Ärzte Zeitung online, 21.05.2010

Lebenslang für "Todesengel" - Krankenschwester verurteilt

DRESDEN (dpa). Insulin war ihre Waffe: Wegen Mordes, Mordversuchs und zwei Körperverletzungen hat das Landgericht Dresden am Freitag eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft verurteilt. Die von Medien "Todesengel" genannte 33-Jährige kann frühestens nach 15 Jahren erstmals den Antrag auf vorzeitige Haftentlassung stellen.

Die Richter sprachen zudem ein lebenslanges Berufsverbot für die Krankenschwester aus. "Bianca D. kann man nicht mehr in die Nähe von Alten und Kranken lassen", sagte die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand.

Die Schwurgerichtskammer sah es als erwiesen an, dass die Angeklagte ihre Adoptivmutter aus Heimtücke und Habgier getötet, einen Patienten aus Frust zu töten versucht sowie ihre Großmutter und einen weiteren Patienten geschädigt hat. Vom Mordvorwurf an ihrem ersten Ehemann wurde sie indes mangels Beweisen freigesprochen.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidiger wollten prüfen, ob sie Revision beim Bundesgerichtshof einlegen.

Nach 40 Verhandlungstagen sei erwiesen, dass Bianca D. ihre 57-jährige Adoptivmutter "aus Heimtücke und Habgier" mit einem Beruhigungsmittel betäubt und einer Überdosis Insulin getötet hat, so Wiegand. Das Opfer habe Geld und eine hochdotierte Lebensversicherung gehabt und sei der Angeklagten ein Klotz am Bein gewesen. Zwar spreche vieles auch für die Tötung des Ehemanns, dies sei aber nicht zu beweisen. "Da gibt es viele Merkwürdigkeiten", sagte Wiegand. So sei die Todesursache unklar. Der Fall war vor zehn Jahren als Selbstmord eingestuft und nicht anderweitig ermittelt worden.

Überdosen Insulin hat Bianca D. nach Überzeugung des Gerichts auch einem 72-jährigen Patienten und ihrer Großmutter gespritzt. Der Mann war ins Koma gefallen und nicht mehr erwacht. Die Kammer wertete dies als Mordversuch. Da die Angeklagte für die 84-jährige Großmutter einen Notarzt gerufen hatte, bewertete die Kammer das Geschehen als gefährliche Körperverletzung und nicht als Mordversuch - wie bei einem zweiten Patienten. Der 58-Jährige war von ihr betäubt worden, ehe sie einen Brand im Zimmer legte.

Richterin Wiegand geht davon aus, dass Bianca D. sich so als spektakuläre Retterin in Szene setzen wollte. "Sie hat sich immer als Perfekte gesehen, wollte alles unter Kontrolle haben", so die Richterin.

Angesichts der schweren Kindheit - die Angeklagte wuchs ohne familiäre Geborgenheit bei einer asozialen Mutter auf - verzichtete die Kammer auf die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, wie sie von der Staatsanwaltschaft gefordert worden war. "Bianca D. kann nicht adäquat mit Konflikten umgehen. Statt sie auszutragen, tritt sie die Flucht an", sagte Wiegand. Die zweifache Mutter war am 30. Juli 2008 verhaftet worden. Da stand die Familie kurz vor der Übersiedlung in die Schweiz. Bei der Hausdurchsuchung wurden sowohl Insulin als auch Beruhigungsmittel aus dem Krankenhaus gefunden.

Gegenüber der Polizei bestritt Bianca D. die Taten, in dem seit August 2009 laufenden Prozess schwieg sie. Obwohl die Kammer 144 Zeugen - ihre Opfer sind inzwischen tot - und diverse Sachverständige hörte, erfuhr sie so gut wie nichts über die Persönlichkeit der von den Medien "Todesengel" getauften Angeklagten.

Sie hatte im Gerichtssaal sowohl Angaben zu ihrer Person als auch die Verwertung ärztlicher Gutachten über sich verweigert. Bei der Urteilsverkündung wirkte die zierliche dunkelhaarige Frau relativ gefasst: Sie zeigte weder Emotionen noch irgendeine Regung.

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