Ärzte Zeitung online, 22.06.2009

Prozess um Boykottaufruf von Contergan-Geschädigten

KÖLN(dpa). Ein Boykott-Aufruf von Contergan-Opfern gegen Produkte der Unternehmerfamilie Wirtz beschäftigt an diesem Mittwoch das Landgericht Köln. Der Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer (BCG) hatte dazu aufgerufen, Produkte der Gruppe zu boykottieren.

Zum Firmenimperium gehören der Pharma- und Contergan-Hersteller Grünenthal und die Dalli-Gruppe mit dem Wasch- und Reinigungsmittelproduzenten Dalli und dem Kosmetikhersteller Mäurer + Wirtz. Mäurer + Wirtz klagte gegen den Boykott und erreichte eine einstweilige Verfügung.

Der kleinere BCG vertritt den offensiven Flügel der Contergan- Opfer. Die angekündigte freiwillige Zahlung Grünenthals von 50 Millionen Euro hatte der Vorsitzende Andreas Meyer im vergangenen Jahr als Verhöhnung der Opfer bezeichnet. Seine Organisation fordert einen Schadensausgleich von fünf Milliarden Euro für die 2700 noch lebenden Opfer. Meyer hat weder Arme noch Beine.

In ihrer Antragsschrift habe das Unternehmen den Boykottaufruf als verwerflich bezeichnet, teilte Meyer mit. Ihm würden wirtschaftliche Interessen unterstellt. Damit werde der jahrzehntelange Kampf der Opfer um eine gerechte Entschädigung als Gewinnstreben diffamiert, kritisierte er. "Skrupelloser kann man nicht von seiner eigenen Verantwortung an dem Elend Tausender ablenken wollen."

Die Dalli-Gruppe mit rund 2000 Beschäftigten habe zu keinem Zeitpunkt thalidomidhaltige Produkte erforscht, entwickelt, produziert oder vertrieben, betonte der Geschäftsführer der Gruppe, Ulrich Grieshaber, in einer Erklärung: "Wir haben aktuell und auch historisch nichts mit den Vorfällen um Contergan zu tun. Ein Boykottaufruf ist aus diesem Grund unberechtigt und unverantwortlich."

Das Schlafmittel Contergan der Firma Grünenthal hatte Ende der 50er Jahre einen der größten Arzneimittelskandale in der deutschen Geschichte ausgelöst. Viele Schwangere hatten es damals eingenommen - auch weil es gegen Übelkeit half. Später stellte sich heraus, dass das Medikament in den Wachstumsprozess von Ungeborenen eingreifen kann. Weltweit kamen rund 10 000 Kinder mit schweren körperlichen Missbildungen zur Welt - vor allem an Armen und Beinen.

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