Ärzte Zeitung online, 12.08.2011

Millionenbetrug mit Arzneien: Apotheker erhält Bewährungsstrafe

Die Arzneimittel waren für Kliniken vorgesehen - doch verkauft wurden sie an Altenheime und Großhändler. Für diesen Betrug wurde ein Apotheker aus Lübeck verurteilt. Der 67-Jährige ist vor Gericht geständig, beschuldigt aber auch eine Krankenkasse der Mitwisserschaft.

Von Eva-Maria Mester

Apotheker gesteht Millionenbetrug mit Medikamenten

Betrug mit Pillen: Dafür wurde der Apotheker jetzt verurteilt.

© Blickwinkel/imago

LÜBECK. Jahrelang haben ein Apotheker aus Lübeck und vier mutmaßliche Mittäter verbilligte Klinikmedikamente als normale Apothekenware an Heime, Gefängnisse, Arztpraxen und Patienten verkauft und daran gut verdient. Geschädigte waren die Hersteller der Medikamente.

In einem ersten Prozess hat das Landgericht Lübeck am Freitag einen der Verantwortlichen, den 67 Jahre alten ehemaligen Inhaber einer Lübecker Apotheke, wegen gewerbsmäßigen Betruges zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren rechtskräftig verurteilt.

Staatsanwalt: Auch Großhandel und Krankenkasse involviert

"Ich übernehme die Verantwortung für die Taten, auch wenn ich in vielen Fällen nicht selbst daran beteiligt war", sagte der Angeklagte.

Staatsanwalt Hans-Peter Lofing betonte, das Lübecker Verfahren sei das bislang umfassendste dieser Art in Deutschland.

"Hier saßen auch ein Pharmagroßhandel und Mitarbeiter von Schleswig-Holsteins größter Krankenkasse mit im Boot", betonte er.

Voraussichtlich noch in diesem Jahr sollen in Lübeck die Prozesse gegen einen Mitarbeiter des am Freitag verurteilten Apothekers, die Geschäftsführerin eines Pharmagroßhandels aus dem Kreis Segeberg und zwei Beratungsapotheker der AOK Schleswig-Holstein beginnen.

Gesamtschaden bei rund 2,5 Millionen Euro

Insgesamt rund 1350 Taten mit einem Gesamtschaden von 2,5 Millionen Euro werden dem Quintett angelastet, an 870 davon war der 67-Jährige direkt beteiligt.

Bestraft wurde er am Ende für 446 Fälle mit einem Schaden von knapp einer Million Euro. Dabei wurden unter anderem die Vorwerker Heime in Lübeck, die Justizvollzugsanstalten Lübeck, Kiel und Neumünster, Dialysezentren sowie ein Praxisnetz mit rund 400 Arztpraxen im Raum Kiel mit Klinikmedikamenten beliefert. "Die AOK wusste das und hat mitgemacht", sagte der Angeklagte.

Das Zwei-Preis-System, das die Krankenhäuser finanziell entlasten soll, wird vom Apothekenverband seit Jahren als betrugsfördernd kritisiert.

Hersteller würden Vertriebswege nicht kontrollieren

Auch der Verteidiger des Angeklagten, Gerd-Joachim Schulz, beklagte in seinem Plädoyer, dass die Vertriebswege durch die Hersteller praktisch nicht kontrolliert würden.

"Man gewinnt den Eindruck, dass die Unternehmen Umsatz um jeden Preis machen wollen und deshalb das Betrugsrisiko hinnehmen", sagte Schulz.

Möglich wurde der Betrug, weil die Lübecker Apotheke auch als Krankenhausapotheke zugelassen war und deshalb bei den Pharmaherstellern Ware zu deutlich günstigeren Klinikkonditionen bestellen konnte.

Zusätzlich forderte er bei den Herstellern auch noch den sogenannten Herstellerrabatt ein. (dpa)

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