Ärzte Zeitung online, 17.10.2008

Aus für Affenversuche - Universität will gegen Entscheidung klagen

BREMEN (dpa). Die Universität Bremen will das Aus für die Affenversuche am Institut für Hirnforschung nicht akzeptieren und sich notfalls durch alle Instanzen klagen (wie berichtet). Das SPD-geführte Gesundheitsressort hatte den Antrag zur Fortsetzung der Experimente mit der Begründung abgelehnt, die Versuche seien ethisch nicht vertretbar.

  "Dies ist ein unzulässiger Eingriff in die grundrechtlich geschützte Wissenschaftsfreiheit", sagte der Rektor der Universität, Professor Wilfried Müller. Die Behörde habe nicht richtig abgewogen zwischen der Bedeutung der Versuche für die Forschung und der Belastung für die Makaken-Affen.

   Gegen die Entscheidung will die Universität Widerspruch einlegen. "Zudem werden wir eine einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht auf den Weg bringen, um die Versuche fortzusetzen", erklärte Müller. Eine Unterbrechung der Forschung hätte eine "dramatische Wirkung". Fünf aus Drittmitteln finanzierte wissenschaftliche Mitarbeiter könnten ihre Stellen verlieren und acht Doktorarbeiten nicht beendet werden.

   Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, erklärte, er betrachte die Ablehnung des Antrages "mit großer Sorge um die vom Grundgesetz verbriefte Freiheit von Wissenschaft und Forschung". Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel, dagegen begrüßte die Entscheidung der Gesundheitsbehörde. "Nach zehn Jahren Affenforschung fällt das Märchen vom therapeutischen Nutzen harmloser Experimente nun endgültig in sich zusammen", sagte er.

   Die Universität betonte, dass alle Anforderungen nach dem Tierschutzgesetz erfüllt seien. "Wir versuchen, die Belastung für die Tiere so gering wie möglich zu halten", erklärte der Hirnforscher Andreas Kreiter. Das Institut besitzt derzeit 24 Affen. Die Experimente laufen seit 1998, die Genehmigung war zuletzt 2005 verlängert worden und läuft Ende November aus. Die Forscher verteidigten ihre Arbeit erneut mit einem Mangel an alternativen Methoden. Die Erkenntnisse aus Affenversuchen seien für die Heilung kranker Menschen von großer Bedeutung.

   So ist es beispielsweise US-Forschern kürzlich bei Versuchen mit Affen erstmals gelungen, einzelne Hirnzellen über einen speziellen Schaltkreis direkt mit gelähmten Muskeln zu verbinden. Bei den Tieren mit einem gelähmtem Arm habe sich die Beweglichkeit des Handgelenks wieder herstellen lassen, schreiben die Wissenschaftler in der britischen Fachzeitschrift "Nature" (online veröffentlicht).

Zuvor habe man entweder Hirnzellen Robotergliedmaßen steuern lassen oder aber mittels spezieller Computer Muskeln bewegt - nie aber sowohl die Hirnzellen als auch die Muskeln Gelähmter einbezogen. Die Methode könnte künftig Gelähmten mit Rückenmarks-Verletzungen helfen, sich wieder bewegen zu können.

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