Ärzte Zeitung online, 31.07.2011

Korruptes Gesundheitswesen - wie tief ist der Sumpf?

WÜRZBURG (eb). Ob Ärzte, Apotheker, Physiotherapeuten, Hörgeräte-Akustiker, Kliniken oder Pharmakonzerne: Vor allem sie gehören zu Schmiergeld-Empfängern und -Gebern. Das sagt der Kriminalhauptkommissar und Spezialisten für Wirtschaftskriminalität Uwe Dolata aus Würzburg. Für ihn ist das Gesundheitswesen die "größte Baustelle im Bereich Korruption".

Korruptions-Sumpf Gesundheitswesen?

Ärzte sind nicht per se korrupt - aber eben manchmal doch, sagt ein Experte für Wirtschaftskriminalität.

© Udo Kroener / fotolia.com

Es sind provokante Einschätzungen, die Dolata in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" (Samstagsausgabe) äußerte.

Bis zu 20 Milliarden Euro könnten nach Schätzungen dem Gesundheitswesen in Deutschland verloren gehen. Allerdings liege die Dunkelziffer bei Korruption in diesem Bereich bei 97 Prozent, sodass man mit dieser Zahl nicht wirklich operieren könne, sagte Dolata.

Als ein Beispiel für mögliche Korruption nannte Studien, in denen Medikamente erforscht würden. Es sei schwierig festzustellen, ob solche von Pharmafirmen in Auftrag gegebenen Studien sinnvoll seien, oder ob sie lediglich Mittel zum Zweck seien, um Schmiergeld-Zahlungen an Ärzte zu verschleiern.

Gesundheitswesen: Komplex und intransparent

Warum scheitert die Korruptionsbekämpfung im Gesundheitswesen bislang? Dolata nennt dafür mehrere Gründe:

Intransparenz: Viele Abläufe im Gesundheitswesen könnten nur Fachleute verstehen. Und es sei auch ein Problem, dass Patienten nicht direkt mit Ärzten und Apothekern direkt abrechneten.

Mangelndes Kow-how der Ermittler: Es fehle bei der komplexe Materie Gesundheitswesen das Fachwissen und das notwendige Personal. Die Verfahren seien von Gutachterstreitigkeiten geprägt.

Gesetzeslage: Nichtangestellte Ärzte gelten als Unternehmer und können sich nicht der Korruption strafbar machen. Allerdings verwies Dolata auf den Fall zweier niedergelassener Ärzte, die in Ulm wegen Bestechlichkeit zu je einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung und Geldstrafen verurteilt worden waren. Sie sollen Schecks im Wert von mehr als 20.000 Euro von einem Pharmakonzern erhalten haben. Die Ärzte hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Gelegenheit macht korrupt

Die Ärzteschaft sei aber nicht besonders korrupt oder hätte kriminelle Energie, sagte Dolata. Er machte vielmehr die strukturellen Probleme im Gesundheitswesen, die komplizierten lückenhaften Gesetze und die enormen Geldströme verantwortlich.

Außerdem begünstige der Zwang, zu sparen und gleichzeitig Gesundheitseinrichtungen wie Kliniken gewinnorientiert zu betreiben, die Korruption. Am besten im Kampf gegen Korruption seien Tranzparenz und klare gesetzliche Regeln.

Lesen Sie dazu auch:
Bestechliche Ärzte? Juristen sind sich uneins

[02.08.2011, 19:35:52]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Alliterationen allüberall
Die Realität hat mich rapide erreicht und überrundet, was asylsuchende Politiker bei Pharmafirmen polarisiert: Mappus zu Merck klingt doch klüger als Mappus zurück zu Siemens. zum Beitrag »
[01.08.2011, 11:56:39]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Undifferenziertes Haudrauf?
Es gehört zur Tragik der 'Frankfurter Rundschau', einen hervorragenden, kritischen Kolumnisten und Kollegen Dr. med. Bernd Hontschik zu haben, der in seiner chirurgischen Frankfurter Gemeinschaftspraxis Höhen und Tiefen vertragsärztlicher Arbeit reflektiert. Und zugleich eine FR-Redaktion 'Gesundheitspolitik', die fast ausschließlich nach dem Motto kolportiert: 'Only bad news are good news'.

Dazu gehört ein Bericht von und mit dem Kriminalhauptkommissar (KHK) und Spezialisten für Wirtschaftskriminalität Uwe Dolata aus Würzburg. Ob wirklich das Gesundheitswesen die "größte Baustelle im Bereich Korruption" sein soll, wage ich zu bezweifeln. Der kriminalistische Kollege könnte z. B. die Bauindustrie mit Fug und Recht auch als Großbaustelle korrupter Machenschaften bezeichnen. Die Zementindustrie hatte meines Wissens eine der höchsten Strafzahlungen leisten müssen. Die gesamte Energiewirtschaft einschließlich der Atomlobby steht derzeit im Zentrum von Ermittlungen. Banken und Versicherungen segeln üblicherweise unter den Fittichen der staatlichen Wirtschaftspolitik und haben deshalb trotz Bankenkrise ('Bad Bank'), Anlage- und Versicherungsbetrug bzw. krasser Fehlberechnungen (kürzlich bei 'Riester'-Renten) nichts zu befürchten. Siemens, Post und Telekom seien hier nur am Rande erwähnt.

Namhafte Politik- und Wirtschaftsgrößen bekommen bei einschlägigen Firmen Asyl: Prof. Bert Rürup bei Maschmeyers AWD, jetzt MaschmeyerRürup-AG. Ex-BK Gerhard Schröder bei GAZPROM mit RWE-Allianz. Hessischer Ex-MP Dr. Roland Koch nach kurzer Einarbeitung Vorstandsvorsitz bei Bilfinger & Berger. Ex-Außenminister Joschka Fischer bei RWE und OMV (Nabucco-Pipeline).

Aber zurück zum Gesundheitswesen: 20 Milliarden € sollen dem deutschen Gesundheitswesen jährlich verloren gehen, wird behauptet. Dazu wird mit einer Dunkelziffer von 97 % operiert, was in etwa mit der tatsächlichen Erfolgsquote der Helicobacter-Pylori-Eradikation übereinstimmt. Das Problem ist dabei aber ein Statistisches: Wäre die Dunkelziffer nur noch 3 Prozent höher, ließen sich bei 100 % Dunkelheit überhaupt keine Angaben über Korruptionsverluste in Euro machen. Daraus ergibt sich, dass beide Zahlen das Stadium des Kaffeesatzlesens nicht mal erreichen.

Im Gesundheits- und Krankheitswesen wurden übrigens 2010 grob geschätzt 290 Milliarden umgesetzt, davon ca. 180 Milliarden in der GKV. Die
'Gesundheitsbericherstattung der Bundes' (Tabelle aktualisiert am 01.08.2011 10:29 Uhr unter "www.gbe-bund.de") berichtet für 2009 von 278,345 Milliarden Euro Gesamtausgaben, einschließlich PKV, IGEL, sonstige Gesundheitsdienstleister, Heilpraktiker usw.:
http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=3&p_aid=14152532&nummer=322&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=25863283

Bei einem annualen Anstieg von 10-15 Milliarden sind 290 Milliarden Gesamtumsatz für 2010 realistisch. Und selbst wenn 20 Milliarden € in der Abteilung "Korruptes Gesundheitswesen" lt. Herrn KHK Dolata im 'Konjunctivus irrealis' verloren gehen sollten, sind das 6,9 %. Das bedeutet immerhin zu 93,1 Prozent Korruptionsfreiheit. Die zum Nachweis von Korruption speziell bei Ärzten immer wieder angeführten Arzneimittelstudien zu Therapie und Evaluation von Wirkungen, Nebenwirkungen, Compliance und Risiken sind einfach lachhaft. Ein kurzer Blick in das Arzneimittelgesetz (AMG) gestattet jedem Experten und auch Laien die Erkenntnis, dass Beobachtungsstudien dort g e s e t z l i c h v o r g e s c h r i e b e n sind!

Wie versöhnlich, selbst wenn das Gesundheits- und auch Krankheitswesen
"komplex und intransparent" ist und es 'Gelegenheit macht Diebe' oder "korrupt" heißt. Selbst KHK Uwe Dolata konzediert: Die Ärzteschaft sei aber nicht besonders korrupt oder hätte kriminelle Energie!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM (z. Zt. Bergen aan Zee)
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Was schützt wirklich vor der prallen Sonne?

Auch beim Sonnenschutz setzen immer mehr Menschen auf Naturprodukte. Forscher haben die Schutzwirkung von Samen und Ölen untersucht - mit zwiegespaltenem Ergebnis. mehr »

"Abwarten und Teetrinken geht nicht mehr"

Unser London-Korrespondent Arndt Striegler beobachtet die Brexit-Verhandlungen hautnah - und ist verwundert über die May-Regierung, während die Ärzte immer mehr in Panik verfallen. mehr »

Pflege bleibt Problembereich

Der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen ist 2016 drastisch zurückgegangen. Die erweiterten Kontrolloptionen der Leistungsträger müssen aber erst noch Wirkung zeigen. mehr »