Ärzte Zeitung, 27.06.2016

Urteil

Krankenkasse muss Kosmetikerin bezahlen

Transsexuelle dürfen auf Kosten der Kasse auch eine Kosmetikerin in Anspruch nehmen, wenn keine zeitnahe ärztliche Bartentfernung möglich ist. Das hat das Sozialgericht Berlin entschieden.

Von Martin Wortmann

BERLIN. Mann-zu-Frau-Transsexuelle müssen sich nicht Jahrzehnte gedulden, bis Ärzte ihren männlichen Bartwuchs entfernt haben. Können die Krankenkasse und auch die Kassenärztliche Vereinigung keine Praxis benennen, die die Behandlung zeitnah und zügig durchführt, dürfen Betroffene hierfür auch eine Kosmetikerin in Anspruch nehmen, wie jetzt das Sozialgericht (SG) Berlin entschied.

Im Streitfall hatte die Krankenkasse die Kosten einer geschlechtsangleichenden Operation übernommen. Die männlichen Haare könnten dann durch einen niedergelassenen Arzt entfernt werden, etwa in der Praxis B. Diese Praxis teilte der Transsexuellen allerdings mit, dass die Elektrokoagulation nur für höchstens fünf Minuten pro Woche durchgeführt werde.

Die noch bärtige Transsexuelle rechnete hoch, dass die Haarentfernung damit insgesamt 60 Jahre dauern würde. Das empfand sie als unzumutbar. Zudem hatte eine in der vorgeschlagenen Praxis behandelte Freundin Narben zurückbehalten.

Daher suchte sie eine Kosmetikerin auf und reichte die Rechnung in Höhe von 2628 Euro an ihre Krankenkasse weiter. Die muss nun auch bezahlen, wie das SG Berlin in seinem bereits rechtskräftigen Urteil vom 15. März 2016 entschied, das vergangene Woche veröffentlicht wurde.

Unbestritten habe die Transsexuelle Anspruch auf die Behandlung. Denn ihr äußeres Erscheinungsbild müsse dem empfundenen Geschlecht "deutlich angenähert" sein. Ein Gesichtsbart stehe einem weiblichen Erscheinungsbild aber entgegen.

Auch habe die Frau eine Kosmetikerin aufsuchen und sich dort behandeln lassen dürfen. Denn auch dem Gericht hätten weder die Krankenkasse noch die KV eine Praxis benennen können, die die Behandlung in einem angemessenen Zeitrahmen durchgeführt hätte. Zudem gehe auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen davon aus, dass Kosmetiker die Haarentfernung gleichwertig vornehmen könnten.

Sozialgericht Berlin

Az.: S 51 KR 2136/13

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Bessere Versorgung nur mit weniger Kliniken möglich

Fast jedes zweite Krankenhaus sollte geschlossen werden, um die Versorgung zu verbessern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. mehr »

Spahn will Pflegekräfte aus dem Kosovo

Gesundheitsminister Jens Spahn treibt die Zusammenarbeit mit dem Kosovo voran. Ziel ist es, Arbeitskräfte für den Pflegesektor in Deutschland anzuwerben. mehr »

Spahn trennt Medizinische Dienste vom Kassensystem ab

An diesem Mittwoch berät das Bundeskabinett über das MDK-Reformgesetz von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Neuer Streit ist programmiert. mehr »