Ärzte Zeitung online, 11.02.2009

Wirt gesteht nach Wetttrinken: "Ich bin verantwortlich für Lukas Tod"

BERLIN (dpa). Vor gut zwei Jahren trank sich der 16-jährige Lukas W. nach einer Wette mit dem Wirt der Berliner Cocktailbar "Eye T" mit mindestens 45 Tequila ins Koma. Vier Wochen später starb er an den Folgen des Wettsaufens. Der Fall hatte damals bundesweit für Entsetzen gesorgt. Am Mittwoch räumte der Kneipier im Prozess vor dem Berliner Landgericht erstmals eine moralische Schuld ein.

"Ich bin verantwortlich für den Tod, mein Tun ist nicht zu rechtfertigen. Es war falsch ohne Wenn und Aber", ließ der 28-jährige Berliner über seine Verteidigerin erklären. Der Angeklagte wirkte ruhig und gefasst, wollte aber nicht selber vor Gericht sprechen. Die Anklage wirft ihm Körperverletzung mit Todesfolge vor (wie berichtet).

"Ich habe gänzlich versagt in meiner Rolle als Gastwirt", hieß es ferner. Der Angeklagte bedauere und bereue das Wetttrinken. Mit dem Tod habe er aber nicht gerechnet und ihn nicht gewollt. Das Gericht müsse entscheiden, ob er sich strafbar gemacht habe. In weiteren 174 Fällen soll der Gastwirt Alkohol an Kinder und Jugendliche ausgeschenkt haben.

In den Gerichtssaal im Sicherheitstrakt des Landgerichts hatte sich der türkischstämmige Mann in Jeans und weißem Pulli durch einen Hintereingang hineinführen lassen. Er wollte sich nicht fotografieren lassen. Über seine Anwältin hatte er sogar gedroht, nicht zu erscheinen, wenn er gefilmt werde. Zu dem Prozess waren auch zahlreiche Kamerateams gekommen.

Der Wirt wollte die Wette um jeden Preis gewinnen, verlas Staatsanwalt Reinhard Albers die Anklage. Weil er fürchtete, Lukas nicht gewachsen zu sein, wies er den Kellner an, ihm Wasser zu servieren. Erstmals im Prozess gab der Kneipier laut Erklärung zu, dass er nach den ersten 4 bis 5 Tequilas Wasser trank, Lukas davon aber zunächst nichts wissen ließ. Sein späteres Angebot an den Jungen, ebenfalls Wasser zu trinken, habe dieser abgelehnt. Lukas wollte unbedingt weitermachen, behauptete der Angeklagte. Der Junge habe zu ihm gesagt, "ich bin sturzbesoffen, aber ich halte durch".

An das Ende des Wetttrinkens in dem inzwischen geschlossenen Charlottenburger Lokal am frühen Morgen des 23. Februar 2007 kann sich der Wirt eigenen Angaben nach nicht erinnern. Als er ging, sei der Junge ansprechbar gewesen, behauptete der gelernte Bürokaufmann laut Verteidigerin. Aushilfskellner hatten die Feuerwehr alarmiert. Lukas fiel mit 4,4 Promille ins Koma.

Der Fall hatte bundesweit eine Diskussion über den alarmierenden Alkoholkonsum unter Kindern und Jugendlichen ausgelöst. Trotz aller Mäßigungsappelle ist "Koma-Saufen" weiter im Trend. Lukas Mutter hofft auf einen Schuldspruch und eine Strafe ohne Bewährung. Sie war aber nicht vor Gericht erschienen. Den Anwälten zufolge hätte sie die öffentliche Aufmerksamkeit nicht ertragen können.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, rief zu einer strengen Anwendung des Jugendschutzgesetzes auf. Es gebe in Deutschland keinen Mangel an Gesetzen oder Sanktionen - es gebe aber einen Mangel im Vollzug der Gesetze, sagte sie im NDR 2. Auch Erwachsene sollte sich dafür verantwortlich fühlen, dass das Gesetz eingehalten werde.

Richter Peter Faust verwies darauf, dass im Prozess allein geklärt werden solle, ob den Angeklagten eine individuelle Schuld am Tod von Lukas treffe. "Wir werden das Problem nicht lösen, wie zu verhindern ist, dass Jugendliche sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken", argumentierte das Gericht. Der Gastwirt war im Juni 2007 verhaftet worden und kam vor einem Jahr wieder auf freien Fuß. Der Prozess gegen ihn soll am 18. und 25. Februar sowie am 11. März fortgesetzt werden. In der Anklage sind mehr als 70 Zeugen benannt.

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