Ärzte Zeitung online, 05.05.2009

Rinderknochen-Implantate wider Willen: Chefarzt vor Gericht

MARBURG (dpa). Weil er einer Patientin gegen ihren Willen ein Rinderknochen-Implantat eingesetzt haben soll, muss sich ein früherer Chefarzt des Universitätsklinikums Marburg am Dienstag vor Gericht verantworten.

Der 67-Jährige ist vor dem Landgericht Marburg wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt; es ist der erste Prozess gegen ihn in dieser Sache. Bereits seit rund vier Jahren wird gegen den Mediziner allerdings wegen der Verwendung von abgelaufenen oder nicht zugelassenen Implantaten ermittelt. Es seien etwa 20 von ursprünglich knapp 300 Fällen zur Anklage gebracht worden, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Montag.

Der frühere Chefarzt soll bei Knochenoperationen nicht zugelassene Metall- oder Rinderknochen-Implantate verwendet haben, deren Verfallsdatum bis zu einem Jahr überschritten war. Er soll seinen Patienten die Implantate ohne deren Wissen und bisweilen sogar gegen ihren Willen eingesetzt haben. In einer Vielzahl der Fälle habe sich der Verdacht aber nicht erhärtet, und die Ermittlungen seien eingestellt worden, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Im aktuellen Fall hatte sich die Patientin laut Staatsanwaltschaft vor ihrer Knieoperation im Februar 2003 ausdrücklich gegen ein Rinderknochen-Implantat ausgesprochen. Gesundheitliche Probleme wegen des Implantats seien bei der Patientin bislang nicht bekannt, sagte die Sprecherin. Der Ex-Medizinprofessor schweige zu den Vorwürfen.

Das Uniklinikum hatte die Staatsanwaltschaft verständigt, nachdem es durch einen anonymen Hinweis auf den Fall aufmerksam geworden war. Der damalige Chefarzt war zunächst suspendiert worden. Inzwischen ist er im Ruhestand. Das mögliche Strafmaß bei gefährlicher Körperverletzung beträgt sechs Monate bis zehn Jahre.

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