Ärzte Zeitung online, 20.11.2008

Ekel-Zustände in Arztpraxis - Medizinerin droht Berufsverbot

RAVENSBURG (dpa). Ekel-Zustände in einer Arztpraxis: Eine Medizinerin aus Oberschwaben soll Einwegspritzen und Mundstücke mehrfach verwendet und Geräte nur mit Geschirrspülmittel gereinigt haben. Wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz in mehreren hundert Fällen muss sich die 56-Jährige seit Mittwoch vor dem Landgericht Ravensburg verantworten.

Zum Prozessauftakt wies die Anhängerin von Naturheilverfahren wie Eigenbluttherapie fast alle Vorwürfe zurück.

"Sie haben Ihre ärztliche Pflicht in grober Weise verletzt", sagte Staatsanwalt Matthias Inselsberger und fügte hinzu: "Ich strebe ein Berufsverbot an". Die Anklageschrift umfasst rund 2200 Einzelfälle, doch die Angeklagte zeigte sich davon äußerlich unbeeindruckt.

Immer wieder beteuerte die Ärztin: "Das stimmt nicht." Nur einen Punkt räumte sie ein: Sie habe Einwegspritzen mehrfach verwendet, allerdings nicht für verschiedene Patienten, sondern immer nur für dieselben. Die Spritzen habe sie zusammen mit den Karteikarten der Patienten in ihrer Praxis aufbewahrt.

Während im Publikum getuschelt wurde "Das ist ja eklig", klärte die aus Thüringen stammende Ärztin das Gericht weitschweifig über die Segnungen ganzheitlicher Medizin auf, die in der DDR verboten war: "Man muss den Menschen sehen, anstatt den Krankheitsfall". Ausführlich schilderte sie die Eigenbluttherapie, bei der sie Blut, gemischt mit einem Präparat, in homöopathischen Dosen zum Schlucken verordnete. Die neun Fläschchen dafür gab sie den Patienten mit nach Hause und verwendete sie, so die Anklage, später ohne Desinfektion für andere Kranke.

Staatsanwaltschaft spricht von "unhaltbaren hygienischen Zuständen" in der HNO-Praxis

Von "unhaltbaren hygienischen Zuständen" in der HNO-Praxis hatte die Staatsanwaltschaft schon am 24. Oktober gesprochen, als die Gesundheitsgefahren bekannt wurden. 1800 Patienten hatten damals ein Schreiben des Gesundheitsamtes mit der Aufforderung erhalten, sich auf Aidsviren oder Hepatitis testen zu lassen (wie berichtet). Hinweise auf gravierende Infektionen wurden bisher jedoch nicht bekannt.

Den Behörden war vorgeworfen worden, zu spät gehandelt zu haben, denn erste Hinweise auf Schlampereien stammten von einer Arzthelferin aus dem Jahr 2005. Die Ermittlungen kamen ins Rollen, nachdem eine zweite Arzthelferin später gleichlautende Vorwürfe erhob. Beide seien "im Unfrieden aus der Praxis ausgeschieden", erklärte der Verteidiger am Rande der Verhandlung.

Der Staatsanwalt deutete an, dass bei der Ärztin auch finanzielle Interessen eine Rolle gespielt haben könnte

Der Staatsanwalt deutete an, dass bei der Ärztin auch finanzielle Interessen eine Rolle gespielt haben könnten: Für die Eigenbluttherapien habe sie allein in der fraglichen Zeit rund 91 000 Euro kassiert. Die Angeklagte hat, wie sie einräumte, Schulden durch den Kauf zweier Eigentumswohnungen und jahrelange Unterhaltszahlungen für ihren inzwischen getrennt lebenden Mann. Aber um Geld sei es ihr nie gegangen, beteuerte sie: "Mir war das Wohlergehen der Patienten wichtiger als das Wohlergehen meines Bankkontos."

Der Vorsitzende Richter Franz Strasser hatte mitunter Mühe, den Redefluss der Angeklagten zu bremsen. "Wir müssen lediglich prüfen, ob Gesundheitsgefahren entstanden sind", mahnte er.

Die Ärztin kündigte unterdessen an, ihre 1997 eröffnete Praxis zu schließen. Nachdem ihr die Kassenärztliche Vereinigung im August vorläufig die Kassenzulassung entzogen hat, seien auch Privatpatienten ausgeblieben.

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