Ärzte Zeitung online, 02.11.2017

Strafprozess

Gefährlicher Massenrausch vor dem Kadi

STADE. Teilnehmer wälzten sich schreiend auf dem Boden, einige wurden bewusstlos: Zwei Jahre nach dem Massenrausch bei einem Seminar um die "persönliche Selbsterfahrung" und die "Förderung der Bewusstseinsentwicklung" hat der angeklagte Diplom-Psychologe und Psychotherapeut eingeräumt, damals Drogen verteilt zu haben.

"Ich bestätige, dass die Anklagevorwürfe zu Recht erhoben wurden", sagte der 52-Jährige am Donnerstag zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Stade.

Er habe den 27 Teilnehmern Kapseln mit dem Halluzinogen 2C-E angeboten, in denen ohne sein Wissen auch die psychoaktive Substanz DragonFly enthalten gewesen sei. Er sprach von einem "Unfall" und entschuldigte sich bei den Betroffenen. Es habe sich um eine "freiwillige, selbstverantwortlich Einnahme" gehandelt.

Über 160 Rettungskräfte waren am 4. September 2015 wegen des Vorfalls im niedersächsischen Handeloh im Einsatz. Die 27 Teilnehmer des Seminars und die beiden Organisatoren – der Angeklagte und seine Ehefrau – wurden etwa mit Krämpfen, Wahnvorstellungen und Herzrasen in Krankenhäuser gebracht. Schnell stellte sich heraus, dass es um ein Drogenexperiment ging.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten das Überlassen von Betäubungsmitteln zum unmittelbaren Verbrauch und Drogenbesitz vor. Das Verfahren gegen die Ehefrau des Angeklagten – eine Heilpraktikerin – wurde bereits gegen eine Geldbuße eingestellt.

Laut Anklage sollte im Rahmen einer äußerst umstrittenen Therapieform, der sogenannten Psycholyse, eine Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Das bestritt der Angeklagte, auch wenn er die Therapieform begrüße. Dafür sei 2C-E in der verabreichten Dosis unbrauchbar. Er selbst und seine Frau hätten die Substanz unwissentlich eingenommen, wohl beim Trinken, sagte er.

Es sei kein Treffen von Heilpraktikern in der Lüneburger Heide gewesen, sagte der Angeklagte weiter. Vom Arzt bis zum Friseur, vom Psychologen bis zum Erzieher seien ganz unterschiedliche Teilnehmer dabei gewesen, erläuterte er. (dpa/maw)

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