Ärzte Zeitung online, 03.11.2011

Tote Frühchen und eine Informationspanne

Nach dem Tod von drei Frühchen am Bremer Klinikum Mitte läuft die Ursachensuche auf Hochtouren - bislang ohne Ergebnis. Staatsanwälte und Politiker sind schockiert über die mangelhafte Informationspolitik der Klinik. Ärzte fordern Hygienebeauftragte.

Bremer Frühchentod - Ruf nach Konsequenzen

Guter Ratschlag an der Eingangsschleuse zur Neonatologie am Klinikum Bremen-Mitte.

© dpa

BREMEN (cben/eis/nös). Im Fall der gestorbenen Frühchen am Klinikum Bremen-Mitte ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen", sagte Staatsanwalt Frank Passade der "Ärzte Zeitung".

Die Neugeborenen - ein Mädchen und zwei Jungen - hatten sich im Klinikum Bremen-Mitte mit einem Keim infiziert und waren gestorben.

In einem Bericht von "Radio Bremen" hieß es, die Frühchen seien über verunreinigte Nährlösungen mit dem Keim Klebsiella pneumoniae in Berührung gekommen. Diese Meldung kursierte bereits am Mittwoch.

"Wir wissen nicht, woher diese Information stammt", sagte Dr. Matthias Gruhl von der Bremer Gesundheitsbehörde, "wir wissen aber, dass dies eine Fehlmeldung ist."

Sachverständige sollen den Fall untersuchen

Die Staatsanwaltschaft will nun "medizinische Sachverständige heran ziehen", so Passade. Außerdem prüft die Staatsanwaltschaft, ob Stationspersonal die Keime eingeschleppt haben könnte.

"Zehn weitere Frühchen sind besiedelt, aber nicht erkrankt", sagt Karen Matiszick, Sprecherin der Klinikholding "Gesundheit Nord", zu der das Klinikum gehört .

Die Abteilung wurde geschlossen. Neue Patienten werden in der Neonatologie der Professor-Hess-Kinderklinik in Bremen versorgt. Die Kreißsäle der Frauenklinik bleiben jedoch in Betrieb.

Ähnliche Fälle auch in Hamburg

Ein weiterer Klebsiellen-Ausbruch wurde derweil aus Hamburg bekannt. Im Asklepios-Klinikum Barmbek hatten sich Anfang September 18 Kinder in der Neonatologie mit ESBL bildenden Klebsiella infiziert, teilte die Klinik mit.

Bei allen Kindern wurden die Keime nachgewiesen. Allerdings entwickelten nur zwei Erkrankungssymptome, die sich nach einer antibiotischen Intervention besserten.

Das Hamburger Gesundheitsamt hatte den Ausbruch der Mitteilung zufolge am 17. Oktober für beendet erklärt.

"Konsequenzen anderer Art"

Unterdessen herrscht Verwirrung über den Informationsfluss zwischen Klink-Holding, Gesundheitsamt und Senatorin. Die Klinikführung habe das Gesundheitsamt "sehr früh" eingeschaltet, so Matiszick.

Und weiter: "Wir haben bereits im August das vorgeschriebenen Ausbruchsmanagement gestartet und glaubten, das Problem beseitigt zu haben. Der neuerliche Ausbruch stellt uns vor Rätsel."

Der "Weser-Kurier" zitierte Gesundheitssenatorin Renate Jürgens Pieper (SPD), sie hätte spätestens im Oktober eingeschaltet werden müssen und kündigte "Konsequenzen anderer Art" an.

Staatsanwalt irritiert über den Informationsfluss

Am Donnerstag ließ die Senatorin dann erklären, sie sei falsch zitiert worden. Bevor man eventuellen Informationspannen nachgehe, wolle man zunächst die Quelle des Erregers finden, so die Gesundheitsbehörde.

Auch die Staatsanwaltschaft ist nach wie vor irritiert über den Ablauf. Man habe aus der Presse von den Todesfällen in der Neonoatologie erfahren, bestätigte Staatsanwalt Passade entsprechende Berichte vom Mittwoch.

Das Robert Koch-Institut (RKI) erwägt derweil, eine Fallkontrollstudie durchzuführen. Seit Mittwochmittag sucht ein dreiköpfiges Team des Robert Koch-Institutes nach der Quelle.

Ein erster Bericht der RKI-Experten soll Ende November vorliegen, sagte Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper am Abend.

Kritik am Gesundheitsamt

Sie schränkte allerdings ein: "Es ist durchaus möglich, dass die Infektionsquelle nie gefunden wird." Mit Blick auf die erhobenen Vorwürfe verwies sie auf das RKI-Team. Das habe bestätigt, dass die ergriffenen Maßnahmen richtig gewesen sein.

Indirekt Kritik übte sie aber am Verhalten des Gesundheitsamtes. Bereits am 7. September soll die Behörde von der Klinik über die Infektionen informiert worden sein.

Allerdings sei die nächste Instanz, als die Gesundheitssenatorin, erst lange später informiert worden. "Das ist, finde ich, nicht richtig", sagte Jürgens-Pieper.

Meldepflicht: Ja oder Nein

Infektionen mit Klebsiella sind nicht meldepflichtig, der Klinik wäre an dieser Stelle zunächst also kein Vorwurf zu machen.

Allerdings schreibt Paragraf 6, Absatz 5 des Infektionsschutzgesetzes vor, dass bei "zwei oder mehr gleichartigen Erkrankungen" mit einem epidemischen Zusammenhang, eine namentliche Meldung obligatorisch ist.

Insgesamt betrachtet sind Nosokomialinfektionen zudem keine Seltenheit. Allein in Deutschlands Kliniken sterben laut Schätzungen jedes Jahr fast 20.000 Menschen an den Folgen.

Situation in Europa sehr besorgniserregend

Auf dieses Problem hat der Direktor des Max-Planck-Institutes für Infektionsbiologie in Berlin, Professor Stefan Kaufmann, bereits vor einigen Monaten aufmerksam gemacht.

Die Situation sei mit Ausnahme der Niederlande "in ganz Europa sehr besorgniserregend". Neue Antibiotika fehlten weitgehend, die gegen resistente Staphylokokken und Enterokokken wirksam sind, hatte Kaufmann im Februar am Rande eines Kongresses in Washington gewarnt.

Neugeborene und besonders Frühgeborene sind durch solche Keime, wie jetzt etwa Klebsiella, besonders gefährdet.

Geburtsgewicht ist entscheidend

Bei ihnen ist vor allem das Geburtsgewicht entscheidend: Je leichter sie sind, desto höher ist die Erkrankungshäufigkeit durch Infektionen.

Eine Auswertung des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System, kurz KISS, für die Jahre 2006 bis 2010 kam zu dem Ergebnis: Von 970 Neugeborenen unter 500 Gramm mussten 519 wegen einer schweren Infektion behandelt werden (53,5 Prozent).

Bei den Neugeborenen unter 1000 Gramm waren es 3708 Infektionen auf 11.121 Kinder, bei den 17.420 Säuglingen unter 1500 Gramm waren es "nur" noch 1804 Infektionserkrankungen.

In Deutschland gibt es rund 80 Kliniken für Neonatologie und noch einmal deutlich mehr spezialisierte Abteilungen.

Magen-Darm-Trakt ist typisches Reservoir

Auf den neonatologischen Stationen hat es auch in der Vergangenheit schon Ausbrüche von Klebsiella gegeben.

Hauptreservoir der Keime sind infizierte Patienten, bei denen besonders der Gastrointestinaltrakt befallen ist, heißt es in den Konsensusempfehlungen Baden-Württemberg zum Umgang mit hochresistenten Enterobakterien (Hyg Med 2010; 35: 40).

In seltenen Fällen könne dabei auch der Magen-Darm-Trakt von Klinikmitarbeitern kolonisiert sein. Privatdozent Stephan Ott vom Uniklinikum Schleswig-Holstein am Campus Kiel vermutet, dass sich in Bremen die Frühchen über einen solchen Dauerausscheider infiziert haben.

Resistenzen bereiten Sorgen

Besonders die zunehmenden Resistenzen machen den Infektiologen große Sorgen. So gibt es ESBL-bildende Klebsiellen (Extended-Spectrum-Beta-Lactmase), gegen die außer Penicillinen und Cephalosporinen der 3. Generation auch Chinolone und Carbapeneme unwirksam sind.

Offenbar waren die Frühchen in Bremen mit solchen Keimen infiziert, denn nach Aussagen der Klinik hatte kein Antibiotikum bei den Kleinkindern angeschlagen.

Gegen solche Enterobakterien gibt es keine wirksamen Antibiotika mehr in der Primärtherapie. "Inzwischen werden auch Enterobakterien isoliert, gegen die überhaupt keine Antibiotika mehr wirksam sind", sagte Ott im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Auch Tröpfcheninfektionen sind möglich

Werden die Keime isoliert, ist die Isolierung des betroffenen Patienten sowie ein ganzer Katalog an Maßnahmen zur Prävention einzuhalten.

Die Erreger werden über Kontakt mit Stuhl, infizierten Wunden oder erregerhaltigen Sekreten weitergegeben, ebenso über kontaminierte Flächen oder Gegenstände wie unter vielen anderen auch Stethoskop, Ultraschallgel oder Blutdruckmanschetten.

Bei oropharyngealer Besiedlung mit dem Keimen sind offenbar auch Tröpfcheninfektionen möglich. Wichtigste Basismaßnahmen sind eine penible Händehygiene und die Isolierung des Patienten.

Hygienebeauftragte gefordert

Kliniken sind zudem gehalten, gegebenenfalls den Einsatz von Cephalosporinen der 3. Generation einzuschränken. "Resistente Klebsiellen und andere Keime nehmen zu, und Ausbrüche damit sind in jeder Klinik möglich", betont Ott.

Er spricht sich daher für eine Stärkung der Hygiene in Krankenhäusern aus. "Hygienebeauftragte haben heute einen geringen Stellenwert", kritisierte er.

Sie würden ihre Arbeit in der Regel zusätzlich zu einer normalen Tätigkeit machen und dafür nicht eine Minute freigestellt werden. Klinikbetreibern sei zu empfehlen, dafür mehr Ressourcen für Personal und Fortbildung zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie dazu auch:
Tod der Frühchen in Bremen: Infektionsquelle weiter unklar

[04.11.2011, 16:22:40]
Dr. Ursula Günther 
Zu viel oder zu wenig Hygiene?
Zu viel Vorsicht kann auch schon wieder gefährlich werden, das wissen wir ja. Zu viel Hygiene erhöht angeblich die Allergieentwicklung und gibt anderen Keimen, die, da sie in der Minderzahl sind und sonst keine große Chance hätten, plötzlich eine Chance, sich zu vermehren. Auch die Auseinandersetzungsmöglichkeit des menschlichen Organismus mit den Keimen durch zu viel "Antibiose" und Prävention/Hygiene wird geschwächt. Sollte man sich nun wirklich um noch mehr Hygiene bemühen? zum Beitrag »

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