Ärzte Zeitung online, 30.08.2012

Arztfehler?

Kieler Gericht muss über Millionenklage entscheiden

Weil ein Kinderarzt bei einem kleinen Jungen einen Magen-Darm-Infekt statt einer Hirnhautentzündung diagnostizierte, mussten dem Kind beide Beine und etliche Fingerglieder amputiert werden. Ab Freitag muss ein Kieler Gericht über Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe entscheiden.

Von Karen Katzke

KIEL. Der kleine Jeremy war gerade zwei Jahre alt, als seine Eltern ihn im März 2007 in eine Notfallpraxis brachten.

Der diensthabende Kinderarzt diagnostizierte statt einer bakteriellen Hirnhautentzündung eine Magen-Darm-Grippe. Er schickte den kleinen Patienten aus Neumünster (Schleswig-Holstein) und dessen Eltern mit einem Rezept nach Hause.

Die Folgen waren fatal: Der Junge fiel ins Koma, zwei Monate kämpften Ärzte der Uni-Klinik Lübeck um sein Leben. Beine und Fingerglieder an beiden Händen des Kindes mussten wegen einer Blutvergiftung amputiert werden.

Nun kämpfen Jeremys Angehörige um Schadenersatz in Höhe von mindestens einer Million Euro. Am Freitag beschäftigt sich das Kieler Landgericht mit dem Fall.

Arzt bestreitet Kunstfehler

Mehrere Sachverständigen-Gutachten bescheinigten, dass dem niedergelassenen Kinderarzt aus Neumünster ein grober Behandlungsfehler unterlief, der ihm nach den Regeln der ärztlichen Kunst nicht hätte unterlaufen dürfen.

Der Pädiater hätte demnach bei den Beschwerden des kleinen Notfallpatienten eine Blutuntersuchung und die sofortige Einweisung in eine Klinik veranlassen müssen.

Für die Folgen der dramatischen Fehldiagnose müsste die Haftpflichtversicherung des Kinderarztes einstehen - eigentlich. Doch der Arzt und seine Versicherung bestreiten seit Jahren einen Kunstfehler.

Eine gütliche außergerichtliche Einigung, die der auf Arzthaftung spezialisierte Rechtsanwalt Frank Albert Sievers anstrebte, lehnen sie ab.

Der Untersuchung des kleinen Jungen sei nach geltenden medizinischen Standards vorgenommen worden, argumentieren Arzt und Versicherung.

Über den Fall muss jetzt das Kieler Landgericht entscheiden. Am Freitag ist ein Verkündungstermin. Ob es schon zu einer abschließenden Entscheidung des Gerichts mit einer festgesetzten Schadenshöhe kommt, ist offen. (dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Zahl der Atemwegsinfekte bundesweit stark erhöht

In der 7. KW wurden 22.813 Influenza-Fälle an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet, das sind rund 8000 mehr als in der Woche zuvor. mehr »

Welcher Sport tut den Gefäßen gut?

Sportliche Menschen scheinen anfälliger für atherosklerotische Koronarveränderungen zu sein als faulere. Neue Studiendaten legen nahe, dass dabei die Sportart von Bedeutung ist. mehr »

Bald Bluttest auf Brustkrebs?

18.30 hForscher an der Universität Heidelberg haben ein neues Verfahren entwickelt, mit dem sich über einen Bluttest Brustkrebs leichter erkennen lässt. Die Sensitivität wird mit 75 Prozent angegeben. Doch es gibt auch kritische Stimmen. mehr »