Ärzte Zeitung online, 27.12.2017

Baden-Württemberg

Diabetologen erhalten optimale Leistung im Selektivvertrag

Gestationsdiabetes, Insulinpumpentherapie und Langzeit-Glucosemonitoring: Dafür bekommen Diabetologen in Baden-Württemberg jetzt volle Unterstützung – zumindest von der AOK.

Von Christoph Winnat

Diabetologen erhalten optimale Leistung im Selektivvertrag

Die KV Baden-Württemberg vergütet Patientenschulungen zum Gestationsdiabetes mit bis zu 185 Euro.

© fovito / stockadobe.com

STUTTGART. Baden-Württemberg zählt unbestritten zu denjenigen Bundesländern, in denen selektivvertragliche Versorgung einen guten Stand hat. Das ist unter anderem dem Ärzteverbund Medi und der AOK zu verdanken, die dort seit Jahren systematisch an eigenen Strukturen strickt. Dabei bleiben Rückwirkungen auf die Versorgung im Kollektivvertrag nicht aus, wie der im April dieses Jahres zwischen AOK, Medi und Diabetologen-Genossenschaft ("Diabetologen eG") geschlossene und im Juli gestartete Facharztvertrag Diabetologie zeigt. Denn erstmals vergütet auch die KV Baden-Württemberg seit diesem Jahr Patientenschulungen zum Gestationsdiabetes mit bis zu 185 Euro. "Die AOK hat mit den Verhandlungen zum Diabetesvertrag die Gestationsziffer erst angestoßen", ist Dr. Erik Wizemann, Diabetologe aus Herrenberg und Medi-Mitglied überzeugt.

Der Selektivvertrag gehe jedoch weit über die Regelleistung hinaus. Denn AOK-Patientinnen, die im Haus- und Facharztprogramm der Kasse eingeschrieben sind, können zusätzlich weitere 150 Minuten Beratung in Anspruch nehmen, die mit insgesamt 150 Euro vergütet werden. Gleichzeitig sieht Wizemann im Diabetologievertrag aber auch ein gutes Beispiel, wie umgekehrt von der Regelversorgung Impulse zur selektivvertraglichen Weiterentwicklung ausgehen können. Seit Jahren habe sich die Diabetologen-Genossenschaft vergeblich um eine qualitätsorientierte Vergütung diabetologischer Leistungen bemüht, betont Wizemann. Ein Diabetologievertrag sei aber nicht zuletzt daran gescheitert, dass sich die Hausärzte gegen die damit einhergehende Honorarbereinigung des Hausarzt-Topfes zur Wehr gesetzt hätten.

Doch nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss die Langzeit-Glucosemessung mittels Real-Time-Messgerät (rtCGM) zur Kassenleistung erklärt hatte, sei "diabetologische Expertise plötzlich gefragt gewesen", betont Wizemann. Denn viele Patienten benötigten das aufwändige System mit der Alarmfunktion bei Hypoglykämien gar nicht. Im Rahmen des Selektivvertrages lasse sich stattdessen die Abgabe des erheblich günstigeren und in der Anwendung bequemeren, gleichwohl nicht in den GKV-Katalog aufgenommenen Geräts zum Flash Glucose Monitoring (FGM) besser organisieren.

Neben den Beratungsleistungen zum Gestationsdiabetes beinhaltet der AOK-Vertrag also auch Ersteinweisung und Beratung zu rtCGM und FGM sowie darüber hinaus zur Insulinpumpentherapie. Rund die Hälfte der 50.000 AOK-Versicherten, die eine intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) benötigen, könnten von einer kontinuierlichen Glucosemessung profitieren, heißt es.

Das Honorar für Ersteinstellung, Anwendungsschulungen, Folgebetreuung und Nachschulungen zur rtCGM ist im AOK-Vertrag genauso hoch bemessen wie für das Flash Glucose Monitoring. Schulungen zur Glucose-Langzeitmessung beispielsweise sollen in vier Einheiten zu je eineinhalb Stunden erfolgen. In Summe sind allein dafür 160 Euro vorgesehen. Hinzu kommen pro Krankheitsfall maximal zwei Nachschulungen, die mit insgesamt 80 Euro dotiert sind. Ersteinstellungen durch Arzt und Diabetesberaterin bringen maximal 71 Euro (einmal je Arzt-Patienten-Beziehung), die Folgebetreuung 54 Euro (je Quartal).

Zum Vergleich: Die gleichlautenden EBM-Ziffern 03355, 13360 und 04590 vergüten die Anleitung zur Selbstanwendung eines Real- Time-Messgerätes mit jährlich maximal 75,80 Euro.

"Expertise und Beratungsqualität sind nicht zum Nulltarif zu haben", kommentiert Diabetologe Wizemann die Fallhöhe von selektivvertraglicher zu kollektivvertraglicher Leistungsbewertung. Zumindest AOK-Versicherte könnten jetzt auf hohem Niveau versorgt und geschult werden. Es sei zu wünschen, dass sich andere Kassen daran ein Beispiel nehmen.

Der Selektivvertrag zeichnet sich allerdings nicht nur durch auskömmliche Dotierung, sondern auch durch ebenso hohe Zugangshürden aus: Einschreiben kann sich beispielsweise nur, wer eine ausgebildete Diabetesberaterin ganztags beschäftigt oder vollzeitäquivalent mit freien Diabetesberaterinnen kooperiert. "Der Vertrag sollte es erstmalig ermöglichen eine Diabetesberaterin gewinnbringend einzusetzen", verteidigt die Diabetologen-Genossenschaft diese Vorgabe. Daher sei "jeder interessierten Schwerpunktpraxis zu raten, sich diese Qualifikation zuzulegen".

Stand Mitte November sollen inzwischen 300 Diabetologen und Diabetesberater die Vertragsschulungen durchlaufen haben, 75 Ärzte seien zur Vertragsteilnahme zugelassen, heißt es. Wie seitens teilnehmender Ärzte verlautet, sollen die Effekte des Selektivvertrages, insbesondere hinsichtlich der Langzeit-Glucosemessung sowie der Pumpentherapie, evaluiert werden. Damit betraut werde voraussichtlich der Versorgungsdienstleister ContraCare.

Die AOK bestätigt das Evaluationsvorhaben. "Mit ersten Ergebnissen wird spätestens in vier Jahren zu rechnen sein." Der AOK gehe es mit dem neuen Selektivvertrag vorrangig darum, Versorgungs- und Lebensqualität zu verbessern. Die neuen technischen Möglichkeiten des Diabetes-Selbstmanagements forderten "den den Versicherten und den Behandlungsteams einiges ab". Früher kaum gekannte Datenmengen müssten interpretiert und die richtigen therapeutischen Schlüsse daraus gezogen werden. Dazu wolle man sich nicht auf, so wörtlich, "Online-Schulungsvideos" verlassen, sondern setze auf "die enge Bindung der Patienten an Haus- und Facharzt". Perspektivisch sei vorgesehen, den Vertrag um Themen wie Diabetischer Fuß und Wundversorgung zu erweitern.

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