Ärzte Zeitung, 11.06.2012

Methadon-Tod in Hamburg - KV zieht vor Gericht

Der Tod der elfjährigen Chantal in Hamburg zieht eine Debatte über die Vergabe von Methadon nach sich. Nachdem die substituierenden Ärzte scharf gegen die KV gepoltert hatten, zieht die jetzt vor Gericht.

Von Anno Fricke

Chantals Tod - KV Hamburg wehrt sich gegen Vorwürfe von Suchtärzten

Trauer um Chantal: Der Fall hat zu einem Zerwürfnis zwischen KV und DSÄ geführt.

© Marcus Brandt / dpa

BERLIN. Die Praxis der Methadonabgabe in Hamburg beschäftigt nun die Gerichte.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg hat der "Ärzte Zeitung" mitgeteilt, dass sie vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Generalsekretär des Dachverbandes substituierender Ärzte Deutschlands (DSÄ) beantragt hat.

Der Verband hat sich hinter seinen Funktionär gestellt und wehrt sich gegen den Versuch, ihm einen "Maulkorb" umzuhängen.

Dr. Ingo Rempel hatte am 18. Mai in einer Pressemitteilung die "laxe Weitergabe von Methadon und anderen Drogenersatzstoffen im Rahmen einer Substitutionstherapie" als Skandal bezeichnet.

Es komme nicht von ungefähr, dass in Hamburg die meisten Methadon-Toten Deutschlands registriert würden. Im Januar war in der Hansestadt die elfjährige Chantal an einer Methadonvergiftung gestorben.

Vorwurf des Rechtsbruchs

Der Stoff war in der Wohnung ihrer drogenabhängigen Pflegeeltern für das Kind zugänglich aufbewahrt worden.

Auf diesen konkreten Vorfall ging auch die DSÄ-Mitteilung ein: Da der Ersatzstoff missbräuchlich wie eine Droge verwendet werde, dürfe er nur unter strengen gesetzlichen Bestimmungen verabreicht werden.

Wörtlich schrieb Rempel: "Diese Gesetze werden in Hamburg seit Jahrzehnten gebrochen. KV, Behörden und Senat wissen das."

Die KVHH hatte daraufhin von Rempel verlangt, diese Behauptung bis zum 31. Mai entweder zurückzunehmen oder sie nachprüfbar zu belegen. Nachdem die Frist verstrichen war, habe man die einstweilige Verfügung beantragt, teilte die KVHH auf Anfrage mit

Bauernopfer Jugendamt?

Der DSÄ sieht dagegen die KVHH in der Pflicht, sich zu rechtfertigen. "Wenn jemand an Methadon stirbt, hat die Kassenärztliche Vereinigung eine Nachforschungspflicht", teilt der 1. Vorsitzende des DSÄ, Dr. Wilhelm Siepe, mit.

Stattdessen suche die KVHH die "Bauernopfer" im Jugendamt. Das Jugendamt sei jedoch nicht für die Arzneimittelsicherheit zuständig, sagt Siepe.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt wegen des Todes der kleinen Chantal laut Medienberichten gegen fünf Mitarbeiter des Jugendamtes, die Pflegeeltern selbst sowie gegen den Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE).

Das zuständige Hamburger Bezirksamt hat die Zusammenarbeit mit dem freien Träger inzwischen gekündigt. Dessen Mitarbeiter hatten die Familie, in der Chantal lebte, betreut.

[12.06.2012, 13:04:44]
Dr. Mustafa Ayhan 
Panikmacherei!
Es ist sicher eine Tragödie das Chantal sterben musste weil es immer noch Abhaengige gibt die unverantungsvoll mit den Substituten umgehen, doch waere eine Verschaerfung der m.M. bereits schon viel zu strengen Abgabeverordnung bestimmt keine Lösung.
Es ist ein kleiner Anteil von sehr labilen Patienten und dadurch würde man die bestrafen welche sich ihrer Verantwortung bewusst sind und ein vernünftiges Leben mit den Ersatzstoffen führen können.
Ich meine wenn man die Menschen wieder in die Illegalitaet treibt dann besteht genauso die Gefahr dass Kinder Zugang zu Heroin u.a. haben und versehentlich eine tödliche Dosis einnehmen könnten.
Stattdesen sollte man die Eltern in einer weise bestrafen dass es abschreckend wirkt und alle Anderen zu mehr Vorsicht mahnt.
Es höhrt sich zwar sehr herzlos an aber solche Unfaelle sind im Vergleich zum Schaden der bei noch mehr Verschaerfung entstehen würde leider das kleinere Übel.
Man sollte auch mal drüber nachdenken dass man anstelle der unaufalligen Flaeschchen besser solche mit mit einem grossen Totenkopfaufdruck o.ae. verwenden würde, und der Sirupzusatz der den i.v. Konsum unterbinden soll ist auch eine süsse Einladung für Kinder, wo hingegen ein bitteres Medikament bestimmt uninteressant waere. Aber es ist ja wichtiger als ein Kinderleben dass die Leute sich das Methadon nicht spritzen sollten.
Die Zustaendigen sollten ihre Prioritaeten mal überdenken!!! zum Beitrag »
[12.06.2012, 09:58:39]
Rudolf Egeler 
Methadon-Tod und kein Ennde
Solange die Methadon-Abgabe in den Praxen nicht strenger gehandhabt wird, werden "Kollateralschäden"( Handel mit dem Stoff, Abfüllen der "Home"-Do- sis in Hustensaftflaschen und Verabreichung des Inhalts an Kinder etc.) immer wieder vorkommen(auch in unserer Region so geschehen). Der DSÄ wäre gut beraten, mal stichprobenartig a l l e substit.Praxen auf die Abläu- fe zu prüfen(und zwar regelmäßig) - denn jedes solch unbeteiligtes Opfer
ist eines zuviel.Eigentlich sindda ja auch die lokalen Gesundheitsbehörden
gefragt.
 zum Beitrag »

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