Ärzte Zeitung, 23.06.2016

Niels H. und die Pflege-Morde

Unverantwortliche Taten(losigkeit)

Die Ermittlungen gegen Niels H. nehmen kein Ende. In wie vielen Fällen der ehemalige Krankenpfleger Gott gespielt hat, ist immer noch offen. Es stellt sich die Frage: Welche Verantwortung tragen die Klinikleitungen?

Ein Leitartikel von Christian Beneker

Unverantwortliche Taten(losigkeit)

Niels H. bei seinem ersten Prozess vor zwei Jahren. Der endete bereits mit Lebenslänglich.

© Ingo Wagner / DPA

OLDENBURG. In sachlicher Manier, aber sichtlich betroffen berichtete Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme am Mittwoch die neuesten Ermittlungsergebnisse zu den Morden des ehemaligen Krankenpflegers Niels H.

"Das Grauen hört nicht auf", kommentierte Kühme. "Die Ermittlungen können noch nicht abgeschlossen werden."

Gemeint ist der Umstand, dass Niels H. in Delmenhorst offenbar mehr Menschen getötet hat als angenommen und nun nachweislich nicht nur dort, sondern auch zuvor im Klinikum Oldenburg.

Kühmes Urteil über die Arbeit der Klinikleitungen ist verheerend: "Heute spricht vieles dafür, dass die Morde im Klinikum Delmenhorst hätten verhindert werden können."

Und in Richtung Oldenburg fragt er, warum die auch dort in der Tat vorliegenden Hinweise nicht erst genug genommen wurden.

Vielleicht sei dem Klinikum Oldenburg "der gute Ruf wichtiger gewesen als das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten" - eine Bemerkung freilich, die Kühme selbst als "Spekulation" bezeichnet.

Die neuen Fakten

Minister Gröhe warnt vor Kontrollwahn

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat angesichts der mutmaßlichen Klinikmordserie in Niedersachsen vor einen Kontrollwahn an Krankenhäusern gewarnt. Pflegekräfte dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden, sagte der CDU-Politiker.

Gröhe: "Es muss angemessene Kontrollen geben, aber keinen Kontrollwahn, der die Kollegialität der Vermutung opfert, jeder andere könnte ein Monster sein, das zu derart schrecklichen Verbrechen in der Lage ist." (dpa/eb)

Staatsanwaltschaft und Polizei gehen davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle im ehemaligen städtischen Krankenhaus Delmenhorst verantwortlich ist. In sechs Fällen wurde er bereits vom Landgericht Oldenburg verurteilt - unter anderem wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe.

Nach zahlreichen Exhumierungen und Gewebeuntersuchungen teilte die Sonderkommission "Kardio" der Oldenburger Polizei mit: "Insgesamt wurden in 99 Fällen Verstorbene exhumiert, obduziert und wieder beerdigt. Bei 27 Verstorbenen konnte der Wirkstoff ‚Ajmalin‘ festgestellt werden."

Bei 65 Toten konnte ein solcher Nachweis nicht geführt werden. In sieben Fällen liegen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch nicht vor.

In vier weiteren Fällen sind die Verstorbenen im Ausland - in der Türkei oder in Polen - beigesetzt worden. Niels H. habe die Tötungen grundsätzlich zugegeben, so die Ermittler.

Dennoch wird in Delmenhorst weiter ermittelt. Die Ermittler stellten weitere Zeiten fest, in denen H. Dienst hatte und gleichzeitig die Sterberate auf der Intensivstation auffällig hoch war.

Drei Sterbefälle in einer Schicht?

Zum Teil starben während H's Schichten drei Patienten. Allerdings konnte man in den Körpern der zu dieser Zeit Gestorbenen kein Ajmalin feststellen. Deshalb sucht man nun "andere Präparate", mit denen H. getötet haben könnte.

Mehr noch. Nach den Erkenntnissen der Ermittler wird H. nun auch verdächtigt, im Klinikum Oldenburg sechs Menschen getötet zu haben, und zwar mit Ajmalin und in vier Fällen mit Kalium. Insgesamt wurden neun Fälle untersucht, von denen vier tödlich verliefen.

Auch hier hat H. zugegeben, Patienten mit Kalium in einen "reanimationswürdigen Zustand" gebracht zu haben, der "zum Teil auch tödlich" verlief.

Zurzeit werden "mehrere hundert Patientenakten" auf Verdachtsmomente geprüft. Eventuell müssen auch hier weitere Leichen exhumiert werden. Viele Taten wird man wohl nie aufklären können, denn die Toten wurden verbrannt.

"Nicht ein Klinikum oder eine Führungskraft hat getötet, sondern ein Einzeltäter, Niels H." sagt Dr. Dirk Tenzer, Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg, angesprochen auf die Verantwortung - aber wohl auch in Bezug auf die Spekulationen des Polizeipräsidenten.

Tenzer ist in einer schwierigen Lage, er muss die Scherben zusammenkehren. Einerseits habe es, als Niels H. vor 15 Jahren in Oldenburg gearbeitet hat, Gerede gegeben auf dem Flur, sagt er.

Warum wurde nicht gehandelt?

Auch existierten eine handschriftliche Liste mit zweifelhaften Reanimationen sowie weitere Notizen. Daraus geht hervor, dass es während der Schichten des ehemaligen Pflegers exorbitant mehr Todesfälle als in anderen Schichten gegeben habe, wie Staatsanwalt Martin Rüppell von der Staatsanwaltschaft Oldenburg bestätigt.

"Außerdem gab es Leute im Krankenhaus, die überzeugt waren, dass etwas nicht stimmt", so Tenzer. Da wird die Kritik des Polizeipräsidenten nachvollziehbar: Warum wurde nicht gehandelt?

Da aus dem Klinikum Delmenhorst derart detaillierte Dokumente offenbar nicht vorliegen und der Geschäftsführer am Donnerstag nicht zu sprechen war, muss man zunächst das Klinikum Oldenburg fragen:

Auch wenn keine Geschäftsführer direkt an den Taten beteiligt waren - waren sie nicht dennoch verantwortlich? Natürlich waren sie das! Oder sie hätten das Haus nicht wirklich geführt.

Verantwortung in diesem Sinne heißt: "Ich bin zuständig". Mindestens aus heutiger Sicht muss man sagen, dass nicht nur die Taten, sondern auch die Tatenlosigkeit in Oldenburg unverantwortlich waren.

Ob jene grundsätzliche Verantwortung in der Leitung nun auch im juristischen Sinne gilt, ist Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

Tenzer indessen wird man Verantwortungslosigkeit nicht vorwerfen dürfen. Er, der seinerzeit noch nicht Geschäftsführer war, hat inzwischen ein Whistleblower-System installiert, eine Abteilung für Recht- und Compliance-Management eingerichtet, ebenso ein Unit-Dose-System für Medikamente.

Nächstes Jahr startet in seinem Haus eine risikoadjustierte Mortalitätsbetrachtung. - So lässt der Schock von Oldenburg und Delmenhorst wenigstens hoffen, dass die Verantwortung für unverantwortliche Verhältnisse in Kliniken wächst.

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