Allgemeinarztpraxen.

"Ich und viele andere Medizinstudenten suchen Praxen, in denen wir als Hausarzt arbeiten können. Aber wir wissen nicht, wo wir sie finden", sagte eine anwesende Studentin im Praktischen Jahr (PJ). In Frankfurt habe es schon fürs PJ nicht genügend Plätze in Hausarztpraxen gegeben. "Es musste gelost werden."

Gleichzeitig zeigte sich auf dem Workshop, dass die Ärzte zum Teil enttäuscht sind von den Vermittlungsbörsen von KV und Co. und gar nicht so recht wissen, wie sie Kontakt zu potenziellen Nachfolgern aufbauen können.

Ein Hausarzt aus dem Umland von Freiburg berichtete etwa, dass er gerade in ein modernes Praxisgebäude umgezogen ist und organisatorische und räumliche Strukturen geschaffen hat, damit zwei Ärzte eventuell sogar in Teilzeit in die Praxis einsteigen können - um so langfristig die Nachfolge zu regeln.

"Obwohl wir mit der S-Bahn gerade einmal 20 Minuten von Freiburg entfernt sind, finden wir niemanden." Hier muss ein regerer Austausch mit den Unis her. "Sie können aber auch einen eigenen Weiterbildungsverbund in ihrem Kreis gründen", sagte Erler. Dazu könne man sich mit anderen Kollegen und Krankenhäusern zusammenschließen.

Große Einheiten brauchen Fördertöpfe

Für die Praxen im Workshop war das Thema Finanzierung von innovativen Modellen zwar weniger das Hauptproblem. "Wenn wir das nicht stemmen könnten, hätten wir die letzten Jahre was falsch gemacht", sagte ein Arzt. Dennoch benötigen gerade größere Strukturen eine erhebliche Summe an Investitionsmitteln.

Die Interviews mit den Beteiligten aus den verschiedenen Projekten hätten gezeigt, dass es für viele nach wie vor schwierig ist, an Infos zu regionalen Fördertöpfen heranzukommen, sagte Falkenhagen.

Ebenfalls ein zentrales Thema sei nach wie vor die Vernetzung. "Wie bekomme ich alle an einen runden Tisch? Wer sollte dabei sein? Und wie oft trifft man sich?", seien Fragen, die vorab geklärt werden müssten, so Falkenhagen weiter.

Wichtig sei auch, sich zu überlegen, wer Multiplikatoren sein könnten, die das Modell weiter nach außen tragen - ein nicht unerheblicher Punkt, wenn es um die Suche nach Investoren und anderen Unterstützern geht. Außerdem sollten sich Initiatoren neuer Versorgungsmodelle feste Ansprechpartner bei KV, Kassen und anderen Organisationen suchen.

[20.05.2014, 07:49:24]
Dr. Anke Ney 
Praxisgemeinschaft unter Hausärzten eigentlich unmöglich!
Wenn durch Urlaubsvertretungen oder unterschiedliche Sprechstundenzeiten
gemeinsam behandelte Patienten auftreten hat man ganz schnell die KV mit
Plausibilitätsprüfungen am Hals, auch wenn die gemeinsam behandelten Patienten unter 20 % liegen sollten ,und das geht ganz schnell. Die KV meldet sich dann mit ordentlicher Verspätung und rechnet den Schaden dann hoch. Also bitte aufgepasst! zum Beitrag »

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