Ärzte Zeitung online, 04.12.2017
 

Traumjob

Ärztin im Pflegeheim

Ein Pflegeheim mit Institutsermächtigung – das gibt es in Berlin nur einmal. Im Sanatorium West kümmert sich Dr. Frank Stein seit drei Jahren als angestellter Hausarzt um die Bewohner. Im Januar 2018 tritt Dr. Alina Enache seine Nachfolge an.

Von Julia Frisch

Ärztin im Pflegeheim

Dr. Frank Stein arbeitet seine Nachfolgerin im Sanatorium West, Dr. Alina Enache (l.), ein.

© Julia Frisch

BERLIN. 13 Jahre hat es gedauert, bis das Sanatorium West, das zum Unternehmen Familie Franke Seniorenresidenzen gehört, endlich seinen eigenen Heimarzt hatte. Die medizinische Betreuung der Bewohner durch niedergelassene Ärzte, teils im Rahmen von Konsiliarverträgen, reichte für die Belange der Schwerstpflegebedürftigen unter ihnen schon lange nicht mehr aus.

Der Gründe gab es viele: Zu viel Zeit verbrachten etwa die Pflegekräfte damit, mit den Ärzten in den Praxen zu telefonieren. Wegen Kleinigkeiten mussten Bewohner ins Krankenhaus gebracht werden, "vormittags rein, nachmittags wieder raus, weil der Hausarzt nicht kam", erzählt Dietrich Lange, Geschäftsführer des Unternehmens. "Das verträgt sich nicht mit der Zielsetzung unseres Familienunternehmens", sagt Lange.

Seit 45 Jahren kümmert sich das Sanatorium West um schwerstpflegebedürftige Menschen. Das Haus im südlichen Berlin ist auf Wachkoma, Demenz und palliative Pflege spezialisiert und hat zudem einen "jungen" Wohnbereich. "Man muss sich einschwingen auf die Bedürfnisse der Menschen hier", erläutert Lange. Will heißen: Nur wer die Bewohner kennt, weiß, was wichtig ist für eine adäquate Versorgung. Viel Zeit zum ausführlichen Kennenlernen der Patienten haben die meisten niedergelassenen Ärzte nicht. Das ist Lange klar, "das lässt sich mit einer gut geführten Praxis nicht vereinbaren".

Zulassung erst nach sechs Jahren

Um die Jahrtausendwende fiel deshalb der Entschluss, einen eigenen Hausarzt anzustellen. Der erste Versuch, dafür eine Zulassung zu bekommen, scheiterte jedoch. Ebenso wie der Beitritt zu dem "Berliner Projekt", einem Vertrag zwischen KV und einigen Kassen zur ärztlichen Heimversorgung, der in den Augen von Lange auch den Nachteil hat, dass er nicht auf alle Bewohner anwendbar ist. Als 2008 die Möglichkeit einer Institutsermächtigung für Pflegeheime in das SGB V eingeführt wurde, stellte das Sanatorium West abermals einen Antrag beim Zulassungsausschuss.

Nach sechs Jahren bekam das Pflegeheim 2013 endlich die Institutsermächtigung gemäß Paragraf 119b SGB V. Seit 2015 ist Dr. Frank Stein im Sanatorium West als Hausarzt angestellt. Mit 65 Jahren entschied er sich, noch nicht in den Ruhestand zu gehen, sondern "etwas Nützliches zu machen".

Im Sanatorium West betreut der Mediziner, der zuvor stets in Kliniken arbeitete und über Zusatzqualifikationen in Homöopathie, Geriatrie und Palliativmedizin verfügt, 180 Bewohner. Die Arbeit im KV-System erwies sich für ihn dabei als die größte Umstellung, "das ist schon ganz schön viel Bürokratie". Die akut behandlungsbedürftigen Patienten sowie die Neuaufnahmen stehen im Fokus von Steins ärztlicher Arbeit. Mindestens zweimal im Quartal führt er in jedem Wohnbereich eine große Visite durch. Die Rufbereitschaft in der Nacht und am Wochenende teilt er sich mit zwei weiteren Ärzten. "Durch die dauerhafte ärztliche Präsenz ist das medizinische Niveau höher, weil man mit allen immer im Gespräch ist. Man sieht die Menschen nicht nur in Akutsituationen, sondern lernt sie näher kennen und kann sie besser einordnen", verdeutlicht Stein. Das zahle sich beispielsweise auch nachts aus. "Wenn ich tagsüber da bin, habe ich die Probleme im Blick, kann vorbeugen und informieren. Die Mitarbeiter wissen dann im Fall der Fälle, was sie tun müssen", so Stein.

Die dauerhafte ärztliche Präsenz im Heim erleichtert nicht nur Pflegekräften die Arbeit, sondern hat auch dazu geführt, dass die Zahl der Klinikeinweisungen gering ist. "Wir liegen gerade bei 1,5 Prozent Krankenhauseinweisungen pro Jahr. Gute Pflegeheime haben fünf, andere 13 Prozent", so Carola Focke, Leiterin des Sanatoriums West. "Das ist ein Riesenerfolg für das Wohlbefinden unserer Bewohner." Zudem nehme man auf diese Weise den Kliniken Arbeit ab und spare "das wertvolle Geld der Versichertengemeinschaft".

Arztstelle noch nicht kostendeckend

Die Institutsermächtigung und Anstellung des eigenen Hausarztes war ein wirtschaftliches Risiko für das Sanatorium West, "wir wussten nicht, was damit auf uns zukommt", resümiert Focke. Die Bilanz lautet inzwischen: "Kostendeckend sind wir nicht ganz, aber der Verlust wird durch viele andere Vorteile aufgewogen", sagt Dietrich Lange. An der Stelle des angestellten Hausarztes will das Unternehmen nicht rütteln. Focke: "Das ist für unsere Bewohner optimal". Zudem schärfe es das Profil. Und die niedergelassenen Fachärzte nutzten sogar die Voruntersuchungen und die zweite Fachmeinung des angestellten Heimarztes zur Verbesserung ihrer Therapien.

Ab 2018 wird Dr. Alina Enache die Hausarztstelle von Frank Stein übernehmen, der dann mit 68 Jahren in den Ruhestand geht. Die 40-Jährige hat zehn Jahre als Militärärztin in Rumänien gearbeitet, dabei auch die ehemaligen Soldaten und Angehörigen betreut und geriatrische Erfahrungen gesammelt. Seit dem Sommer wird sie von Stein im Sanatorium West eingearbeitet.

"Ich mag die Atmosphäre hier. Hier kann man ohne den Zeitdruck einer Kassenpraxis arbeiten, man hat Zeit für die Patienten", so Alina Enache. Für die Allgemeinmedizinerin ist die Hausarztstelle im Heim erst einmal ihr Traumjob.

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