Ärzte Zeitung, 14.10.2010

Britische Juristen machen Jagd auf klagefreudige Patienten

In Großbritannien ermuntern Rechtsanwälte Patienten, gegen Kliniken und Ärzte zu klagen.

Britische Juristen auf Jagd nach klagefreudigen Patienten

Nur Pfund im Kopf? Britische Advokaten, die Jagd auf Patienten machen, sorgen offenbar für Unmut in der Ärztschaft.

© Sandra van der Steen / imago

LONDON (ast). Ambulance Chaser - so beschreiben britische Ärzte Rechtsanwälte, die sich darauf spezialisiert haben, Patienten zu ermuntern, ihren Arzt zu verklagen. Diese "Rettungswagen-Jäger" kosten den britischen Gesundheitsdienst jährlich hohe Millionenbeträge. Innerhalb der Ärzteschaft wächst der Unmut angesichts steigender Patientenklagen und höherer Beiträge zur Berufshaftpflicht.

Wie aus aktuellen Zahlen des Londoner Gesundheitsministeriums hervor geht, wurden in den vergangenen fünf Jahren insgesamt rund 52 000 Patientenklagen gegen Ärzte des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) eingereicht. Das kostete den NHS rund acht Milliarden Pfund (rund 10,2 Milliarden Euro).

"Britische Patienten sind heute klagefreudiger als je zuvor", so eine Sprecherin des britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" in London. Und: "Die Briten haben offenbar von ihren amerikanischen Cousins gelernt."

Während die Zahl der gegen behandelnde NHS-Ärzte angestrengten Gerichtsverfahren in den vergangenen fünf Jahren um zwölf Prozent stieg, explodierte die ausgezahlte Schadensersatzsumme um 157 Prozent. Besonders ärgerlich ist nach Meinung vieler britischer Ärzte, dass in immer mehr Verfahren die Rechtsanwälte mehr Geld bekommen als die Patienten.

Laut Londoner Gesundheitsministerium gab es in den vergangenen fünf Jahren landesweit rund 5500 Prozesse gegen Mediziner, in denen die Juristen mindestens doppelt soviel Geld einstrichen wie die klagenden Patienten - durchschnittlich 36 000 Pfund (46 000 Euro) für den Anwalt, umgerechnet rund 19 200 Euro für den Patienten.

Klinikärzte berichten, dass einige Kanzleien inzwischen soweit gehen und Juristen in die Warteräume großer staatlicher Notfallstationen schicken, damit sie wartende Patienten ermuntern, ihren Arzt oder die Klinik zu verklagen. Das geschieht laut BMA häufig auf der "no win no fee"-Basis: Der Anwalt erhält nur dann ein Honorar, wenn er den Prozess gewinnt.

Nach Statistiken verdienten Juristen in den vergangenen fünf Jahren dreistellige Millionenbeträge mit Prozessen gegen britische Ärzte und Kliniken. 48 Prozent der vom NHS ausgezahlten Schadenersatzsumme geht inzwischen an Rechtsanwälte. Vor fünf Jahren waren es noch 35 Prozent.

Innerhalb der britischen Ärzteschaft und Öffentlichkeit werden daher in jüngster Zeit Forderungen laut, dem Abkassieren der Juristen gesetzlich einen Riegel vorzuschieben. "Es ist ein Skandal, dass sich Rechtsanwälte bereichern, indem sie NHSPatienten anstacheln, ihre Ärzte zu verklagen", lautete der Kommentar der auflagenstarken Tageszeitung "Daily Mail".

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »