Ärzte Zeitung online, 21.09.2009

Broelsch: "Vorwürfe bewegen sich auf dem Niveau von Karl-May-Geschichten"

ESSEN (dpa). Jahrelang galt er als Aushängeschild für den Medizinstandort Deutschland: Professor Christoph Broelsch erfreute sich weltweit höchsten Ansehens. Er behandelte als Chefarzt am Essener Universitätsklinikum den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau genau wie mehr als 5000 weitere Patienten.

Seit 2007 jedoch fühlt sich der renommierte Transplantationschirurg als Betrüger abgestempelt, diskreditiert und in seiner Ehre verletzt. Zum Auftakt seines Prozesses wegen Betruges, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung zeigte sich der 65-Jährige am Montag vor dem Essener Landgericht aber keineswegs resigniert, sondern trotzig und selbstbewusst.

Kaum hatten die Vertreter der Staatsanwaltschaft in mehr als 90 Minuten die beiden Anklageschriften verlesen, holte Broelsch zum Gegenschlag aus: "Die Vorwürfe bewegen sich auf dem Niveau von Karl-May-Geschichten: Sie sind gut erzählt, aber nicht wahr."

Nein, er habe niemals todkranke Kassenpatienten dazu gedrängt, der Klinik insgesamt rund 200 000 Euro zu spenden, um schneller und vor allem durch den Chefarzt selbst behandelt zu werden, sagte Broelsch. Nein, er habe nicht bewusst falsche Steuererklärungen abgegeben und so 300 000 Euro Steuern hinterzogen. Und, wieder nein, er habe auch keine privaten Krankenversicherungen um 108 000 Euro geprellt, indem er bei 22 Patienten seine persönlichen - hohen - Honorarsätze abrechnete, die entsprechenden Operationen aber gar nicht selbst durchgeführt hatte.

Als der Angeklagte seine Ausführungen beendet hatte, ließen sich einige Zuschauer im großen Gerichtssaal 101 des Essener Landgerichts sogar zu lautem Beifall hinreißen. Richter Wolfgang Schmidt, Vorsitzender der XXI. Strafkammer, unterband dies jedoch sofort. "Das ist ein Gericht und kein Theater", sagte er.

Der Hintergrund: Die Zuschauerbänke waren mit mehreren ehemaligen Patienten des renommierten Chirurgen besetzt. Einige äußerten ihr Unverständnis über die Anklagevorwürfe und beteuerten: "Ich habe den Professor als guten Menschen kennengelernt. Einmal hat er sogar seinen Urlaub unterbrochen, um selbst operieren zu können."

Andere Prozesszuschauer bezeichneten den 65-Jährigen dagegen als "Betrüger". Eine Frau behauptete, der Chirurg habe ihrer Versicherung 5000 Euro für eine Operation abgenommen, die er selbst nicht übernommen habe. "Ich hoffe auf eine Verurteilung", sagte die 60-Jährige.

Das Gericht hat zunächst noch 21 Verhandlungstage für den Prozess angesetzt. Nach den derzeitigen Planungen soll das Urteil unmittelbar vor Weihnachten, am 23. Dezember, gesprochen werden.

Lesen Sie dazu auch:
Transplantationsmediziner Broelsch setzt sich gegen Anklage zur Wehr

[23.09.2009, 12:05:12]
Michel Rodzynek 
Operation gelungen; Patient tot
Der spektakuläre Prozess gegen den Essener Transplantationsmediziner Prof. Christoph Broelsch erinnert an den bekannten Spruch: Hurra, Operation gelungen; Patient tot.

Da wird ein international angesehener Chirurgen bereits zwei Jahre vor seinem Prozess suspendiert (und damit unwiderruflich vorverurteilt), der unzähligen Menschen das Leben gerettet hat. Damit bestraft der Rechtsstaat insbesondere auch die Patienten, für die ein Arzt dieser Güte überlebenswichtig wäre. Aber Ordnung muss schliesslich sein; zumindest da, wo keine Gegenwehr zu erwarten ist. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt darf vergleichsweise ungestraft auf Kosten der Steuerzahler mit Luxuslimousine und Fahrer in den fernen Spanienurlaub. Und wenn man schon für mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Medizin im deutschen Gesundheitswesen sorgen möchte, dann müsste eben genau diese Dame auf die Anklagebank. Die staatsanwaltlich aufgeblasenen Vorwürfe gegen Prof. Christoph Broelsch sind nichts im Vergleich zu den desaströsen Folgen einer gescheiterten Gesundheitsreform, bei der nur noch über Geld und Strukturen, kaum aber über Gesundheit und Medizin debattiert wird. Mal abgesehen von dem öffentlichen Tabuthema Organspende. Immer wieder hat sich Christoph Broelsch für die dringende Notwendigkeit einer zu mobilisierenden Spendenbereitschaft engagiert; unentgeltlich und ungeachtet heftiger Reaktionen auf seine Vorschläge. Der traurige Prozess gegen diesen verdienstvollen Mediziner erscheint mir auch als langersehnte Reaktion auf eine patriarchische Person, dessen aufrichtige Liebe zu seinem Beruf allerdings immer größer war als die Fähigkeit zur Einordnung in hierarchische Strukturen. Und dafür kann man im heutigen Deutschland schon mal auf der Anklagebank landen.  zum Beitrag »

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