Ärzte Zeitung online, 04.06.2008

Vor allem bei Brüchen, Arthrose und Brustkrebs passieren Fehler

BERLIN (HL/dpa). Wenn Ärzte Fehler machen, dann wird das heute nicht mehr "kollegial" vertuscht, sondern systematisch analysiert. Die Erkenntnisse fließen dann in die Fortbildung und in das Qualitätsmanagement von Krankenhäusern und Arztpraxen ein.

 vor allem bei brüchen, arthrose und brustkrebs passieren fehler

Röntgenbild eines Kniegelenks.

Foto: Denis©fotolia.de

Insofern hat die Arbeit der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern, deren 2007er Daten gestern in Berlin vorgelegt wurden, über die rechtlichen Aspekte der Haftung hinaus Bedeutung. Denn für die Qualität ärztlicher Arbeit kann auch aus jenen Fehlern gelernt werden, bei denen Ärzte keine Schuld tragen oder das Schicksal eine Rolle spielt.

2007 gingen bei den Schlichtungsstellen 10 432 Begutachtungsanträge ein, 7049 wurden bearbeitet. In 1717 Fällen wurde ein Behandlungsfehler festgestellt, der auch kausal für einen Gesundheitsschaden beim Patienten war. In 378 Fällen lag ein Behandlungsfehler vor, aber keine Kausalität.

Die häufigsten Behandlungsfehler

Der Großteil der 400 Millionen Kontakte zwischen niedergelassenen Ärzten und Patienten und der 17 Millionen Klinikbehandlungen im Jahr verläuft nach den Regeln ärztlicher Kunst. Dennoch gibt es Behandlungsfehler.

Die meisten festgestellten Fehler gab es bei der Behandlung von Knochenbrüchen (mehr als 311), von Hüft- und Kniegelenkverschleiß (110) und von Brustkrebs (41). Auch entzündete Blinddärme würden wegen der schwierigen Diagnose nach wie vor regelmäßig zu spät operiert. Beim Brustkrebs falle die Diagnose zunächst oft zu harmlos aus. Auch Rückenschmerzen und deformierte Zehen und Finger wurden mehrfach falsch behandelt.

Bei Arztpraxen steht nach Angaben der Bundesärztekammer Brustkrebs auf Platz eins der am häufigsten falsch behandelten Krankheiten. Platz zwei belegt die Fehlbehandlung von Brüchen der Hände oder Handgelenke (20 Fälle), Platz drei die von Rückenschmerzen (19 Fälle).

In Kliniken wird die Liste der am häufigsten falsch behandelten Erkrankungen mit 66 Fällen von der Hüftgelenkarthrose angeführt. Platz zwei belegen Brüche des Unterschenkels oder Sprunggelenkes (59 Fälle), Platz drei des Oberschenkels (48 Fälle).

Verbraucherschützer gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Insgesamt gingen nach einer Schätzung rund 40 000 Patienten gegen ihre Ärzte wegen Verdachts auf Fehler vor.

"Was die Schlichtungsstellen veröffentlichen, ist nur die Spitze eines Eisberges", sagte der Experte der Verbraucherzentrale, Dr. Stefan Etgeton, der "Frankfurter Rundschau". Der Narkosearzt Professor Walter Schaffartzik, Vorsitzender der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern, sagte, nur wenige Patienten beschwerten sich bei Notfällen und Behandlungen auf der Intensivstation. Ärzte machten aber auch hier "bestimmt Fehler".

Ärztekammer, Gesundheitsministerium und das Aktionsbündnis Patientensicherheit hatten die Mediziner dazu aufgerufen, sich verstärkt zu Fehlern zu bekennen. Das Bündnis schätzt, dass es allein in Kliniken bis zu 560 000 meist leichte Fehler bei Behandlung und Pflege in Deutschland pro Jahr gibt - bei 17 Millionen Behandlungsfällen.

Die Ärztekammer erhofft sich von der veröffentlichten Statistik positive Effekte, "damit Fehler vermieden werden", sagte Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Konferenz der ärztlichen Gutachterkommissionen. Sie diene etwa als Basis für Fortbildungen. Schnelle Erfolge in allen Bereichen werde es aber wohl nicht geben, räumte Schaffartzik ein: "Das ist ein weiter, langer und sehr, sehr schwieriger Weg." Früher oft beanstandete Nervenschäden durch Injektionen gebe es beispielsweise heute nicht mehr, sagte Rechtsanwalt Johann Neu, Geschäftsführer der norddeutschen Schlichtungsstelle.

Ärzte weigerten sich entgegen geltenden Rechts mitunter, Patienten die Diagnose- und Behandlungsunterlagen zu geben, berichtete Neu. Die Schlichtungsstellen hätten damit aber keine Probleme. Die Schlichtungsverfahren dauern im Schnitt 13 Monate und dienen nicht zuletzt dazu, jahrelange Gerichtsstreitigkeiten zu vermeiden. Die Prämien für Haftpflichtversicherung betroffener Ärzte könnten steigen, sagte Crusius.

Bei durchschnittlich 1,8 Vorwürfen pro Antrag summierte sich die Zahl der Patientenvorwürfe 2007 auf 12 658. Am unzufriedensten waren die Patienten mit 3262 Vorwürfen nach Operationen. Deutliche Anstiege gab es bei Vorwürfen wegen angeblich falschen Diagnosen (798) und Arzneimitteltherapien (548).

Gegen Risiken bei der Arzneimitteltherapie rief das Bundesgesundheitsministerium mit einem Aktionsplan Ärzte, Apotheker und Behörden zusammen. Bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wurde dazu eine Koordinierungsgruppe eingerichtet. Nach Einschätzung des Bremer Gesundheitsforschers Professor Gerd Glaeske werden jährlich 16 000 bis 25 000 Todesfälle durch Neben- und Wechselwirkungen verursacht. Exakte Zahlen gibt es nicht.

Fallbeispiele und Informationen: www.norddeutsche-schlichtungsstelle.de/fallbeispiele.html, www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

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