Ärzte Zeitung online, 31.01.2019

"Erhebliches Verschulden"

Fehlt Op-Besteck, Patienten sofort einbestellen

Abwarten ist die falsche Taktik, wenn der Verdacht besteht, dass Teile eines Instruments nach einer Op im Körper des Patienten verblieben sind. Vielmehr gilt es, die Patienten einzubestellen, um Schaden abzuwenden – sonst kann es teuer für den Arzt werden.

Von Martin Wortmann

020a0801_8264302-A.jpg

Sind alle Instrumente wieder aus dem Körper entfernt? Nach einer Operation gilt es, penibel nachzuzählen.

© Tobilander / stock.adobe.com

OLDENBURG. Fehlen nach einem Operationstag Teile eines Instruments, müssen die Klinik oder Praxis die damit operierten Patienten zu einer Nachuntersuchung einbestellen. Unterbleibt dies, liegt ein „grober Behandlungsfehler“ vor, wie jetzt das Oberlandesgericht (OLG) Oldenburg entschied. Danach muss ein Arzt ein Schmerzensgeld von 20.000 Euro bezahlen.

Ein 46-jähriger Mann hatte sich bei dem Arzt ambulant am Kniegelenk operieren lassen. Am Abend des Behandlungstages fehlte die Metallspitze des für die Op verwendeten Trokars. Eine Suche in der Praxis blieb ohne Erfolg. Daher machte sich der Arzt eine Notiz für den Fall, dass die Trokarspitze im Körper eines Patienten verblieben sein könnte.

Vier Wochen später kam der 46-Jährige mit starken Schmerzen erneut in die Praxis. Die Metallspitze wurde auf einer Röntgenaufnahme entdeckt und daraufhin bei einer weiteren Operation entfernt.

Nach seinen Angaben klagt der Patient seitdem über Schmerzen bei längerem Stehen oder mittellangen Fußwegen. Seinem Hobby Bergwandern könne er nur noch eingeschränkt und dem Hobby Volleyball gar nicht mehr nachgehen. Mit seiner Klage verlangte er ein „angemessenes Schmerzensgeld“.

Beide Seiten gingen in die Revision

Das Landgericht Osnabrück sprach dem Mann ein Schmerzensgeld in Höhe von 12.000 Euro zu. Beide Seiten riefen die nächste Instanz an: Der Patient wollte mehr, der Arzt nur 7.500 Euro zahlen. Das OLG erhöhte das Schmerzensgeld nun auf 20.000 Euro. Dabei seien die Folgen für den Patienten und auch das „ganz erhebliche Verschulden des Arztes“ zu berücksichtigen.

Der Patient habe einen dauerhaften Knorpelschaden erlitten, was den „vormals sportlich sehr aktiven Mann“ in seiner Lebensführung erheblich einschränke.

Keine Kontrolle veranlasst

Der Arzt habe das Fehlen der Metallspitze zwar bemerkt, sich zunächst aber „damit abgefunden, dass einer seiner Patienten hierdurch erheblich verletzt werden könnte“. Weder beim Verbandswechsel noch beim Fädenziehen habe er eine Kontrolle veranlasst. Erst wegen der erheblichen Schmerzen des Mannes sei er aktiv geworden.

„Dies begründet einen so erheblichen Vorwurf gröbster Fahrlässigkeit, dass zur Genugtuung des Klägers eine deutliche Erhöhung des Schmerzensgeldes erforderlich ist“, heißt es in dem Urteil. Die Revision hiergegen hat das OLG Oldenburg nicht zugelassen. Der Arzt kann hiergegen aber noch Beschwerde beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe einlegen.

Kürzlich hatte das OLG Stuttgart einem Patienten 10.000 Euro für eine im Körper verbliebene Nadel zugesprochen. Operateure müssten mit einer „Zählkontrolle“ sicherstellen, dass keine Instrumente im Körper des Patienten vergessen wurden.

Oberlandesgericht Oldenburg

Az.: 5 U 102/18

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

App-Branche macht Spahn Druck

In einem "Manifest für die Digitalisierung im Gesundheitssektor" fordern 47 Unternehmen aus der App-Branche, dass sich Deutschland stärker für digitale Innovationen öffnet. mehr »

Arztvorbehalt erhitzt weiter die Gemüter

Der Änderungsantrag der Koalition zum Notfallsanitätergesetz schlägt weiter hohe Wellen. Dabei wolle man nicht am Arztvorbehalt kratzen, so Rettungsdienst-Vertreter. Es gehe vielmehr um etwas ganz Anderes. mehr »

Behandlung nicht kostendeckend?

Fußamputationen werden im DRG besser vergütet als deren Verhinderung. Und die Honorierung von Fußambulanzen in der Regelversorgung reicht hinten und vorne nicht. mehr »