Ärzte Zeitung, 31.08.2016
 

Innovation

Hausärzte ermöglichen Sterben in vertrauter Umgebung

Die Hausärzte Michael Pohling und Carla Martin haben ein gemeindeinternes Palliativnetz geschaffen. Mit ihrer Idee konnten sie Leser der "Ärzte Zeitung" und die Jury des Innovationspreises 2015 überzeugen.

Von Christian Beneker

Hausärzte ermöglichen Sterben in vertrauter Umgebung

Hausärzte Michael Pohling und Carla Martin unterstützen sterbenskranke Patienten.

© christian beneker

LEHRE. Richtig gute Ideen passen auf einen Bierdeckel. Für die Praxis Michael Pohling, Carla und Dr. Ekkehard Martin in in der Gemeinde Lehre bei Wolfenbüttel ist die Binsenweisheit Realität geworden und hat schon vielen todkranken Patienten und ihren Angehörigen geholfen.

 Die drei Hausärzte haben es geschafft, dass "unsere Palliativpatienten gar nicht mehr ins Krankenhaus gehen müssen", sagt Pohling . Mit ihrem Konzept erzielten die Ärzte den zweiten Platz beim Wettbewerb "Die innovative Arztpraxis 2015", den die Verlagsgruppe Springer Medizin, zu der auch die "Ärzte Zeitung" gehört, zusammen mit UCB Innere Medizin nun schon zum fünften Mal veranstaltet hat.

Zusammen mit ambulant arbeitenden Pflegekräften, die für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ausgebildet sind, und dem in Palliative Care ausgebildeten Team des Alten- und Pflegeheimes "Haus Wartburg" in Lehre versorgen sie sterbende Patienten zuhause - oder in vier Räumen des Altenheimes - wie in einem Hospiz. Eigentlich haben die Akteure das Rad nicht neu erfunden, sondern sozusagen seine Bestandteile neu zusammengesetzt.

Kompetenz auf pflegerischer und ärztlicher Seite war vorhanden, die Räume im Pflegeheim auch. Die zündende Idee war, beides zu kombinieren. Dieses "gemeindeorientierte Palliativnetz" funktioniert sehr gut, sagen die drei Ärzte. Vor allem die Pflegenden übernehmen die Versorgung. Von den Ärzten haben sie einen "Palliativkrisenbogen" bekommen, der die passenden Versorgungsschritte bei Angst, Unruhe, Krämpfen oder Schmerzen festhält. "Die Arbeit wird uns dadurch enorm erleichtert und den Patienten ist gedient", so Pohling.

Ärgernis als Geburtshelfer der Idee

Wie viele gute Ideen, ist auch diese aus einem Ärgernis entstanden: "Wir hatten einen jungen Mann unter unseren Patienten, dessen Vater schwer an Bronchialkrebs erkrankte", berichtet Pohling. Er konnte seinen Vater nicht zuhause versorgen, damit fiel eine unterstützende Versorgung nach SAPV aus. Der Sohn allein konnte den Todkranken nicht versorgen. Der Weg ins nächste Hospiz war zu lang, die beiden Hospize in Wolfsburg und Braunschweig liegen weit weg.

Die nächste Palliativstation befindet sich ebenfalls erst im abgelegenen Krankenhaus Marienstift in Braunschweig. Pohling überwies den Patienten kurzerhand ins Pflegeheim Wartburg und setzte bei der Krankenkasse durch, dass sie die Transportkosten übernimmt. So konnte der Mann im Pflegeheim palliativ versorgt werden. Warum nicht immer diesen Weg beschreiten? Das war 2014.

Heute begleiten die Ärzte Sterbende wohnortnah und umgeben von vertrauten Menschen: nicht in der Klinik, nicht im Hospiz - sondern im Pflegeheim. Inzwischen fragen auch die Krankenhäuser außerhalb des Aktionsradiuses der Lehrer Praxis bei den Ärzten an, um ihre Palliativpatienten nicht in eine möglicherweise schwierige Pflegesituation etwa nach Hause entlassen zu müssen. Derzeit versorgen Ärzte und Pflegende jährlich rund 25 Palliativpatienten im Pflegeheim.

Björn Jüppner, Leiter des Hauses Wartburg, begrüßt die Kooperation. "Nicht zuletzt wegen der Palliativpflege unserer vier speziell fortgebildeten Pflegerinnen haben wir ein volles Haus und müssen sogar eine Warteliste führen." Das Haus Wartburg hat 112 Plätze. Um das Projekt zu ermöglichen, stellt das Haus vier geräumige Zimmer im Erdgeschoss zur Verfügung. Wie im Hospiz kann auch hier ein Angehöriger mit im Zimmer wohnen.

Die Idee braucht nun einen tragfähigen Vertrag mit den Kassen, meinen die Ärzte. "Es sollte den Kassen einleuchten, dass sie mit unserem Projekt eine Menge Geld sparen können", sagt Martin zur "Ärzte Zeitung".

"Immerhin ist die Palliativversorgung im Pflegeheim für die Kassen deutlich kostengünstiger als etwa im Hospiz, wo die Kassen 95 Prozent der Kosten übernehmen. Für die Palliativversorgung im Haus Wartburg müssen die Angehörigen wie für jeden Pflegeplatz zwischen 1252 und 1551 Euro im Monat hinzubezahlen.

"Das ist bitter"

Das Heim bezahlt die Fortbildung ihres Personals selber, so Jüppner. Das Projekt läuft also auch auf Goodwill-Basis. "Dafür bräuchten wir mehr Geld und vor allem auch dann, wenn einmal ein Palliativbett nicht besetzt ist: Dann würden wir bezahlt wie im Hospiz." Wenn derzeit eines der vier Betten leer steht, wird es von einem Heimbewohner besetzt. "Wenn dann ein Palliativpatient zu uns kommen will und wir keinen Platz haben, um den Bewohner aus dem Palliativbett in ein anderes zu verlegen,, müssen wir den Palliativpatienten absagen, und das ist bitter", sagt Jüppner.

Pohling und Martin können sich für die Finanzierung ein Modellprojekt nach Paragraf 72 SGB XI vorstellen, um einen dem Hospiz angeglichenen Status zu erhalten. "Vor allem die Transportkosten von zuhause ins Pflegeheim müssten die Kassen übernehmen", fordert Pohling.

"Zurzeit ist hier die Kostenübernahme immer wieder problematisch." Außerdem brauchen die Pflegenden im Heim mehr Geld. "Für uns Ärzte zählt in dem Projekt nicht höheres Honorar", sagt Pohling, "sondern vor allem die Arbeitserleichterung".

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