Ärzte Zeitung, 21.11.2016
 

Vom Klinikarzt zum Gründer

Pioniergeist zahlt sich schnell aus

Aus leitender Funktion in einer Klinik in die Praxis: Dass sich eine Existenzgründung schnell als richtige Entscheidung erweisen kann, haben zwei Rheumatologen in Neumünster festgestellt.

Von Dirk Schnack

Pioniergeist zahlt sich schnell aus

Sehen sich in ihrer Rheumatologen-Praxis am richtigen Platz: Dr. Julia Holle und Professor Frank Moosig.

© Dirk Schnack

NEUMÜNSTER. Patienten statt Handwerker, moderne Einrichtung statt Baustelle, weiße Arzt- statt Freizeitkleidung bei den Praxisinhabern: Ein halbes Jahr nach dem ersten Besuch in der neu gegründeten Praxis von PD Dr. Julia Holle und Professor Frank Moosig ist aus der Baustelle eine funktionierende – und gut frequentierte – Praxis geworden.

Die erste Bilanz der beiden Ärzte fällt entsprechend positiv aus: "Wir haben es nicht bereut", sagen die beiden internistischen Rheumatologen. Die anfängliche Unsicherheit, ob die neu gegründete Praxis denn überhaupt von Patienten wahrgenommen und nachgefragt wird, ist der Gewissheit gewichen, mit der Niederlassung die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Bis Jahresende 2015 waren beide, wie berichtet, in leitender Funktion in der Rheumaklinik Bad Bramstedt angestellt. Beide hatten den Wunsch, ihr eigener Chef zu sein und die Gewissheit, den richtigen Praxispartner gefunden zu haben.

Hinzu kam, dass es zu wenige internistische Rheumatologen in Schleswig-Holstein gibt und die KV ihnen eine Niederlassung über Sonderbedarf ermöglichte.

400.000 Euro investiert

Damit mussten die beiden Gründer keinen Kassenarztsitz finanzieren. Dennoch blieben stattliche 400.000 Euro, die sie in die Praxisausstattung investierten und deren Tilgung sie nun über ihre Praxiseinnahmen erreichen müssen.

Start war am ersten Februar in Neumünster und die Patienten stellten sich zügig ein – auch, weil die Ärzte vorher Kontakte zu Kollegen und zu Selbsthilfegruppen geknüpft hatten und sie schon vor Praxiseröffnung Termine angenommen hatten.

Inzwischen haben die beiden Rheumatologen für das zweite Quartal ihre erste komplette Abrechnung erhalten und sind erleichtert, dass ihre Prognose sich bestätigt hat. Sie kommen zusammen auf rund 1400 Kassenpatienten im Quartal und können über die KV-Einnahmen ihre Kosten decken.

Privat Versicherte bringen Gewinne

Gewinn erwirtschaften sie bislang aber nur, weil auch privat versicherte Patienten in die Praxis kommen. Diese Situation empfinden sie als unbefriedigend, auch weil sie sich von Änderungen in der gesundpolitischen Großwetterlage abhängig fühlen. "Die Bürgerversicherung wäre für uns das Aus", sagt Moosig – ohne Privatpatienten könnten sie nicht existieren.

Dabei leisten sie überdurchschnittlich viel, um die Kassenpatienten zu versorgen. Statt der vorgeschriebenen 20 Stunden Sprechzeit sind sie beide jeweils 29 Stunden pro Woche für die Patienten da.

Beide Ärzte liegen in ihrem Punktzahlvolumen jeweils bei 150 Prozent. "Das zeigt, wie eklatant die Unterversorgung ist", sagt Holle. Sie und ihr Praxispartner suchen nun erneut das Gespräch mit der KV, um eine Lösung zu finden. Das Problem: Die Praxis darf nur im Fachgruppendurchschnitt wachsen.

Qualitätsanspruch verursacht Kosten

Ein weiteres Problem: Der eigene Anspruch an die Versorgung bedeutet für die beiden Ärzte, dass sie selbst schallen, ein eigenes Labor und eine Infusionsambulanz betreiben. Aus wirtschaftlicher Sicht sei dies ein Nachteil. Beide sind sich aber auch nach dem Start in die Niederlassung sicher, dass sie in ihren Qualitätsansprüchen keine Abstriche machen wollen.

IGeL als Einnahmequelle sehen sie für ihre Praxis nicht. Einziger Hinweis auf IGeL ist ein Faltblatt im Wartezimmer. Die Ärzte selbst oder ihre fünf Praxismitarbeiter sprechen Patienten nicht darauf an. "Wir sind die totalen IGeL-Versager", sagt Moosig mit einem Lächeln – ohne Bedauern.

In den ersten acht Monaten der Praxistätigkeit hat denn auch nur ein Patient eine IGeL-Leistung nachgefragt. Diese haben sie guten Gewissens erbracht.

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